Montag, 1. Dezember 2014

Tapfer

Meine Omi konnte schnell sentimental werden. Und ein paar Tränen vergießen. Ein sicherer Garant dafür, dass Tränen bei ihr flossen, waren Nationalhymnen. Im Fernsehen gesehen, zum Beispiel bei der Fußball EM oder WM. Wenn die Musik erklang, stand meiner Omi das Wasser in den Augen. Und das nicht nur bei der deutschen Hymne, sondern wahlweise auch bei allen anderen, die schön klangen. Und wenn die Fußballer dann auch noch inbrünstig mitsangen, war alles aus. Das gleiche galt auch für die Medaillenverleihungen bei allen möglichen anderen Sportevents. Den Olympischen Spielen etwa. Oder den Weltmeisterschaften im Wintersport.

Auch immer zum Weinen brachte meine Omi der Jahreswechsel, begleitet von Feuerwerk und ein bisschen Musik. Oder besonders schöne Stellen in klassischen Konzerten, die sie im Fernsehen verfolgte. Oder wenn etwas besonders Schlimmes auf der Welt passierte (und davon gibt es ja reichlich).

Eigentlich nie weinen gesehen habe ich sie wegen ihrer Krankheit. Weder Anfang 2012, als sie die Diagnose Brustkrebs erhielt. Noch Anfang 2014, als die Diagnose dann metastisierender Brustkrebs lautete. Als klar war, dass eine Heilung ausgeschlossen ist. Und dass es jetzt darum gehen würde, den Krebs so lange wie möglich aufzuhalten. Sie hat mit ihrem Schicksal nicht gehadert. Natürlich hat es ihr zu Schaffen gemacht, dass sie so krank war. Denn so eine Diagnose muss man erst einmal verkraften. Und damit umzugehen lernen. Aber nie hat sie sich gefragt: "Warum ich?" Und auch nie hat sie angezweifelt, ob man nicht irgendetwas anders hätte machen können, um die Krankheit zu stoppen. Die Situation war eben, wie sie war. Und meine Omi kämpfte gegen den Krebs. Sehr tapfer und ohne großes Weinen oder Klagen. Sie zögerte nie, die Chemotherapie, die einiges an Nebenwirkungen mit sich brachte, durchführen zu lassen. Sie war immer zuversichtlich, auch wenn ihr das an den Tagen, an denen es ihr nicht so gut ging, bestimmt nicht leicht fiel.

Ich habe, und das nicht erst nach dem Tod meiner Omi, ab und zu mal überlegt, ob man irgendetwas anders hätte machen können. In den letzten drei Jahren. Nach der Erstdiagnose bei meiner Omi zum Beispiel. Als sie nach der OP "nur" eine Bestrahlung bekam, aber keine Chemotherapie. Da davon ausgegangen wurde, dass der Krebs aus ihrem Körper vollständig entfernt worden war. Hätten wir auf eine Chemo drängen sollen? Oder Anfang diesen Jahres. Als es ihr so schlecht ging. Relativ plötzlich. Hätten wir sie da früher zum Arzt bringen müssen? Hätte eine Woche eher einen Unterschied gemacht? Oder. Oder. Oder. Aber im Endeffekt bringen solche Gedanken nichts. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und man kann Entscheidungen nicht rückgängig machen. Meine Omi und wir haben immer das getan, was für uns das Beste zu sein schien. Und ich gehe davon aus, dass auch die Ärzte so gehandelt haben. Meine Omi hat mir ihrem Schicksal nicht gehadert, sondern es angenommen. Und so sollte ich es auch tun.

Meine Omi und ich. Vor langer, langer Zeit. Eins haben wir hier gemeinsam - irgendetwas stimmt mit unseren Frisuren nicht. Und ich zeige mein berühmt-berüchtigtes ernstes Gesicht.


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