Sonntag, 28. Dezember 2014

Weihnachten und das ganze Drumherum

Weihnachten ist vorbei. Zum Glück. Am liebsten hätte ich mich am 23. Dezember abends verkrochen und wäre erst am 27. Dezember morgens wieder aufgewacht. Aber da das nicht ging, musste ich durch. Durch das Weihnachtsfest. Und ich fand es ganz schrecklich. Ohne meine Omi. 

Meine Familie hat traditionell in der Vorweihnachtszeit zwei feste Verabredungen. Immer im November und Dezember. 

Meistens kamen wir zuerst bei meiner Omi zusammen. Oft schickte sie eine Weile vorher an alle eine Einladungskarte. So richtig klassisch. Per Post. Wir folgten ihrer Einladung und versammelten uns in ihrer kleinen Bude, denn Platz ist in der kleinsten Hütte, wie sie immer sagte.

So wie hier, 2009. Zu Rouladen, Klößen und Rotkohl.

























2011. Meine Omi vor der Walnusstorte, die sie immer für uns gebacken hat.





























Und 2013. Das letzte Mal, dass meine Omi uns zum Weihnachtessen einladen konnte. Und dass die ganze Familie in ihrem kleinen Schlafzimmer an ihrem Esstisch saß.




























Wenn wir uns bei meiner Omi trafen, waren Franzi und ich meist schon einige Tage zuvor bei ihr gewesen. Um ihr einen selbstgebastelten Adventskalender vorbeizubringen. Sie musste dann immer das Wohnzimmer verlassen, damit wir den Kalender auf ihrem Fensterbrett arrangieren konnten. So wie hier. 2009. Und jedes Jahr war sie aufs neue überrascht und freute sich sehr. "Habt Ihr mir wieder so einen schönen Kalender gebastelt!", sagte sie dann immer. Und oft berichtete sie dann am Telefon: "Heute hatte ich ja wieder etwas Schönes in meinem Kalender!"
In diesem Jahr konnten wir keinen Kalender mehr für sie basteln. Und sie keinen für uns. So wie all die Jahre zuvor. 


Das zweite traditionelle Treffen vor Weihnachten fand immer bei meinen Eltern statt. Wir versammelten uns zum Weihnachtsbasteln.


So wie 2009, als wir Weihnachtskarten bastelten.


Und 2010. Da bauten wir Lebkuchenhäuser.


Und wegen des durchschlagenden Erfolges gleich noch einmal. 2011.



2012 haben wir uns an Weihnachtssternen versucht. 


Und 2013 an Teelichthaltern. Das letzte Mal, dass meine Omi dabei war.



Dieses Jahr war alles anders. Wir haben uns getroffen. In der Vorweihnachtszeit. Als Familie. Um meine Omi beizusetzen. Unglaublich. Nach der Trauerfeier sind wir zu meinen Eltern gefahren. Meine Omi fehlte so sehr in unserer vertrauten Runde. Und die ganze Zeit dachte ich, warum kann sie denn nicht einfach dabei sein. So wie sonst auch immer. Bei unseren Familientreffen in der Vorweihnachtszeit. 

Dieses Weihnachten war das erste Weihnachten, dass Franzi und ich ohne unsere Omi feierten. Und meine Mama ohne ihre Mama. 

Weihnachten 1980. Bei meiner Omi in der Wohnung. Im Hintergrund sieht man die Wattebausche, die meine Omi, wohl als Schneeersatz, auf ihrem Weihnachtsbaum platziert hatte. Das ist mir zuvor noch nie aufgefallen. Jetzt würde ich wahrscheinlich mir ihr darüber lachen. Wenn sie noch da wäre.


Weihnachten 2009.


Wir haben zu Weihnachten immer einen Weihnachtsmann. Auch schon, als es Tamino noch nicht gab. Hier stecke ich im Kostüm. Meine Mama spielt Gitarre, und wir singen Weihnachtslieder. Gedichte sind auch zulässig. Sonst verteilt der Weihnachtsmann keine Geschenke.


2010. Wieder bin ich es. Im roten Mantel. Während Tamino mich anstarrt. 


Weihnachten 2011.





Und 2013. Unser letztes gemeinsames Weihnachten. Meine Omi hatte sich vor einigen Jahren ein Liederbuch gekauft, mit den Weihnachtsklassikern. Damit sie immer textsicher war. Jedes Jahr brachte sie es mit. Hier beratschlägt sie gerade mit Tamino, welches Lied sie als nächstes anstimmen wollen.



Dieses Jahr an Heiligabend kam ich gegen Mittag aus Braunschweig nach Berlin. Mein erster Weg führte mich auf den Friedhof. Dorthin muss ich jetzt gehen, wenn ich meine Omi besuchen will. Ich fand es dort so traurig. Schon im Auto musste ich die ganze Zeit weinen. Auf dem Friedhof war es dann noch schlimmer. Ich habe zwei Kerzen für meine Omi angezündet. Und meiner Omi Frohe Weihnachten gewünscht. Und dann bin ich nach Müggelheim gefahren. Der Platz neben mir im Auto war leer. Normalerweise hätte dort meine Omi gesessen. Die ich zur Kaffeezeit mit ihrer Übernachtungstasche von zu Hause abgeholt hätte.

Wir machten dieses Jahr alles so wie immer. Aber nichts war wie immer.
Wir tranken Kaffee. Wir warteten auf den Weihnachtsmann. Wir packten Geschenke aus. Wir aßen Abendbrot. Und es war so traurig ohne meine Omi. Keiner hatte so richtig Lust auf Weihnachten. Wir haben auch keine Lieder gesungen. Oder Gedichte aufgesagt. Außer Tamino natürlich. Der sich auf den Weihnachtsmann freute, und auch ein bisschen was tun musste für seinen Geschenkeberg.
Es erschien mir so falsch, dass meine Omi nicht bei uns sitzen konnte. Sondern unter der Erde auf dem Friedhof lag. Dass sie nicht mit uns essen konnte. Und Geschenke auspacken. Es war so traurig.

Ich habe sie die ganze Zeit vor mir gesehen. Was sie sagen würde. Wie sie reagieren würde. Wie sie lachen würde. Wie ihr der Baum gefallen hätte. Wie sie sich über ihre Geschenke gefreut hätte. Wie sie die Kochkünste meiner Mama gelobt hätte. Wie sie das Geschenkpapierchaos nach dem Auswickeln beseitigt hätte. Wie sie Weihnachtslieder gesungen hätte. Und wie sie sich vor dem Schlafengehen für den schönen Heiligabend bedankt hätte.

Meine Omi hat Weihnachten immer bei meinen Eltern übernachtet. Genauso, wie Franzi, Anton und Tamino. Und ich natürlich. So konnten wir am nächsten Morgen immer zusammen frühstücken. Dieses Mal haben wir das nicht gemacht. Franzi, Anton und Tamino sind gegen Mitternacht nach Hause gefahren. Und ein Weihnachtsfrühstück am nächsten Tag gab es auch nicht.

