Mittwoch, 21. Januar 2015

Wie es mir geht

Jemand, den ich mal gut kannte, hat seine Mutter verloren. Vor anderthalb Jahren. Vier Monate nach ihrem Tod sagte er zu mir, dass er damit immer noch nicht zurecht kommt. Und ihren Tod noch nicht verarbeitet hat. 
Schon damals konnte ich mir das gut vorstellen. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt so einen schlimmen Verlust noch nicht erlebt hatte. Trotzdem schienen mir vier Monate eine sehr kurze Zeit zu sein, um den Tod eines wichtigen Menschens zu verstehen, zu akzeptieren und zu verarbeiten.

Heute weiß ich, dass vier Monate tatsächlich eine sehr kurze Zeit sind. Um klar zu kommen mit dem Tod. Auch wenn vier Monate gleichzeitig eine sehr lange Zeit sind. Wenn man jemanden vermisst.

Er hat seine Mutter damals beim Sterben begleitet. Ich habe ihn dafür bewundert. Und mich gleichzeitig gefragt, wie man das schaffen kann. Und aushalten. Ich konnte mir nur sehr schwer vorstellen, wie sich das ertragen lässt.

Heute weiß ich, dass man das schaffen kann. Und aushalten. Aus Liebe. Und weil es irgendwie auch schön ist. Und einem Frieden gibt. Inmitten einer schrecklichen Situation.

Ich weiß nicht, wie er heute mit dem Tod seiner Mutter umgeht. Und wie es ihm damit geht. Aber ich hoffe, besser.

Ich weiß nicht, wie es mir anderthalb Jahre nach dem Tod meiner Omi gehen wird. Aber ich hoffe, besser.

Vor ein paar Tagen fragte mich die liebe Hanka, wie es mir geht. Ich antwortete, dass es mal so, mal so sei. Manchmal ein bisschen besser. Und dann wieder nicht. Und das ich mich irgendwie an die Situation gewöhne(n muss). Und dann plötzlich wieder furchtbar traurig bin. Hanka konnte das gut nachvollziehen - denn an der Situation an sich habe sich ja leider nichts geändert. Und Gewöhnung würde eben einsetzen - ob das nun gut sei oder nicht. Damit hat sie es ganz gut zusammengefasst, finde ich. 

Dieses Foto ist auf den Tag genau fast ein Jahr alt. Wir trafen uns hier zur jährlichen Silvesternachfeier bei meinen Eltern. Um auf ein gesundes neues Jahr anzustoßen. Meiner Omi ging es zu dieser Zeit schon nicht besonders gut, knappe 10 Tage später wurde sie ins Krankenhaus eingewiesen.


Manchmal frage ich mich, ob sie noch am Leben wäre, wenn sie früher zum Arzt gegangen wäre. Oder wenn wir sie früher zum Arzt gebracht hatten. Stattdessen nahmen wir alle an, dass ihr starkes Unwohlsein mit der neuen Anti-Hormon-Tablette zusammenhänge, die sie seit einer Weile einnahm. Und die gegen die verdächtigen Stellen in ihrer Leber wirken sollten, die einige Wochen zuvor bei einer Krebsnachsorgeuntersuchung festgestellt worden waren.
Die Frage kann mir niemand beantworten. Und ich sollte sie mir auch nicht stellen. Denn das hilft mir nicht. Und dadurch ändert sich gar nichts. Manchmal kommt sie mir aber trotzdem in den Kopf. Aber immer nur für einen Moment. 

Donnerstag, 15. Januar 2015

.../...

Du bist schon seit fast neun Wochen tot./
Du bist erst seit fast neun Wochen tot. Wir werden noch so viele Wochen, Monate und Jahre ohne Dich auskommen müssen. So viele Geburtstage, Feste, Familientreffen oder Gartentage.

Ich würde Dich so gerne wieder mal sehen. Oder wenigstens deine Stimme hören./
Ich habe es bisher nicht geschafft, mir ein Video von Dir anzusehen. Oder mir eine deiner Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter anzuhören.

Ich weiß, dass ich Dich nie wiedersehen werde./
Ich kann nicht begreifen, was nie wieder bedeutet. Was nie wieder für einen Umfang hat.

Manchmal ist der Schmerz aushaltbar. Für einige Stunden. In denen ich auch lachen kann./
Ganz oft ist der Schmerz unerträglich.

