Vor ein paar Tagen telefonierte meine Mama wegen der Kündigung der Wohnung meiner Omi mit Wohnungsgesellschaft. Als ihr am Telefon die Tränen kamen, war die Dame am anderen Ende ehrlich betroffen und sagte dann: "Ich weiß nicht, ob Sie das tröstet, aber zur Zeit sterben hier ganz viele Menschen."
Äh ..., nein, das ist überhaupt kein Trost!
Die Frau war wirklich sehr mitfühlend. Sie wollte wahrscheinlich, voller guter Absichten, irgendetwas sagen, und dann kam eben das dabei heraus. Man weiß vermutlich nicht, was man in Anbetracht des Todes Gescheites sagen soll. Und dann, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass es immer (!) lieb gemeint ist und keinerlei böse Absichten dahinter stecken, hört man als Angehöriger so etwas wie, "es ist doch besser so, dann muss sie nicht mehr leiden". Oder auch "sie hat doch ein schönes Alter erreicht." Oder auch "Kopf hoch, das Leben geht weiter". Solche Aussagen sind überhaupt kein Trost. Kaum etwas ist tröstlich, wie soll es das auch sein. Denn nichts kann über den Verlust hinweghelfen. Oder ihn erträglicher machen. Aber wenn man einen lieben Menschen verloren hat, dann will man nicht hören, dass es besser so ist. Oder das derjenige alt war. Und sich nun nicht mehr quälen muss.
Denn besser wäre es, wenn meine Omi noch da wäre. Wenn sie mit uns Weihnachten feiern könnte. Wenn ich sie mal schnell anrufen oder am Wochenende vorbei fahren könnte. Wenn sie ihre Urenkelin noch im Arm halten würde. Das wäre besser. Alles andere ist es nicht.
Was allerdings sehr tröstlich ist, finde ich zumindestens, dass ist Nachfragen. Zuhören. Vielleicht auch Mitweinen. Verständnis und Mitgefühl zeigen. Man muss keine tollen Sätze sagen, die garantiert gut gemeint sind und trösten sollen. Zuhören, dass ist mehr als genug. Und wenn man den Verstorbenen kannte, dann sind auch Erinnerungen ganz toll. Einige meiner Freunde kannten meine Omi, mitunter sogar sehr lange. Sie waren zum Beispiel schon als Kind mit mir zusammen bei ihr zu Besuch. Und ich freue mich, wenn sie dann sagen, was für schöne Erinnerungen sie an meine Omi haben.
Nach und nach trudeln Beileidskarten bei meinen Eltern zu Hause ein. Über eine Karte heute habe ich mich besonders gefreut. Sie ist von einer langjährigen Freundin meiner Omi. Die beiden kannten sich, seit sie in den 60er Jahren zusammen bei der Interflug gearbeitet haben. Und hielten bis zum Tod meiner Omi Kontakt. Auf der Karte stand geschrieben: "Eure Nachricht macht sehr traurig, hatte ich doch so sehr, wie ihr auch gehofft, dass Inge noch eine gute Zeit mit der Familie verbringen könnte. Sie lebte so gern, das hat sie immer wieder gesagt!" Diese alte Freundin meiner Omi muss sie gut gekannt haben, denn genau so sah es meine Omi - sie lebte so gerne.
Sie hat nicht gelitten in den letzten Monaten, trotz ihrer schweren Erkrankung und der Chemotherapie, die sie alle paar Wochen bekam. Es ging ihr gut. Oft auch sehr gut. Sie hat ihre Krankheit tapfer und stark ertragen und die Nebenwirkungen der Therapie gerne in Kauf genommen. Sie hatte sich in ihrem neuen, anderen, aber immer noch sehr schönen Leben gut eingerichtet. Sie war sehr froh über die Zeit, die ihr geschenkt wurde, nachdem ihre und unsere Welt Anfang des Jahres so finster war.
Ihren Tod jetzt als Erlösung von ihrem Leiden zu sehen, das möchte ich nicht. Weil meine Omi das nicht gut gefunden hätte. Sie sah sich nicht als Leidende. Sie hatte ein Schicksal auszuhalten, und das hat sie bravourös gemeistert. Und wenn es nach ihr gegangen wäre (und nach uns natürlich), dann hätte sie es liebend gerne noch länger ausgehalten, um noch eine Weile auf dieser schönen Erde zu sein, wie sie so oft sagte. Was wäre sie unglücklich, wenn sie es noch sein könnte, über das, was sie alles verpassen wird in der Zukunft. Garantiert würde sie nicht sagen, "es ist besser so, weil ich ja schon alt war und leiden musste."
Und wie gesagt, ich bin sicher, dass alles, was man trauernden Angehörigen tröstendes sagt, immer sehr, sehr gut gemeint ist. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit zu einem Trauernden auch schon mal so etwas wie "es ist besser so" gesagt. Nun weiß ich aber, was für ein ungeschickter Satz das ist.