Am Nachmittag des 1. Feiertages fuhren wir zu meiner (Groß)Tante Lilo, der Schwester meiner Omi. Auch eine Weihnachtstradition. Und auch das war so traurig. Ohne meine Omi.
Meine Omi hatte am Tisch immer einen Stammplatz. Wie hier. 2011. Dieses Jahr saß ich auf "ihrem" Stuhl. 
Und genauso wie am Tag zuvor habe ich die ganze Zeit daran denken müssen, wie sie jetzt reden, lachen und dasitzen würde. Einmal, als alle irgendwie in der Wohnung meiner Tante herumliefen oder im anderen Zimmer waren, dachte ich, für den Bruchteil einer Sekunde - sitzt Omi jetzt ganz alleine im Wohnzimmer? Und dann fiel es mir wieder ein ...


Bei meiner Tante machen wir immer Julklapp. Auch hier ein Foto aus 2011. Meine Omi hat das Julklappwürfeln manchmal ein bisschen gesprengt, weil sie sich beim Geschenke tauschen extra viel Zeit ließ. Oder nicht schnell genug würfelte, obwohl nur noch wenig Zeit auf der Eieruhr stand, bevor die Geschenke nicht mehr hätten getauscht werden können. Dann gab es immer Aufregung in unserer Runde. Dieses Jahr lief der Julklapp ganz ruhig ab. Was hätte ich dafür gegegeben, dass wir meine Omi hätten ermahnen können, doch endlich zu würfeln oder sich schneller für ein Tauschgeschenk zu entscheiden.



Das Treffen bei meiner Tante 2013. Hier saß meine Omi das letzte Mal an Weihnachten auf "ihrem" Stuhl.


Am 2. Feiertag waren wir auf dem Friedhof. Wie haben die Blumen von der Beisetzung entfernt. Und das Grab meiner Omi winterfest gemacht. Wir haben ihr eine Laterne aufgestellt. Und Kerzen. Die Bepflanzung würde ihr gefallen, wenn sie sie sehen könnte. So ähnlich hätte sie sich das auch für ihren Balkon gewünscht. Und den Wunsch hätte meine Mama ihr bestimmt erfüllt. Und ihre Balkonkästen für den Winter bepflanzt. Wenn meine Omi noch leben würde.



Tamino war in diesem Jahr mein Weihnachtslicht. Zwar konnte er das Weihnachtsfest für mich nicht weniger traurig und schlimm machen, als es nun mal eben war, aber trotzdem brachte er mich zum Lachen. Und ich glaube, den anderen ging es genauso.
Seine Schwester ist immer noch nicht geboren. Unser Wunsch, dass wir sie zu Weihnachten schon bei uns hätten, hat sich nicht erfüllt. Nun kann sie ruhig warten, bis zum neuen Jahr.  


Als ich mir dieses Foto ansah, von Heiligabend, dachte ich für eine Millisekunde, dass dort meine Omi steht (rechts oben in der Bildecke). Es dauerte wieder nur den Bruchteil einer Sekunde, bis mir klar war, dass ich auf ein Foto von ihr blickte, dass neben dem Esstisch hängt. Komisch, was einem das Gehirn für Streiche spielen kann. Aber ich habe das schon oft gelesen, das Trauernde den Verstorbenen plötzlich irgendwo sehen. Auf der Straße zum Beispiel. Oder im Fernsehen. Nur um wenig später enttäuscht festzustellen, dass es sich doch um jemand anderen handelt.


Heute vor sechs Wochen ist meine Omi gestorben. Es ist immer noch so schwer. Und beinahe kommt es mir so vor, als ob es sogar immer schwerer werden würde. 

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Was ich Dir gerne erzählen würde

Liebe Omi,

seit fast fünf Wochen bist Du schon nicht mehr bei uns. Das ist so schwer zu verstehen. Ich denke die ganze Zeit an Dich. Den ganzen Tag lang. Ich sehe Dich immer vor mir. Wie Du sprichst. Und wie Du lachst. Und manchmal mache ich mir gedanklich eine Notiz, die lautet: "dass muss ich Omi erzählen, wenn ich sie nachher anrufe." Dass passiert mir immer dann, wenn ich mal für eine Millisekunde vergesse, dass Du tot bist. Wenn ich vergesse, dass ich Dich nicht mehr anrufen kann.

Und es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Nicht Besonderes. Nur so alltägliche Dinge. Aber sie würden Dich interessieren. Denn Du hast Dich immer dafür interessiert, was wir so machen. Auch wenn es nur Alltägliches war. Und mein Bedürfnis, mit Dir zu sprechen, wird immer größer, umso mehr Zeit vergeht.

Seit Montag gehe ich wieder arbeiten. Es ist ganz ok. Es ist immer so lange ok, bis mir jemand sein Beileid bekundet. Und mich fragt, wie es mir geht. Dann muss ich meistens weinen. Es ist sehr viel zu tun, weil ich ja über vier Wochen gefehlt habe. Und meine ganze Arbeit liegen geblieben ist. Die Ablenkung ist ganz angenehm. Und bei der Arbeit ist es mir auch zwischendurch passiert, dass ich mal nicht an Dich gedacht habe. Aber immer nur für wenige Sekunden. Und wenn mir dann wieder eingefallen ist, was am 16. November passiert ist, dann dachte ich immer, dass es doch einfach nicht wahr sein kann, dass Du nicht mehr da bist.

Gestern abend wollte ich mit Anke und Johanna ins alljährliche Wintertheater in Braunschweig gehen. Ein Weihnachtsstück stand auf dem Programm. Die Aufführungen sind immer sehr schnell ausverkauft, so dass wir letztes Jahr keine Karten mehr bekommen haben. Dieses Jahr hatten wir Glück. Aber die beiden sind ohne mich gegangen. Ich wollte nicht mit. Denn ich will mit Weihnachten nichts am Hut haben. Dieses Weihnachten ist das erste für mich ohne Dich. 34 Jahre lang habe ich Weihnachten immer mit Dir gefeiert. Dieses Jahr ist alles anders. Und Dein Platz am Tisch wird leer bleiben. Wir werden die Leberpastete, die Klöße und die Gans ohne Dich essen müssen. Und Du wirst auch keine Gemüseplatte zum Essen vorbereiten, so wie all die anderen Jahre zuvor. An Weihnachten werde ich Dich nicht mit dem Auto von zu Hause abholen, um die Kaffeezeit herum. Sondern ich werde Dich auf dem Friedhof besuchen. Der ganz in der Nähe Deiner Wohnung ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das sein wird. Von mir aus könnte Weihnachten ausfallen. Oder schon vorbei sein. Vielleicht wird es nächstes nächstes Jahr schon anders sein, aber dieses Jahr hasse ich Weihnachten.

Heute hatte ich meinen freien Tag. Ich war das erste Mal seit langem den ganzen Tag alleine zu Hause. Mit viel Zeit, um mir Gedanken zu machen. Aber ich habe es ganz gut überstanden. 
Am Nachmittag war ich kurz in der Stadt, um ein paar Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Das hat mir keinen Spaß gemacht. Obwohl ich sehr gerne schenke. Ich habe mich sehr beeilt, denn ich wollte keine Kaufhausweihnachtsmusik hören. Und keine Weihnachtsdekoration sehen. Auf dem Rückweg bin ich in die falsche Straße abgebogen und musste dann gezwungenermaßen am Braunschweiger Weihnachtsmarkt vorbei. Der sehr schön ist. Aber den ich heute ganz schrecklich fand. So schrecklich, dass mir die Tränen kamen.
Ich hoffe aber, ich kann den anderen eine Freude machen mit dem, was sie unterm Weihnachtsbaum auspacken werden. Für Dich hatte ich auch schon ein paar Geschenkideen. Aber diese Geschenke kann ich Dir leider nicht mehr machen.
Das einzige, was ich heute für Dich gekauft habe, sind Bilderrahmen. Für Bilder von Dir. Erinnerungen an Dich und Fotos von Dir sind das einzige, was mir bleibt. Jetzt, nachdem Du gestorben bist. Und zum Glück habe ich so viele Erinnerungen. Und so viele Fotos. Glückliche. Und schöne.

