Weihnachten ist vorbei. Zum Glück. Am liebsten hätte ich mich am 23. Dezember abends verkrochen und wäre erst am 27. Dezember morgens wieder aufgewacht. Aber da das nicht ging, musste ich durch. Durch das Weihnachtsfest. Und ich fand es ganz schrecklich. Ohne meine Omi.
Meine Familie hat traditionell in der Vorweihnachtszeit zwei feste Verabredungen. Immer im November und Dezember.
Meistens kamen wir zuerst bei meiner Omi zusammen. Oft schickte sie eine Weile vorher an alle eine Einladungskarte. So richtig klassisch. Per Post. Wir folgten ihrer Einladung und versammelten uns in ihrer kleinen Bude, denn Platz ist in der kleinsten Hütte, wie sie immer sagte.
So wie hier, 2009. Zu Rouladen, Klößen und Rotkohl.
2011. Meine Omi vor der Walnusstorte, die sie immer für uns gebacken hat.
Und 2013. Das letzte Mal, dass meine Omi uns zum Weihnachtessen einladen konnte. Und dass die ganze Familie in ihrem kleinen Schlafzimmer an ihrem Esstisch saß.
Wenn wir uns bei meiner Omi trafen, waren Franzi und ich meist schon einige Tage zuvor bei ihr gewesen. Um ihr einen selbstgebastelten Adventskalender vorbeizubringen. Sie musste dann immer das Wohnzimmer verlassen, damit wir den Kalender auf ihrem Fensterbrett arrangieren konnten. So wie hier. 2009. Und jedes Jahr war sie aufs neue überrascht und freute sich sehr. "Habt Ihr mir wieder so einen schönen Kalender gebastelt!", sagte sie dann immer. Und oft berichtete sie dann am Telefon: "Heute hatte ich ja wieder etwas Schönes in meinem Kalender!"
In diesem Jahr konnten wir keinen Kalender mehr für sie basteln. Und sie keinen für uns. So wie all die Jahre zuvor.
Das zweite traditionelle Treffen vor Weihnachten fand immer bei meinen Eltern statt. Wir versammelten uns zum Weihnachtsbasteln.
So wie 2009, als wir Weihnachtskarten bastelten.
Und 2010. Da bauten wir Lebkuchenhäuser.
Und wegen des durchschlagenden Erfolges gleich noch einmal. 2011.
2012 haben wir uns an Weihnachtssternen versucht.
Und 2013 an Teelichthaltern. Das letzte Mal, dass meine Omi dabei war.
Dieses Jahr war alles anders. Wir haben uns getroffen. In der Vorweihnachtszeit. Als Familie. Um meine Omi beizusetzen. Unglaublich. Nach der Trauerfeier sind wir zu meinen Eltern gefahren. Meine Omi fehlte so sehr in unserer vertrauten Runde. Und die ganze Zeit dachte ich, warum kann sie denn nicht einfach dabei sein. So wie sonst auch immer. Bei unseren Familientreffen in der Vorweihnachtszeit.
Dieses Weihnachten war das erste Weihnachten, dass Franzi und ich ohne unsere Omi feierten. Und meine Mama ohne ihre Mama.
Weihnachten 1980. Bei meiner Omi in der Wohnung. Im Hintergrund sieht man die Wattebausche, die meine Omi, wohl als Schneeersatz, auf ihrem Weihnachtsbaum platziert hatte. Das ist mir zuvor noch nie aufgefallen. Jetzt würde ich wahrscheinlich mir ihr darüber lachen. Wenn sie noch da wäre.
Weihnachten 2009.
Wir haben zu Weihnachten immer einen Weihnachtsmann. Auch schon, als es Tamino noch nicht gab. Hier stecke ich im Kostüm. Meine Mama spielt Gitarre, und wir singen Weihnachtslieder. Gedichte sind auch zulässig. Sonst verteilt der Weihnachtsmann keine Geschenke.
2010. Wieder bin ich es. Im roten Mantel. Während Tamino mich anstarrt.
Weihnachten 2011.
Und 2013. Unser letztes gemeinsames Weihnachten. Meine Omi hatte sich vor einigen Jahren ein Liederbuch gekauft, mit den Weihnachtsklassikern. Damit sie immer textsicher war. Jedes Jahr brachte sie es mit. Hier beratschlägt sie gerade mit Tamino, welches Lied sie als nächstes anstimmen wollen.
Dieses Jahr an Heiligabend kam ich gegen Mittag aus Braunschweig nach Berlin. Mein erster Weg führte mich auf den Friedhof. Dorthin muss ich jetzt gehen, wenn ich meine Omi besuchen will. Ich fand es dort so traurig. Schon im Auto musste ich die ganze Zeit weinen. Auf dem Friedhof war es dann noch schlimmer. Ich habe zwei Kerzen für meine Omi angezündet. Und meiner Omi Frohe Weihnachten gewünscht. Und dann bin ich nach Müggelheim gefahren. Der Platz neben mir im Auto war leer. Normalerweise hätte dort meine Omi gesessen. Die ich zur Kaffeezeit mit ihrer Übernachtungstasche von zu Hause abgeholt hätte.
Wir machten dieses Jahr alles so wie immer. Aber nichts war wie immer.