Es wird bestimmt mit der Zeit immer besser. Und leichter./
Es wird immer schwerer, umso mehr Zeit vergeht, seit Du gestorben bist.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mich 35 Jahre lang immer auf Dich verlassen konnte. Und auf Dich stützen./
Ich bin so traurig, dass es nur 35 Jahre sein konnten.

Ich weiß, dass es der Lauf der Dinge ist, dass Großeltern einen eben irgendwann verlassen./
Ich hasse es, dass das der Lauf der Dinge ist.

Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass Dein Körper verbrannt ist. Und Du in einer Urne unter der Erde liegst./
Ich erwische mich immer wieder bei dem Gedanken: "Wenn ich das nächste Mal bei Omi bin .../ Wenn ich das nächste Mal mit Omi telefoniere ..."

Ich freue mich auf den Frühling. Und die Gartenzeit, die er mit sich bringt./
Ich habe Angst vor der Gartenzeit. Ohne Dich.

Ich freue mich so sehr, dass meine kleine Nichte endlich auf der Welt ist./
Ich finde es so sehr traurig, dass Du Deine Urenkelin nie sehen wirst. Und sie niemals ihre Uromi kennenlernen durfte.

Meine Omi. Ganz in ihrem Element. Im Garten. Im Mai 2014. 

Sonntag, 11. Januar 2015

Auf dem Friedhof

Ich bin gerne auf dem Friedhof. Bei meiner Omi. Und gleichzeitig ist das der Ort, an dem ich am meisten weinen muss. Immer, wenn ich in Berlin bin, besuche ich meine Omi dort mindestens einmal. Zünde ihr neue Kerzen an. Und stehe ein wenig an ihrem Grab. Nirgendwo anders als an ihrem Grab ist es mir so bewusst, dass sie nicht mehr bei uns ist. Und ich habe auf dem Friedhof das Gefühl, ihr besonders nahe zu sein. Ich schaue mir dann ihren Grabstein an. Ich lese ihre Namen und ihre Lebensdaten und denke, was es für ein riesengroßer Mist ist, dass sie nicht mehr da ist.  

Ich weiß nicht, warum ich auf dem Friedhof eine noch stärkere Verbundenheit zu ihr spüre als sonst. Vielleicht, weil dort ihre sterblichen Überreste liegen. Nahe fühle ich mich meiner Omi aber eigentlich immer. Sie ist in meinem Herzen, und ich stelle mir vor, was sie dazu oder hierzu sagen würde. Oder wie sie sich über dies oder jenes freuen würde. Ich kann mir ganz genau denken, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren würde. Ich überlege mir, wie es wäre, wenn ich ihr etwas am Telefon erzählen würde - und wie sie mir zuhören, etwas nachfragen oder lachen würde. Manchmal sehe ich sie förmlich vor mir und höre ihre Stimme. Es tröstet mich ein klein wenig, dass ich so viele Bilder von ihr abrufen kann. Und gleichzeitig bin ich so traurig, dass sich dies alles nur noch in meinem Kopf abspielen kann. Und ich sie nie mehr wirklich sehen kann. Oder hören.

In einem der Bücher zur Trauerbewältigung, die ich gelesen habe, schreibt der Autor, dass es ihm mittlerweile gelingt, einen großen Teil seiner Trauer am Grab zu lassen. Dass er immer besonders traurig ist, wenn er dort ist. Und beim Verlassen des Friedhofs dann nicht mehr ganz so sehr. Seine schwere, große Trauer bleibt dann am Grab.
So weit bin ich noch nicht. Meine Trauer begleitet mich überall hin. In ihrem vollem Ausmaß. Sie ist immer da. Und es braucht nie allzuviel, dass ich zu weinen anfange. Oft kann ich mich gut zusammenreißen. Auf der Arbeit zum Beispiel. Dort ist nichts, was mich an meine Omi erinnert. Und ich habe viel zu tun. Viele Termine und Dinge, die zu erledigen sind. Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber trotzdem habe ich sie immer bei mir, die Trauer. So saß ich neulich zum Beispiel in einem Seminar und hörte eigentlich gerade zu, was vorne besprochen wurde. Und plötzlich stand mir das Wasser in den Augen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und rausgegangen. Aber dann habe ich sie weggeblinzelt, die Tränen. Und es ging wieder, nach ein paar Sekunden. 
Auf dem Friedhof ist der Schmerz immer noch ein bisschen größer als sowieso. Aber vielleicht schaffe ich es eines Tages ebenfalls, einen Großteil meiner Trauer auf dem Friedhof zu lassen. Das fände ich schön. Und meine Omi bestimmt auch.