Normalerweise freue ich mich auch immer sehr, wenn ich beschenkt werde. Aber dieses Weihnachten ist alles anders. Und ich habe nur einen Wunsch, den mir niemand erfüllen kann. Ich wünschte, der 16. November wäre nie geschehen. Und Du wärst noch bei uns.

Jeden Tag frage ich Franzi, ob sich schon etwas tut beim Baby. Wir alle warten sehr auf das kleine Mädchen, das noch keinen Namen hat. Denn dann wird es bestimmt wieder ein bisschen heller in unserem Leben. Du hättest mich jetzt, so kurz vor der Geburt, wahrscheinlich auch jeden Tag am Telefon gefragt, ob es etwas Neues von Fränzi gibt. Ich glaube übrigens, Du bist die einzige, die sie immer Fränzi nannte. Du wärst auch ganz gespannt, wann wir endlich unser neues Familienmitglied begrüßen können. Nun aber kannst Du das Baby nicht einmal mehr kennenlernen. Das ist so traurig.

Du fehlst mir so. Du fehlst uns so. Und ich wünschte, alles wäre anders.

Deine Nadine


Letztes Weihachten. Kurz nach der Ankuft des Weihnachtsmannes.



Sonntag, 14. Dezember 2014

Bereit?

Wir haben angefangen, die Wohnung meiner Omi auszuräumen. 
Gestern haben wir Kisten gepackt. Verschiedene Kisten. Dinge, die meine Mama haben möchte. Dinge, die ich haben möchte. Dinge, die wir in den Garten bringen wollen. Und Franzi hat sich auch ein paar Sachen rausgesucht.
Gestern war ich das erste Mal wieder in der Wohnung. Seit fast vier Wochen. Jede Wohnung hat ihren eigenen Geruch. Die Wohnung meiner Omi würde ich mit verbundenen Augen aus hunderten heraus erkennen. Als ich gestern in die Wohnung kam, schien alles wie immer. Aber meine Omi war nicht da. Das war schlimm. Beim Packen der Kisten ging es dann. Auch wenn ich zwischendurch immer wieder meine Omi vor mir sah, wie sie immer auf ihrem Lieblingsplatz im Wohnzimmer saß. Aber die meiste Zeit war ich beschäftigt. Und ich freue mich, dass ich viele Sachen von meiner Omi in meiner Wohnung haben werde. Und meine Omi würde sich sehr freuen, wenn sie wüsste, dass wir so viel von ihr behalten werden.

Heute haben wir die ersten Möbel zu meinen Eltern gebracht. Nachdem die Möbel im Auto verstaut waren, war das Wohnzimmer meiner Omi halb leer. Ich saß auf ihrem Sofa, an der Stelle, wo sie immer saß, und fand den Anblick schrecklich. Da wurde mir dann noch einmal so richtig bewusst, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Und dass meine Omi nie wieder auf ihrem Sofa sitzen würde. 

Bei meinen Eltern richten wir ein "Omi-Zimmer" ein, wie meine Mama immer sagt. Das wird schön. 

Auf dem Friedhof war ich heute auch. Alleine. Und nur kurz. Ich habe neue Kerzen auf das Grab gestellt. Und versucht zu verstehen, dass ich meine Omi jetzt nur noch dort besuchen kann. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis ich mich an diesen Gedanken gewöhnt habe. Die Blumen von der Beisetzung sehen immer noch sehr schön aus. Mit der Winterbepflanzung können wir uns also noch ein paar Tage Zeit lassen. Tanne aus ihrem Garten werden wir meiner Omi aufs Grab legen. Und eine Christrose pflanzen. Das Grab meiner Omi ist sehr klein, aber wir wollen es so schön wie möglich gestalten. Das ist das einzige, was wir noch für sie tun können. Ihr Grab soll das schönste sein. Obwohl sie es doch gar nicht mehr sehen kann.
Anstatt nach Weihnachtsgeschenken für meine Omi zu schauen oder ihr einen Fotokalender für das nächste Jahr zu basteln, so wie sonst immer, habe ich gestern abend eine Grablaterne für sie im Internet bestellt. Und Grabkerzen. 

Ich war jetzt drei Wochen lang krank geschrieben. Und hatte eine Woche Urlaub. Morgen gehe ich wieder arbeiten. Das erste Mal, nach über vier Wochen. Einige Freunde von mir haben mich gefragt, ob ich bereit bin, wieder zu arbeiten.
Wenn bereit sein bedeutet, dass mir nicht mehr ständig die Tränen kommen. Und wenn bereit sein heißt, dass es mir schon ein bisschen besser geht, als ganz am Anfang, nachdem meine Omi gestorben war. Nein, dann bin ich nicht bereit, wieder arbeiten zu gehen.
Aber irgendwann muss ich ja wieder in den Alltag. Und ich denke nicht, dass es mir in zwei Wochen oder einem Monat viel besser gehen wird als jetzt. Also fange ich morgen wieder an zu arbeiten. Vielleicht ist ein bisschen Arbeitsablenkung auch gar nicht so schlecht. Denn ich brauche auch mal ein bisschen Pause von der Trauer. 

Bevor wir gestern mit dem Ausräumen angefangen haben, habe ich noch mal alle Zimmer meiner Omi fotografiert. Das hier ist ihr Wohnzimmer. Ihr Platz in der Mitte der Couch ist jetzt für immer leer.


Samstag, 13. Dezember 2014

Omi Inge

Gestern war ich mit Tamino im Kino. Das Kino ist 5 Gehminuten von der Wohnung meiner Omi entfernt. Vor ein paar Wochen noch, da hätten wir sie bestimmt besucht. Entweder vor dem Kino. Zum Mittag vielleicht. Oder danach. Zum Kaffee trinken dann. Wenn wir sie gestern hätten besuchen wollen, hätten wir zum Friedhof gehen müssen.

In Berlin-Köpenick, dem Bezirk, in dem meine Familie lebt, sind vor kurzem zwei junge Menschen ums Leben gekommen. Sie stürzten mit ihrem Auto durch eine Brückenabsperrung in die Dahme hinein, ihr Auto sank, und sie konnten sich alleine nicht mehr befreien. Die Unglücksstelle ist mittlerweile mit Blumen und Kerzen übersät. Als ich mit Tamino gestern daran vorbeifuhr, sagte er: "Das ist wie bei Omi Inge. Da stehen auch Kerzen. Und wir können sie immer besuchen."
Kurz zuvor waren wir an einem Behindertenparkplatz mit einem großen, aufgedruckten Rollstuhlsymbol vorbeigelaufen. Tamino zeigte auf den Rollstuhl und meinte: "Wenn Omi Inge noch da wäre, dann könnte sie hier parken. Aber Omi Inge kann ja jetzt nicht mehr Auto fahren."
Ich finde es rührend, dass Tamino mal hier, mal da, den Bezug zu Omi Inge herstellt, wenn er etwas sieht, was ihn an sie erinnert. Meistens kommt das aber so plötzlich und unvermittelt aus dem kleinen Mann heraus, dass mir immer die Tränen kommen. Schade, dass er sich eines Tages wahrscheinlich gar nicht mehr an Omi Inge erinnern wird. Zumindest nehme ich das an, denn ich glaube, von meiner Kindheit als Vierjährige weiß ich nichts mehr.