Wir tranken Kaffee. Wir warteten auf den Weihnachtsmann. Wir packten Geschenke aus. Wir aßen Abendbrot. Und es war so traurig ohne meine Omi. Keiner hatte so richtig Lust auf Weihnachten. Wir haben auch keine Lieder gesungen. Oder Gedichte aufgesagt. Außer Tamino natürlich. Der sich auf den Weihnachtsmann freute, und auch ein bisschen was tun musste für seinen Geschenkeberg.
Es erschien mir so falsch, dass meine Omi nicht bei uns sitzen konnte. Sondern unter der Erde auf dem Friedhof lag. Dass sie nicht mit uns essen konnte. Und Geschenke auspacken. Es war so traurig.
Ich habe sie die ganze Zeit vor mir gesehen. Was sie sagen würde. Wie sie reagieren würde. Wie sie lachen würde. Wie ihr der Baum gefallen hätte. Wie sie sich über ihre Geschenke gefreut hätte. Wie sie die Kochkünste meiner Mama gelobt hätte. Wie sie das Geschenkpapierchaos nach dem Auswickeln beseitigt hätte. Wie sie Weihnachtslieder gesungen hätte. Und wie sie sich vor dem Schlafengehen für den schönen Heiligabend bedankt hätte.
Meine Omi hat Weihnachten immer bei meinen Eltern übernachtet. Genauso, wie Franzi, Anton und Tamino. Und ich natürlich. So konnten wir am nächsten Morgen immer zusammen frühstücken. Dieses Mal haben wir das nicht gemacht. Franzi, Anton und Tamino sind gegen Mitternacht nach Hause gefahren. Und ein Weihnachtsfrühstück am nächsten Tag gab es auch nicht.
Am Nachmittag des 1. Feiertages fuhren wir zu meiner (Groß)Tante Lilo, der Schwester meiner Omi. Auch eine Weihnachtstradition. Und auch das war so traurig. Ohne meine Omi.
Meine Omi hatte am Tisch immer einen Stammplatz. Wie hier. 2011. Dieses Jahr saß ich auf "ihrem" Stuhl.
Und genauso wie am Tag zuvor habe ich die ganze Zeit daran denken müssen, wie sie jetzt reden, lachen und dasitzen würde. Einmal, als alle irgendwie in der Wohnung meiner Tante herumliefen oder im anderen Zimmer waren, dachte ich, für den Bruchteil einer Sekunde - sitzt Omi jetzt ganz alleine im Wohnzimmer? Und dann fiel es mir wieder ein ...
Bei meiner Tante machen wir immer Julklapp. Auch hier ein Foto aus 2011. Meine Omi hat das Julklappwürfeln manchmal ein bisschen gesprengt, weil sie sich beim Geschenke tauschen extra viel Zeit ließ. Oder nicht schnell genug würfelte, obwohl nur noch wenig Zeit auf der Eieruhr stand, bevor die Geschenke nicht mehr hätten getauscht werden können. Dann gab es immer Aufregung in unserer Runde. Dieses Jahr lief der Julklapp ganz ruhig ab. Was hätte ich dafür gegegeben, dass wir meine Omi hätten ermahnen können, doch endlich zu würfeln oder sich schneller für ein Tauschgeschenk zu entscheiden.
Das Treffen bei meiner Tante 2013. Hier saß meine Omi das letzte Mal an Weihnachten auf "ihrem" Stuhl.
Am 2. Feiertag waren wir auf dem Friedhof. Wie haben die Blumen von der Beisetzung entfernt. Und das Grab meiner Omi winterfest gemacht. Wir haben ihr eine Laterne aufgestellt. Und Kerzen. Die Bepflanzung würde ihr gefallen, wenn sie sie sehen könnte. So ähnlich hätte sie sich das auch für ihren Balkon gewünscht. Und den Wunsch hätte meine Mama ihr bestimmt erfüllt. Und ihre Balkonkästen für den Winter bepflanzt. Wenn meine Omi noch leben würde.

Tamino war in diesem Jahr mein Weihnachtslicht. Zwar konnte er das Weihnachtsfest für mich nicht weniger traurig und schlimm machen, als es nun mal eben war, aber trotzdem brachte er mich zum Lachen. Und ich glaube, den anderen ging es genauso.
Seine Schwester ist immer noch nicht geboren. Unser Wunsch, dass wir sie zu Weihnachten schon bei uns hätten, hat sich nicht erfüllt. Nun kann sie ruhig warten, bis zum neuen Jahr.
Als ich mir dieses Foto ansah, von Heiligabend, dachte ich für eine Millisekunde, dass dort meine Omi steht (rechts oben in der Bildecke). Es dauerte wieder nur den Bruchteil einer Sekunde, bis mir klar war, dass ich auf ein Foto von ihr blickte, dass neben dem Esstisch hängt. Komisch, was einem das Gehirn für Streiche spielen kann. Aber ich habe das schon oft gelesen, das Trauernde den Verstorbenen plötzlich irgendwo sehen. Auf der Straße zum Beispiel. Oder im Fernsehen. Nur um wenig später enttäuscht festzustellen, dass es sich doch um jemand anderen handelt.
Heute vor sechs Wochen ist meine Omi gestorben. Es ist immer noch so schwer. Und beinahe kommt es mir so vor, als ob es sogar immer schwerer werden würde.







