Donnerstag, 27. November 2014

Trügerische Ergebnisse

Meine Omi musste in den letzten Monaten regelmäßig in die ambulante Onkologie. Um die einzelnen Chemozyklen zu bekommen, ihr Blut untersuchen zu lassen und natürlich mit dem Onkologen zu sprechen und CT-Ergebnisse zu erfahren.
Das vorletzte Kontrollgespräch hatte sie am 1. Oktober, nachdem einige Tage zuvor ein CT gemacht worden war. Meine Mama begleitete sie. Einer von uns war immer bei den Arztterminen dabei. Der Onkologe, ein freundlicher und geduldiger Arzt, nahm sich immer sehr viel Zeit. Manchmal bis zu anderthalb Stunden.
Am 1. Oktober gab es viel Positives zu berichten, angesichts der Schwere der Erkrankung meiner Omi. Das CT zeigte einen Wachstumsstop der Metastasen in der Leber. Weitere Metastasen in anderen Organen waren nicht sichtbar. Der Tumormarker, ein zuverlässiger Krankheitsverlaufsindikator bei der Krebserkrankung meiner Omi war signifikant gesunken. Auf 40 (im Sommer während ihres Rückfalls lag er bei über 700). Die Leberwerte hatten sich verbessert. Die bestmöglichen Nachrichten also. Es hatte sich ein wenig Wasser in der Lunge meiner Omi gesammelt. Was aber noch nicht besorgniserregend war. Meine Omi fühlte sich gut. Die Chemo am nächsten Tag konnte stattfinden.

Wir feierten das Ergbnis ein bisschen. Am 3. Oktober, als wir uns im Garten trafen. Um die Einheit zu feiern bzw. einen Garteneinsatz zu machen. Mit Kesselgulasch. Wie jedes Jahr am 3. Oktober. Natürlich war mir bewusst, dass die Lage sich zu jedem Zeitpunkt ändern könnte. Dass die Krebszellen jederzeit Resistenzen gegen die Chemo entwickeln könnten. Aber ich war auch sehr erleichtert, dass es einmal mehr ein gutes Ergebnis gab. Dass meiner Omi weitere Zeit geschenkt wurde.

Einen Monat später. Am 30. Oktober. Das nächste Kontrollgespräch. Diesmal war ich mit dabei. Es ging nicht um Untersuchungsergebnisse, denn es gab keine neuen. Sondern der Onkologe wollte wissen, wie sich meine Omi fühlt. Es ging ihr nicht so gut. Sie hatte in den Tagen zuvor keinen Appetit und aß wenig. Dadurch hatte sie Probleme mit ihrem Zuckerspiegel. Einmal war sie so unterzuckert, dass wir einen Notarzt rufen mussten. Sie schlief lange. War allgemein sehr müde und schlapp. Der Onkologe fragte auch mich. Wollte wissen, wie ich die Situation einschätze. Ich berichtete ihm von der leichten Verwirrtheit meiner Omi. Sie hatte vor allem nach unserer Reise nach Braunschweig/in den Harz über meinen Geburtstag Probleme mit der örtlichen Orientierung. War sich manchmal nicht sicher, ob sie schon wieder zu Hause sei. Oder noch im Urlaub. Dies war immer nur für kurze Momente so. Meistens fiel ihr schnell wieder ein, was sie kurz zuvor nicht gewusst hatte. Der Arzt meinte, das muss man natürlich beobachten. Es könne aber sein, dass die Reise für sie zu anstrengend war. In den nächsten Tagen müsse sich das aber wieder legen, mit der Verwirrtheit. Und auch der Appetit sollte wiederkommen. Falls nicht, dann sollten wir uns kurzfristig melden. Und dann müsste man gegebenenfalls auch eine genauere Untersuchung des Kopfes durchführen. 
Abschließend fragte er meine Omi, ob sie trotz der verstärkten Nebenwirkungen weiterhin die Chemo bekommen möchte. Oder ob es ihr zu anstrengend sei. Und wie jedes Mal rief sie: "Nein, nein, auf jeden Fall weitermachen. Ich möchte weitermachen mit der Therapie!"