"Nie wieder" - diese zwei Worte haben eine Tragweite, die ich nicht fassen kann. Ich werde meine Omi nie wieder sehen. Nie wieder mit ihr sprechen. Ihr nie wieder etwas erzählen können. Sie nie wieder nach ihrer Meinung fragen. Immer mal wieder, wenn mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, dann beginnt mein Herz an zu rasen und ich bekomme Panik. Ich schiebe diese Gedanken dann erst einmal wieder weg. Ich muss das in kleinen Schritten verstehen lernen. Und nach und nach akzeptieren. Auf einmal geht das nicht. Das ist zu viel. Die Bedeutung von "nie wieder" ist einfach zu groß.

Tamino und Omi Inge vor dem Haus meiner Omi. Im April 2014. Sie waren gerade aus dem Garten zurück. Denn meine Omi hat frischen Schnittlauch in der Hand.


Donnerstag, 11. Dezember 2014

Der letzte Weg

Wir haben meine Omi beigesetzt. Gestern. An einem grauen und verregneten Berliner Dezembertag. Das hat gepasst. Zu unserer Stimmung. Aber ein schöner winterlicher Sonnentag hätte auch gut gepasst. Zu meiner Omi.

Unsere ganze kleine Familie war da. Einige Freunde meiner Omi. Unser Gartennachbar, der mit seiner Familie schon immer den Garten neben unserem hat. Britta, die meine Omi auch schon 20 Jahre lang kannte. Und zwei Schwimmfreunde meiner Omi. Ich fand es schön, dass sie alle da waren. Ganz am Anfang, als meine Omi gerade gestorben war, wollten wir sie nur im engsten Familienkreis beisetzen. Ich weiß gar nicht mehr warum. Wahrscheinlich war das eine Entscheidung aus dem Schock heraus. Aber gestern, da habe ich mich wirklich gefreut, als sich vor der Trauerfeier der Warteraum neben der kleinen Kapelle mit Menschen füllte, denen meine Omi wichtig war. Und die sie auf ihrem letzten Weg begleiten wollten.

Es war eine sehr schöne und würdevolle Trauerfeier, die meiner Omi bestimmt gefallen hätte. Am Kopfe der Kapelle stand die Urne meiner Omi. Von Kerzen umrandet. Daneben blickte meine Omi von einem wunderschönen Foto von ihr zu uns. Zu den Füßen ihrer weißen Urne lagen tolle Blumensträuße. Meine Omi hätte das schön gefunden. Auch die Musik wäre etwas für sie gewesen. Als wir die Kapelle betraten, wurde Bachs "Air" gespielt, auf einem Klavier und einer Geige.

Im Vorhinein hatte ich versucht, mich innerlich auf den Anblick der Urne meiner Omi vorzubereiten. Aber als ich die Urne dann sah, war es mir trotzdem unbegreiflich, dass darin meine wunderbare Omi sein sollte.

Die Trauerrede kannte ich in- und auswendig. So lange hatte ich an ihr geschrieben und sie immer wieder gelesen. Aber es war schön, sie noch einmal vorgetragen zu hören. Während ich dem Redner zuhörte, musste ich die ganze Zeit die Urne meiner Omi anschauen. Und dann wandte ich meinen Blick auf ihr Foto, direkt daneben. Dann schaute ich wieder zur Urne. Und dann wieder zum Bild ... Aber das mit der Urne und der Asche, dass wollte mir einfach nicht in den Kopf. Zwar weiß ich genau, dass der Körper meiner Omi eingeäschert wurde, aber ich dachte die ganze Zeit, dass es doch nicht wahr sein könne, dass alles, was von ihrem Körper noch übrig sei, nun in diesem kleinen, weißen Gefäß enthalten sein sollte. Meine Omi, die bis vor kurzem noch vor mir stand, mit mir gesprochen und gelacht hat. Das ist einfach unfassbar.

Als wir aus der Kapelle gingen, habe ich die Urne noch einmal angefasst. In die Erde gelassen wurde sie, während der Geiger ein Lied spielte. Wir haben alle Erde auf die Urne geworfen. Bevor wir das Grab verließen, schaute ich noch einmal in das Erdloch hinein. Und ich konnte es einfach nicht glauben, dass meine Omi nun für immer da unten liegen wird. 

Ich glaube, ich fände es schön, wenn wir die Urne mit nach Hause hätten nehmen können. Zu meinen Eltern. Da würde meine Omi dann immer bei uns sein. Im Warmen. Weil sie doch in letzter Zeit immer so gefroren hat. Jetzt liegt sie in der kalten, dunklen Erde. Bei Regen. Und Minusgraden. Auch wenn ich weiß, dass dieses Gedankenspiel eigentlich unsinnig ist. Denn es ist nur ihre Asche. Meine Omi ist tot. Und sie friert nicht mehr.

Auch die Vorstellung, dass ich, wenn ich meine Omi besuchen möchte, jetzt nur noch zu ihr auf den Friedhof gehen kann, anstatt einfach an ihrer Wohungstür zu klingeln, ist sehr schwer auszuhalten für mich. Aber daran muss ich mich gewöhnen. 
Vielleicht wird ihr Grab ja auch ein schöner Ort für mich, an den ich gerne gehe, um sie zu besuchen. Aber dass muss ich erst einmal sehen.

Unsere Familie war untröstlich, während wir uns von meiner Omi verabschiedeten. Aber auch die anderen Trauergäste waren sichtlich betroffen und traurig. Das fand ich schön. Es hat mich gefreut zu merken, dass auch andere Menschen meine Omi vermissen, weil sie ihnen im Leben etwas bedeutet hat. Und dass diese Menschen sich bestimmt auch gerne an sie erinnern werden.

Wir waren heute wieder auf dem Friedhof. Meine Mama, Franzi und ich. Wir wollten uns das Grab ansehen, nachdem es zugemacht worden war. Und vor allem noch einmal den Stein und die vielen schönen Blumen. Gestern haben wir wahrscheinlich nur die Hälfte von allem, wenn überhaupt, wahrgenommen.

Ich fand es sehr traurig an ihrem Grab. Aber nicht trauriger, als sowieso schon. Wir haben zwei Kerzen für sie angezündet. Und obwohl ich genau weiß, dass meine Omi jetzt hier liegt, unter der Erde, dem Stein und den Blumen, kann ich es einfach nicht verstehen.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ein letztes Geschenk

Ich habe eine Rede geschrieben. Für meine Omi. Für ihre Trauerfeier. Ein letztes Geschenk an sie. Ich hoffe, die Rede wird ihr gerecht. Und ich denke, dass sie ihr gefallen hätte. Genauso wie die vielen schönen Blumen, die heute an ihrer Urne lagen.