Sie hat nicht gelitten in den letzten Monaten, trotz ihrer schweren Erkrankung und der Chemotherapie, die sie alle paar Wochen bekam. Es ging ihr gut. Oft auch sehr gut. Sie hat ihre Krankheit tapfer und stark ertragen und die Nebenwirkungen der Therapie gerne in Kauf genommen. Sie hatte sich in ihrem neuen, anderen, aber immer noch sehr schönen Leben gut eingerichtet. Sie war sehr froh über die Zeit, die ihr geschenkt wurde, nachdem ihre und unsere Welt Anfang des Jahres so finster war.
Ihren Tod jetzt als Erlösung von ihrem Leiden zu sehen, das möchte ich nicht. Weil meine Omi das nicht gut gefunden hätte. Sie sah sich nicht als Leidende. Sie hatte ein Schicksal auszuhalten, und das hat sie bravourös gemeistert. Und wenn es nach ihr gegangen wäre (und nach uns natürlich), dann hätte sie es liebend gerne noch länger ausgehalten, um noch eine Weile auf dieser schönen Erde zu sein, wie sie so oft sagte. Was wäre sie unglücklich, wenn sie es noch sein könnte, über das, was sie alles verpassen wird in der Zukunft. Garantiert würde sie nicht sagen, "es ist besser so, weil ich ja schon alt war und leiden musste."
Und wie gesagt, ich bin sicher, dass alles, was man trauernden Angehörigen tröstendes sagt, immer sehr, sehr gut gemeint ist. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit zu einem Trauernden auch schon mal so etwas wie "es ist besser so" gesagt. Nun weiß ich aber, was für ein ungeschickter Satz das ist.
Als ich ein Kind war, vielleicht so um die 12 oder 13 Jahre alt, da dachte ich, wenn man als Erwachsener einen Angehörigen verliert, dann kommt man damit gut zurecht. Weil es eben der Lauf der Dinge ist. Also wenn zum Beispiel die Großeltern oder irgendwann die Eltern sterben, dann ist man selber erwachsen und kann damit besser umgehen.
Das ist natürlich Unsinn. Es ist völlig egal, wie alt man ist. Und es ist auch völlig egal, dass das der Lauf der Dinge ist. Die Trauer trifft einen mit voller Wucht.
Als Kind dachte ich auch, dass es einem wahrscheinlich ein paar Wochen nach dem Tod eines lieben Menschen wieder besser geht. Dass man sich dann an den Umstand gewöhnt hat, dass derjenige tot ist. Und dass man weiterleben kann wie zuvor.
Auch das ist Unsinn. Vor 22 Tagen haben wir erfahren, dass meine Omi nur noch wenige Tage zu leben hat. Vor 19 Tagen ist meine Omi gestorben. Und mir geht es noch kein bisschen besser. Ganz im Gegenteil. Es wird eigentlich immer schlimmer. Und die Sehnsucht immer größer.
In den ersten Tagen nach ihrem Tod hätte man sich noch zu den Gedanken verleiten lassen können, dass sie vielleicht ein paar Tage verreist ist. Oder das ihr Telefon kaputt und sie deswegen nicht erreichbar ist. Aber nun, nach fast drei Wochen, sind solche Gedanken hinfällig. Meine Omi ist nicht verreist. Und es ist auch nicht so, dass ihr Telefon kaputt und sie deswegen nicht erreichbar ist. Meine Omi ist tot. Und ich habe Angst, dass ich irgendwann nicht mehr weiß, wie sie aussah, wenn ich nicht gerade ein Foto zur Hand habe. Oder dass ich vergesse, wie ihre Stimme klang. Wenn ich mir nicht gerade ein Video von ihr ansehe. Und ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich mir zum ersten Mal ein Video von ihr ansehe. Und ihre Stimme höre, die nie wieder zu mir sprechen wird.
Franzi und ich waren heute im Blumenladen. Und haben Grabsträuße bestellt. Zuerst konnte ich mich noch ganz gut zusammenreißen. Aber das gelang mir nicht mehr, als die nette Blumenverkäuferin sagte: "Darf ich fragen, für wen die Sträuße sind?". Und ich nahm dankend das Taschentuch an, das sie mir reichte. Wir haben schöne Sträuße ausgesucht. Einen für mich. Einen für Franzi. Und einen ganz kleinen für Tamino. Schade, dass meine Omi die nicht mehr sehen kann. Sie hat sich immer so über frische Blumen gefreut.
Heute habe ich Tamino aus der Kita abgeholt. Er erzählte mir, dass er im nächsten Jahr ein Baumhaus haben möchte. Ich fragte, ob das im großen Garten aufgebaut werden soll. Er sagte: "Ja. Leider ist Omi Inge ja schon weg. [Pause]. Omi Inge sitzt jetzt im Himmel und guckt auf uns runter." Ich wollte dann wissen, wer ihm das mit dem Himmel erzählt hat. "Niemand", war seine Antwort. "Und wir sind alle traurig."
Meine Mama, meine Omi, meine Tante und Silke. Bei einem Familienausflug Mitte September. Das war einer der Tage, an denen es meiner Omi sehr gut ging.

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