Am Abend fuhren wir zu meinen Eltern. Mein Vater hatte Geburtstag. Meiner Omi ging es ganz gut. Sie aß ordentlich und ließ sich noch etwas einpacken, für den nächsten Tag. Als ich sie am Abend nach Hause brachte, beschloss ich, die Nacht auf ihrem Sofa zu campieren. Und von dort aus am nächsten Morgen nach Braunschweig zur Arbeit zu starten. So konnte ich auch noch schauen, dass sie ordentlich Frühstück isst. Ich traf am nächsten Morgen noch auf die Schwester vom Pflegedienst. Auch sie äußerste sich besorgt über die letzten Tage. Und sie versprach, Mittags nachzuhaken, ob meine Omi gegessen hat.

Die nächsten Tage verliefen nicht viel besser. Meine Omi aß meist nur, wenn meine Mama oder Franzi bei ihr waren. Auch übergeben musste sie sich. Und durcheinander war sie. Dann aber wieder ganz klar. Sie hatte auch große Probleme, ihr Telefon ordentlich zu bedienen. Ein Telefon, was sie schon viele Jahre lang hatte. Oft legte sie nicht richtig auf, so dass wir sie dann stundenlang nicht erreichen konnten. Ich machte mir Sorgen wegen des mangelnden Appetites. Der hätte nämlich bedeuten können, dass die Metastasen in der Leber wieder wachsen. Wirkt die Chemo, wird sie wieder Appetit bekommen. Hatte uns der Onkologe im Krankenhaus gesagt. Damals, im Februar 2014. Und als sie im Sommer den Rückfall hatte, war das erste Anzeichen dafür auch die Appetitlosigkeit.
Wir warteten noch ein paar Tage ab, dann rief ich den Onkologen an. Er beruhigte mich. Denn am 31. Oktober war meiner Omi noch einmal Blut abgenommen worden. Die Ergebnisse waren mittlerweile da. Der Tumormarker war noch einmal gesunken. Auf 37. Und auch die Leberwerte hatten sich noch ein bisschen verbessert. Der mangelnde Appetit müsse nicht zwingend ein schlechtes Zeichen sein. Es kann auch einfach die Dauer der Chemo sein. Er hoffe auf das Ende der Chemo, meinte der Onkologe. Und die dann einsetzende Erholung für den Körper. Trotzdem sagte er, sollen wir wieder anrufen, wenn es eine weitere Verschlechterung gibt. Dann hätte er das nächste geplante CT vorgezogen.

Dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon die Metastasen in ihrem Kopf wuchsen, das ahnte ich nicht. Und der Onkologe vermutlich auch nicht. Ich war froh nach dem Gespräch. Rief später meine Omi an und sagte ihr, dass der Onkologe gesagt hatte, dass wir uns nicht zu viele Sorgen machen sollen.

Ein paar Tage später nur kam der verhängnisvolle Sonntag. Der 9. November. An dem meine Omi plötzlich nicht mehr ordentlich reden konnte. Und der Albtraum begann.

Heute vormittag hätte das nächste Arztgespräch stattfinden sollen. Der Onkologe wollte meine Omi vor dem sechsten und gleichzeitig letzten Chemozyklus noch einmal sehen. Die Chemo hätte sie morgen bekommen.

Hätte, wäre, wenn bringt zwar nichts, aber ich wünschte, dieser Termin heute hätte stattfinden können. Und alles wäre normal. So normal, wie es sein kann, bei einer Krebserkrankung.

Vorhin sagte Tamino: "Zu Weihnachten ist Omi Inge nicht mehr da. Stimmts? Und sie kommt auch nie, nie wieder." Auch wenn er die Endgültigkeit dessen noch gar nicht versteht.

Meine Tante. Meine Omi. Und meine Mama. Am 3. Oktober. Im Garten.


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