"Man lebt nicht nur einmal, sondern zweimal, schrieb der französische Schriftsteller Balzac. Das erste Mal in der Wirklichkeit. Das zweite Mal in der Erinnerung der Menschen, die man zurücklässt. Und denen man viel bedeutet.
Der Schmerz des Verlustes ist unendlich groß. Der Tod ist unfassbar, und die Vorstellung, einen geliebten Menschen nie mehr wiederzusehen, ist unerträglich. 
Doch niemand ist wirklich tot, solange er noch geliebt und sich an ihn erinnert wird. Menschen, die wir lieben, bleiben mit uns lebendig. Denn man lebt nicht nur zweimal, wie Balzac schrieb, sondern man liebt auch zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.

Wir möchten uns heute gemeinsam mit Liebe und Dankbarkeit an Ingeborg Wilke erinnern - die eine wunderbare, liebevolle und einzigartige Mama, Omi, Schwester, Tante, Uromi, Schwiegermutter, Freundin und Bekannte war. Und die am 16. November im Alter von 81 Jahren von uns gegangen ist.

Inge wurde am 15. August 1933 in Berlin-Tegel geboren. Dort genoss sie, trotz der Kriegsjahre, zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Lieselotte und ihren Eltern Johanna und Helmut Benke ein sehr glückliche Kindheit.
1955 heiratete Inge den Juristen Fritz Wilke und zog in den Osten von Berlin. Im März 1959 kam ihre Tochter Simone zur Welt, die sie nach ihrer Scheidung 1963 alleine großzog.
Inge hat ihr Leben lang viel gearbeitet, zunächst als Stenotypistin, Sekretärin und Sachbearbeiterin, später dann als Organisator. Zunächst war sie in den „Borsigwerken“ in Tegel angestellt. Drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter führte sie ihr Berufsleben 1962 zur "Deutschen Lufthansa", später dann "Interflug" genannt. Hier absolvierte sie auch ein Studium, das sie 1971 als Ingenieur-Ökonomin abschloss. 1972 wechselte Inge zum "VEB -Kühlautomat", bevor sie 1982 ein weiteres Mal neu anfing, diesmal beim „VEB Medizinische Geräte" - dort blieb sie bis zum Ende ihres Berufslebens.

Im Oktober 1979 wurde Inge zum ersten Mal Oma - ihre Enkeltochter Nadine wurde geboren. Im Juli 1985 folgte Franziska, ihr zweites Enkelkind. Und Inge hatte sogar das große Glück, noch Uroma zu werden, als Tamino im Jahre 2010 zur Welt kam. Ihre Enkel hatten immer einen besonderen Platz in Inges Herzen. Sie nahm großen Anteil an ihrem Leben, erzählte gerne von ihnen und war sehr stolz auf sie.

Durch den Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 war Inge über viele Jahre hinweg von einem Großteil ihrer Familie getrennt, gegenseitige Besuche waren nur unter großen Schwierigkeiten möglich. Umso größer war die Freude, als die Mauer 1989 fiel. Nun konnte man sich wieder regelmäßig hören und sehen. Und vieles nachholen, was jahrelang nicht möglich gewesen war. So auch zum Beispiel einige gemeinsame Familienurlaube in Dänemark oder Reisen nach Österreich oder in den Schwarzwald, die die Schwestern Inge und Lilo zusammen unternahmen.
Am wohlsten fühlte sich Inge immer im Kreise ihrer Familie. Zum Beispiel in Müggelheim, bei Simone, Nadine, Franzi, Norbert, Tamino und Anton. Oder in Tegel, wo ihre Schwester Lilo, ihre Nichte Silke und deren Kinder Maria und Valentin bis heute leben. Die Familie traf sich regelmäßig - an den Feiertagen und Geburtstagen, im Sommer oft im Garten und natürlich auch zwischendurch. Bald ist Weihnachten. Und Inges zweites Urenkelkind wird auf die Welt kommen - zwei Ereignisse, auf die sie sich sehr gefreut hatte, und die sie nun leider nicht mehr miterleben kann.
Nach ihrer Familie war Inge ihr Garten, den sie fast 30 Jahre lang hegte und pflegte, das Allerliebste. Bis zum letzten Jahr fuhr sie, wann immer möglich, mit dem Fahrrad hinaus. Ihr wunderschöner Garten hat Inge jung gehalten. Ihre 81 Jahre sah man ihr nicht an - was vielleicht auch daran lag, dass sie kein einziges graues Haar hatte. Gerne hielt Inge auch ein Pläuschen mit den Gartennachbarn ab. In den letzten Jahren ging ihr die Gartenarbeit nicht mehr so leicht von der Hand. Aber auch, wenn ihre Familie sie zunehmend unterstützte, so hat sie das meiste doch immer noch alleine gemacht. Wenn sie dann mal unzufrieden war, weil sie nicht so gut vorankam, sagte Nadine: "Omi, der Garten sieht so schön aus. Ein bisschen Unkraut ist doch nicht schlimm. Und nur, weil Du den Garten hast, bist Du noch so fit. Andere Leute in Deinem Alter sitzen schon seit Jahren im Schaukelstuhl im Altersheim." Da hat Inge immer gelacht und ihr recht gegeben.

Auch in ihrem letzten Lebensjahr hat Inge viel Kraft und Lebensmut aus ihrem Garten gezogen. Zwar konnte sie nun nicht mehr aufs Fahrrad steigen, aber ihre Familie fuhr regelmäßig mit ihr raus. Oft verrichtete Inge auch selbst noch ein wenig Gartenarbeit. Blätter aufsammeln, das Beet harken - das konnte sie so akkurat wie kein anderer -, Hornspäne verteilen, Erdbeeren ernten, Äpfel einsammeln, Kübel bepflanzen, Bohnen legen oder Schnittlauch ernten zum Beispiel. Oftmals saß sie aber auch in ihrem Gartenstuhl am Beetrand oder unter dem Nußbaum und beobachtete, wie Franzi, Nadine und Simone oder auch mal Lilo gärtnerten. Inge freute sich sehr darüber, dass vor allem ihre Enkelkinder Freude an der Gartenarbeit gefunden haben.
Inge genoss das schöne Wetter und die Sonne. Sie erfreute sich an der Erdbeer-, Apfel- oder Bohnenernte. Am frisch gemähten Rasen. Oder der Amsel, die oft durch den Garten hüpfte. Herrlich ist es heute hier im Garten, sagte sie oft.
Zusammen mit ihrer Familie hatte sie einen wunderbaren Frühling, einen tollen Sommer und einen schönen Herbst in ihrem Garten, den sie mit ganz viel Arbeit und Hingabe zu dem gemacht hat, was er heute ist. Den Garten wird ihre Familie für immer mit Inge verbinden.
Inge hatte aber auch noch andere Interessen. Sie war eine begeisterte Schwimmerin und ging bis zu ihrer schweren Erkrankung regelmäßig zur Wassergymnastik. Oder zum Schwimmen, zusammen mit Günter & Helga Schmidt, ihren Freunden aus Jugendzeiten.
Außerdem war sie sehr interessiert an Politik und dem allgemeinen Weltgeschehen. Darüber tauschte sie sich gerne mit Ulla Patzke aus, ebenfalls eine Freundin aus frühesten Jahren. Inge pflegte aber noch einige andere lange Freundschaften und Bekanntschaften.  

Anfang 2014 wurde Inge schwer krank, und ihre Familie hätte sie zu diesem Zeitpunkt fast schon einmal verloren. Der Krebs, der 2012 besiegt schien, war wieder da. Um diese schlimme Krankheit so lange wie möglich aufzuhalten, begann man noch im Krankenhaus die Behandlung mit einer Chemotherapie. Die nächsten zwei Monate waren sehr schwer. Aber Inge hatte einen sehr großen Lebenswillen und rappelte sich wieder auf. Und nachdem es lange Zeit unmöglich schien, dass sie noch einmal selbstständig zu Hause würde leben können, wurde sie Ende März aus dem Krankenhaus entlassen. Die Freude war riesengroß, Inge lebte sich zu Hause wieder sehr gut ein und kam mit der Unterstützung ihrer Familie prima zurecht. 
Im August feierte Inge noch einen wunderbaren 81. Geburtstag in ihrem Garten – nachdem dieser Tag Anfang des Jahres doch in unerreichbarer Ferne gelegen hatte. Die Geburtstagsfeierlichkeiten hatte sich Inge aber auch mehr als verdient. Die Chemotherapie, die sie alle paar Wochen erhielt, brachte einige nicht unerhebliche Nebenwirkungen mit sich. Aber Inge hat über ihre Beschwerden nie viel geklagt. Sie wollte diese Behandlung, damit sie noch ein bisschen auf dieser schönen Erde bleiben kann, wie sie immer sagte. Ihr Arzt fragte sie regelmäßig, ob sie trotz aller Widrigkeiten weitermachen wolle mit der Behandlung, und sie rief immer: "Ja, auf jeden Fall weitermachen!"
Denn Inge lebte so gerne. Und ihr Lebenswille hat sie so weit gebracht. Er hat ihr über neun Monate geschenkt. Nach der schlimmen Diagnose Anfang 2014. Und er hat ihrer Familie über neun Monate mit Inge geschenkt. Und auch, wenn Inge der Wunsch nach weiteren Jahren auf dieser schönen Erde leider nicht erfüllt wurde, so ist ihre Familie sehr dankbar für die Zeit in diesem Jahr, die sie mit Inge noch verbringen durfte.
Sehr dankbar ist ihre Familie auch dafür, dass es Inge, trotz ihrer schweren Erkrankung, gut ging zu Hause. Und oft auch sehr gut, vor allem, wenn sie mit ihrer Familie zusammen war. Sie war zuversichtlich und zufrieden mit dem, was sie hatte.
Zwei Wochen, bevor es Inge am 9. November so unerwartet schlecht ging, obwohl sie an diesem Tag doch bestimmt mit großem Interesse die Feierlichkeiten zum Mauerfall im Fernsehen verfolgt hätte, unternahm sie mit ihrer Familie noch eine kleine Reise. Einige Tage verbrachte sie mit Nadine, Franzi und Tamino in Braunschweig. Bevor sich dann die ganze Familie für ein Wochenende im Harz traf. Dass sie Inge nur knapp drei Wochen später verlieren würden, ist bis heute für alle unfassbar.
Franzi und Nadine saßen am Bett ihrer Omi, als sie am Abend des 16. Novembers einschlief. Sie hielten ihre Hände und streichelten ihr Gesicht, als Inge zu atmen aufhörte. Inge war nicht alleine, als sie starb, und es ist zu hoffen, dass sie dabei auch noch die Stimmen ihrer Enkelkinder hören konnte. Auch Simone, Lilo, Silke, Norbert und Anton konnten noch von ihrer lieben Mama, Omi, Schwester, Tante und Schwiegermutter Abschied nehmen.
Inge hat sehr gerne gelacht. Und sie hat sich gerne unterhalten. Sie war ein bescheidener Mensch. Sie wollte, dass es anderen gut geht. Anstand, Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt waren Werte, die ihr wichtig waren. Über Ungerechtigkeiten ärgerte sie sich. Sie war so tapfer, als sie krank wurde. Sie wollte niemandem zur Last fallen und war immer sehr dankbar für das, was andere für sie getan haben. Und für das, was sie erleben durfte. Sie war gutmütig und großzügig. Und sie hatte ein großes Herz.
Sie freute sich über Kleinigkeiten. Über die Sonne. Über einen schönen Blumenstrauß. Über den frisch gemähten Rasen. Über Vogelgezwitscher. Über einen netten Anruf. Oder über den geschmückten Weihnachtsbaum.
Inge wurde schnell sentimental und vergoss ein paar Tränen, wenn sie etwa die Nationalhymne bei einem Sportereignis im Fernsehen hörte. Oder beim Feuerwerk zum Jahreswechsel. Oder wenn etwas Schlimmes auf der Welt passiert war. Aber nur sehr selten weinte sie wegen ihrer Krankheit. Sie hat mit ihrem Schicksal nicht gehadert, sondern es angenommen. Natürlich hat es ihr zu Schaffen gemacht, dass sie so krank war. Aber nie hat sie sich gefragt: "Warum ich?" Inge war stark und tapfer. Und meist war sie zuversichtlich, auch wenn ihr das an den Tagen, an denen es ihr nicht so gut ging, bestimmt nicht leicht fiel.
Inge war stolz auf ihre Familie. Vor allem natürlich auf ihre Tochter. Und die beiden Enkelkinder. Sie war zufrieden damit, was Simone, Nadine und Franzi aus ihrem Leben gemacht haben. Und zu welchen Menschen sie geworden sind.
Inge war sehr dankbar für alles, was ihre Familie, vor allem in diesem Jahr, für sie getan hat. Ohne Euch wäre ich nicht so weit gekommen, sagte sie einmal. Und ihre Familie ist sehr dankbar für alles, was Inge für sie getan hat. Ihr ganzes Leben lang.

Inge wäre sehr traurig darüber, dass sie nicht mehr auf der Welt ist. Darüber, dass sie in Zukunft so viel verpassen wird. Es ist so unendlich schade und traurig, dass Inge, trotz ihrer Krankheit, jetzt doch so plötzlich und unerwartet aus dem Leben gehen musste.
Gleichzeitig ist Inges Familie aber auch unendlich dankbar dafür, dass sie so eine liebe Mama, Omi, Schwester, Tante, Uromi und Schwiegermutter in ihrem Leben haben durfte. 
Es wird ein schwerer Weg werden für alle. Aber irgendwann werden die Tage auch wieder heller, und Inges Familie wird lernen, mit ihrem schmerzlichen Verlust zu leben. Und wieder froh sein. Und nicht immer nur traurig. Sondern nur noch manchmal. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem die Erinnerungen an Inge ihre Familie trösten werden. Sie glücklich machen. Und ihr Kraft geben.
Und das ist auch das, was Inge sich für ihre Lieben wünschen würde. Sie würde nicht wollen, dass sie allzu lange traurig sind über ihren Tod. Sondern sie wäre froh, wenn sich ihre Familie stattdessen über die vielen Jahre freuen würde, die sie mit Inge zusammen verbringen durften. Und wenn sie in fröhlichen Erinnerungen schwelgen, anstatt um Inge zu weinen.

Stehe nicht an meinem Grab und weine.
Ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.
Ich bin die tausend Winde, die wehen.
Ich bin der Diamantglanz auf dem Schnee.
Ich bin das Sonnenlicht auf dem reifen Korn.
Ich bin der warme Herbstregen.
Wenn du aufwachst in der Morgenstille,
bin ich der Flügelschlag der stummen Vögel.
Ich bin die sanften Sterne, die nachts leuchten.
Stehe nicht an meinem Grab und weine.
Ich bin nicht dort,
ich bin nicht tot."


Dienstag, 9. Dezember 2014

Morgen

Morgen um 14Uhr wird unsere ganze Familie zum ersten Mal zusammenkommen, ohne dass meine Omi dabei sein kann. Um mit uns zusammenzusitzen. Mit uns zu reden. Und zu essen. Denn morgen werden wir sie beerdigen.

Gestern nacht habe ich in einem Thriller gelesen. Eine der Hauptfiguren versteckte sich gerade in einem Kühlfach für Leichen in der Rechtsmedizin. Da musste ich unweigerlich an meine Omi denken. In so einem Fach hat sie auch gelegen, beim Bestatter. Wir wissen nicht, wann sie eingeäschert worden ist. Ich wollte das auch gar nicht wissen. Glaube ich. Aber mittlerweile muss das ja schon passiert sein. Vielleicht ist es gut, wenn ich dann ab morgen weiß, wo sie liegt. Meine Omi. In ihrer Urne. Unter der Erde. Vielleicht ist es gut, wenn ich einen Ort habe, an den ich gehen kann. Aber das muss ich erst mal sehen.

Heute Mittag war ich beim Friseur. Ich unterhalte mich nicht gerne, wenn ich mir die Haare schneiden lasse. Ich finde das sinnlos. Denn warum sollte ich mit einer fremden Person über belanglose Dinge reden. Irgendwann aber fragte mich die Friseurin, ob ich schon Feierabend hätte. Nein, Urlaub, antwortete ich. Oh wie schön, fand sie, da kann man ja schon so einiges erledigen für Weihnachten. Ich sagte nur: "Ja, genau." Was ich ihr nicht sagte, das war, dass ich morgen meine Omi beerdigen werde. Und auch nicht, dass ich überhaupt keine Lust habe, irgendetwas für Weihnachten vorzubereiten. Weil ich in diesem Jahr am liebsten alles vermeiden würde, was mit Weihnachten zu tun hat. 
Eigentlich aber hatte ich es genauso geplant, wie die Friseurin es vermutet hatte. Ich habe mir extra eine Woche Urlaub genommen im Dezember. Um stressfrei alle Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Um ein paar Tage in Berlin zu sein. Um vielleicht mal auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Nicht geplannt hatte ich, in meinem Urlaub meine Omi zu beerdigen.

Ich muss noch die schwarzen Sachen bügeln, die ich morgen anziehen werde.
Das Essen, das es nach der Beisetzung bei meinen Eltern geben wird, ist fast fertig. Die Hühnersuppe. Die Rouladen. Und die Wallnusstorte. Die Torte ist eine Planänderung. Eigentlich sollte es Joghurt zum Nachtisch geben. Weil meine den Omi so gerne gegessen hat, in der letzten Zeit. Wallnusstorte würde ihr aber auch gefallen. Die hat sie immer für uns gemacht, wenn wir bei ihr, in der Vorweihnachtszeit, zum großen Familienessen eingeladen waren. Ich habe Wallnüsse aus unserem Garten für die Torte geknackt. Eigentlich hat das meine Omi immer gemacht.
Die Trauerrede ist fertig.
Die Slideshow für morgen nachmittag auch. Über 200 Bilder von meiner Omi aus diesem Jahr habe ich zusammengestellt. Und die ganze Zeit geweint. Beim ersten Mal, als ich sie mir, mit der Musik unterlegt, angesehen habe. Und beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal.
Morgen früh werden wir die Blumen für meine Omi abholen. Sie hat sich immer so über Blumen gefreut. Über Tulpen und Rosen und Amaryllis ganz besonders. Aber auch über alle anderen. Wir werden ihr Rosen aufs Grab legen. Und Lilien. Und Gerbera. Und sie wird sie nicht mehr sehen können.
Um halb zwei werden wir am Friedhof sein. Damit die Blumen und das gerahmte Bild von meiner Omi noch vor der Trauerfeier neben ihrer Urne platziert werden können. 
Neben ihrer Urne. Ich fasse es nicht. Meine Omi war zwar nicht besonders groß, so um die 1,60m, aber dass diese 1,60m jetzt in eine Urne passen, kann ich irgendwie nicht begreifen. Ein ganzer Mensch in einer Urne.

Irgendwie bin ich aber auch froh, dass es morgen so weit ist. Denn die Beisetzung lässt sich ja nicht ewig hinauszögern. Vor drei Wochen, als wir beim Bestatter saßen, hatten wir noch nicht alle erforderlichen Unterlagen beisammen. Und die Bestatterin meinte, es könne schwierig werden, mit einem Termin noch im alten Jahr. Denn um Weihnachten herum sei immer besonders viel los. Komisch, sterben denn im November und Dezember mehr Menschen als sonst? Aber mir war es eigentlich egal, wann die Beisetzung ist. Es war ja eh alles schon schrecklich. Aber morgen abend werden wir diesen Schritt hinter uns haben. Einen ersten Schritt von vielen. Irgendwie ist das auch gut. Denke ich.

Meine Omi und ich. Im September 2012. Bei einem ihrer Besuche bei mir in Braunschweig. Hier waren wir allerdings gerade in Goslar.

Montag, 8. Dezember 2014

Der schlimmste Moment

Komischerweise war nicht der Moment, als meine Omi starb, der bisher schlimmste für mich. Der schlimmste Moment war der, als wir nach ihrem Tod das Krankenzimmer verlassen haben und meine Omi zurücklassen mussten. Das war so unglaublich schwer. Ich konnte mich nicht trennen, weil ich wusste, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich meine Omi sehen und anfassen könnte. Jemals. Ich konnte an nichts anderes denken, als ich einen letzten Blick auf sie warf und die Zimmertür hinter ihr schloss.
In den Tagen davor, als ich wusste, dass sie bald sterben würde, hatte ich erwartet, dass der schlimmste Moment der sein würde, in dem sie für immer zu atmen aufhört. Aber das war nicht so. 
Der Moment, in dem sie starb, war friedlich. Wir waren an ihrer Seite. Und meine Omi schien keine Schmerzen zu haben. Das Leben wich ganz ruhig aus ihr. Während ich ihr Wesen und ihre Liebe für uns für immer in meinem Herzen haben werde. 
Nachdem sie gestorben war, wurde ihr Gesicht ganz weiß. Und ihre Lippen. Weil das Blut nicht mehr zirkulierte und ihr Oberkörper leicht erhöht lag. Ihre Hände, ihre Arme und ihr Gesicht waren noch einige Zeit lang warm. Bevor sie dann immer kälter wurden.  
Aber ich fand das nicht so schlimm, wie ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Denn meine Omi war ja immer noch da. Auch wenn ihr Herz nicht mehr schlug. Aber wir konnten immer noch mit ihr sprechen. Sie anfassen. Sie sehen. Und uns vielleicht auch unbewusst der Illusion hingeben, dass sie nur kurz eingeschlafen sei. Da war es noch nicht ganz so endgültig, wie in dem Moment, als wir sie im Krankenhaus zurückließen. 

Ich weiß nicht, wo sich der Tag der Beerdigung einreihen wird. Und der Augenblick, an dem ich die Urne sehen werde, die ihre Asche enthält. Und der Moment, in dem ihre Urne in die Erde gelassen wird. 

Für mich wird dies die erste Beerdigung eines mir sehr nahestenden Menschen sein. Und ich denke, dass es ein sehr schwerer Gang werden wird. Obwohl sich durch die Beisetzung ja faktisch nichts ändert. Denn alles hat sich schon geändert. Am 16. November. Als meine Omi starb. Seit dem fehlt sie mir. Dass wir sie in weniger als 48 Stunden beisetzen werden, wird die Situation nicht noch trauriger machen, als sie es schon ist. Und trotzdem denke ich, dass es furchtbar werden wird.

Wahrscheinlich findet jeder Mensch Beerdigungen schrecklich. Meine Omi tat sich besonders schwer damit. Sie war in Westberlin geboren und aufgewachsen. Als junge Frau zog sie dann in den Osten der Stadt. Nach dem Bau der Mauer durfte sie nur in Ausnahmefällen nach Westberlin reisen, um ihre Familie zu besuchen. Und als ihre Mutter 1981 starb, bekam sie keine Ausreisegenehmigung. Sie konnte bei ihrer Beerdigung nicht dabei sein. Das hatte meine Omi bis zuletzt nicht verarbeitet. Und wenn sie darüber sprach, kamen ihr immer die Tränen.

Bis heute konnte ich den Pullover, den ich trug, als meine Omi starb, nicht in die Waschmaschine stecken. Genausowenig wie das Tuch, das ich umhatte. In diesen Sachen habe ich meine Omi das letzte Mal umarmt. Und ich kann sie noch nicht waschen. Sie liegen in meinem Zimmer auf dem Tisch. Obwohl ich doch eigentlich so viele andere Sachen habe, die mich an sie erinnern.

Die Rede, die ich für die Trauerfeier meiner Omi geschrieben habe, ist fertig. Wir haben sie an den Trauerredner geschickt, der sie für uns vortragen wird. Er rief bei uns und sagte, dass er wirklich schon sehr viele Reden gehalten hat. Die entweder von den Angehörigen selber oder aber von ihm nach den Angaben von nahen Verwandten der Verstorbenen geschrieben worden waren. Aber selten habe er so eine schöne und persönliche Rede wie die unsrige gelesen. Da habe ich mich gefreut. Und dann musste ich weinen. Denn da wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst, dass er von der Trauerrede für meine Omi sprach.

Ein Foto von meiner Omi. In sehr jungen Jahren. Das habe ich in ihren alten Fotoalben entdeckt. Ich wüsste gern, wie alt sie da war. Aber fragen kann ich sie nicht mehr.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Langsamer Abschied

Seit ein paar Tagen blättere ich durch Fotos. Wir haben die Fotoalben aus der Wohnung meiner Omi geholt. Mit Fotos von ganz früher. Die Alben riechen nach ihrer Wohnung. Und damit nach ihr. Manchmal stecke ich meine Nase in ein Album und atme tief ein.
Die meisten Fotos aber sind digital. Und liegen auf meinem Rechner. Ich suche die schönsten Bilder raus. Die wir uns dann nach ihrer Beisetzung anschauen wollen.

Ich habe schon immer viel fotografiert. Alles um mich herum. Die Natur halte ich gerne fest. Vor allem aber Menschen. Bei jedem Familientreffen. An jedem Feiertag. Und auch bei allen anderen Anlässen. Jetzt ist mir aufgefallen, dass einige der schönsten Bilder von meiner Omi in diesem Jahr entstanden sind. Ich habe 2014 besonders viele Bilder von ihr gemacht.

2014 war eines der anstrengendsten Jahre meines Lebens. Eines der schönsten aber auch. Sowie das schlimmste, seit dem 16. November, als meine Omi starb. Ich war mir immer bewusst darüber, dass es meiner Omi, nachdem die Chemotherapie angeschlagen hatte und sie wieder nach Hause durfte, jederzeit wieder schlechter gehen könnte. Nichts war garantiert. Niemand konnte voraussagen, wie lange ihr die Chemotherapie helfen würde. Und ob der Krebs nicht trotzdem weiterwachsen würde. Und niemand konnte sagen, wie lange meine Omi noch leben würde. Im besten Fall einige Jahre, hatte ihr Onkologe einmal gesagt. Im schlimmsten Fall aber könnte es sehr schnell gehen.

Meine Omi hatte noch neun Monate. Nach der Diagnose. Und das Ende ihres Lebens kam sehr schnell. Und sehr unerwartet. Trotz allem.

Ich habe mir in diesem Jahr viele Sorgen um meine Omi gemacht. Bei jedem Kontrolltermin beim Onkologen war ich extrem aufgeregt. Vor den CT-Auswertungen war ich sehr nervös. Und immer, wenn ich sie anrief, befürchtete ich ein wenig, dass heute vielleicht der Tag wäre, an dem die Situation umschlagen würde. Der Tag, an dem es ihr wieder schlechter geht. Meistens aber hörte ich schon an ihrer Stimme, die mich freudig begrüßte, dass es ihr gut ging. 

Ich war in diesem Jahr an fast jedem freien Tag in Berlin. Am Sonntag sowieso, und meistens auch noch am Montag. Jeden Feiertag habe ich mit meiner Familie gefeiert. An jedem Familiengeburtstag war ich dabei. Meinen Urlaub habe ich hauptsächlich in Berlin verbracht. Genauso wie jeden anderen freien Tag zwischendurch. Und ich war so oft im Garten, mit meiner Omi und dem Rest der Familie, wie schon jahrelang nicht mehr.
Wäre meine Omi Anfang des Jahres nicht so krank geworden, hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Natürlich wäre ich an jedem Geburtstag und vielen Feiertagen zu Hause gewesen. Aber meinen Urlaub hätte ich bestimmt auch mal anders verbracht. Und den einen oder anderen Sonntag hätte ich auch in Braunschweig etwas zu tun gehabt. Aber ich bin, wann immer möglich, nach Berlin gefahren. Weil ich nicht wusste, wie lange ich meine Omi noch haben würde. Vielleicht war es auch ein langsames, bewusstes Abschied nehmen, im Nachhinein betrachtet. Denn ich habe mir auch immer wieder gedacht, vielleicht ist es das letzte Ostern oder Pfingsten, das wir mit ihr feiern können. Oder der letzte Geburtstag. Aber ich wusste natürlich nicht, wann der Abschied tatsächlich kommen würde. Und ich hatte mir so sehr gewünscht, dass das erst in ein paar Jahren wäre.

Ich bin sehr froh, dass ich das genau so gemacht hab. Und wäre meine Omi nicht so krank geworden, Anfang des Jahres, sondern jetzt plötzlich verstorben, dann würde ich nun vielleicht sagen, ich hätte gerne so viel mehr von ihr gehabt, in 2014. 

Ich bin unendlich traurig über ihren Tod. Und ich bin unendlich froh über die viele schöne Zeit, die ich mit ihr zusammen in diesem Jahr verbracht habe. 

Umso älter meine Omi wurde, umso schicker kleidete sie sich. Aber es gab auch einmal Zeiten, in denen sie Kittelschürze trug. Aber das ist locker 30 Jahre her. Wie hier, vor Ewigkeiten, in unserem Garten. (Aber schon damals hatten wir viele tolle Erdbeeren.)