Seit ein paar Tagen haben wir ein neues Baby in unserer Familie. Das hatte ich gestern und heute im Arm - so wie meine Omi mich vor über 35 Jahren. Und ich fand es ganz zauberhaft. So wie meine Omi damals bestimmt auch. 

Donnerstag, 8. Januar 2015

Verabschieden

Ich habe beinahe täglich mit meiner Omi telefoniert. Vor allem im letzten Jahr. Als sie so krank war. Mal länger. Aber oft auch ganz kurz. Wichtig war mir nur, einmal am Tag zu hören, ob es ihr gut geht. Länger hingezogen hat sich des Öfteren die Verabschiedung am Telefon. Meist lief es ungefähr so ab:

Ich (im Auflegen begriffen): "Also, tschüß dann."

Meine Omi (überhaupt nicht ans Auflegen denkend):  "Ja, tschüß meine Große. Vielen Dank für Deinen Anruf!"   

Ich: "Ja, bis morgen."

Meine Omi: "Ja, tschüß." [Kurze Pause] "Was machen die Kätzchen?" 

(Alternativ dazu fragte meine Omi auch oft: "Wann bist Du wieder in Berlin? / Hast Du was von Fränzi gehört? / Was macht der Kleine (damit meinte sie Tamino)? / Musst Du morgen arbeiten?")

Ich (nachdem ich die Frage beantwortet hatte): "Ok. Also, tschüüüß!"

Meine Omi: "Machs gut Nadinchen. Bis bald. Vielen Dank für Deinen Anruf."

Ich: "Jahaaa, also, tschüüüüüß!!"

Meine Omi: "Tschüß meine Große. Also, machs gut."

Ich: "So, jetzt aber wirklich ... Tschüüüüß!!!!"

Meine Omi: "Jaaaaa. Tschüß. Danke. Tschüß."

So lief das meistens ab. Nicht nur, wenn ich mit meiner Omi telefonierte. Franzi und meiner Mama ging es ähnlich. Am Telefon. Am Ende der Gespräche mit meiner Omi. Wir mussten da oft drüber schmunzeln. Franzi und ich vor allem. Darüber, dass sich das mit dem Beenden der Telefonate mit meiner Omi immer ein bisschen schwieriger gestaltete.

Über das Verabschieden denke ich oft nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir bis zum Ende bei meiner Omi sein konnten. Dass wir an ihrem Bett sitzen und ihre Hände halten konnten, als sie starb. Dieses Glück haben vermutlich nicht viele. Viele Menschen sterben bestimmt, wenn sie alleine sind. Vielleicht im Schlaf. Vielleicht bei einem Unfall. Vielleicht während sie irgendwo unterwegs sind. Meine Omi war nicht alleine. Und ich habe in ihr Gesicht gesehen, als sie zu atmen aufhörte. Und ihr Herz für immer stoppte. Ich glaube auch, dass genau das mir dabei geholfen hat, zu akzeptieren, dass sie wirklich tot ist. Und nie wiederkommen wird. Auch wenn es mich so unglaublich traurig macht, dass sie nicht mehr da ist, so war es doch irgendwie schön zu sehen, wie friedlich sie eingeschlafen ist. Und das der Moment des Sterbens an sich nicht schlimm für sie war.

Unendlich schade finde ich es aber, dass ich mich nicht richtig von ihr verabschieden konnte. Während sie noch bei Bewusstsein war. Ich hätte ihr gerne noch so vieles gesagt. Und sie so vieles gefragt. Ich hätte ihr so gerne richtig tschüß gesagt. Ich habe das auch versucht, während ich an ihrem Sterbebett saß. Ich habe ihr gesagt, dass sie mir so sehr fehlen wird. Und dass ich sie lieb habe. Aber da war sie schon nicht mehr ansprechbar. Und hat es vielleicht gar nicht mehr mitbekommen. 
Ihr Zustand hat sich so schnell so sehr verschlechtert. Innerhalb von wenigen Tagen. Am Sonntag kam sie in die Notaufnahme. Am Montag konnte ich noch mit ihr sprechen. Sie antwortete mir, schaute mich an, lief im Zimmer herum und lachte. Ich dachte, ein Glück. Alles kann wieder gut werden. 24h später, am Dienstag nachmittag, war sie schon wieder sehr verwirrt und konnte keine klaren Sätze mehr bilden. Und noch einmal einen Tag später war sie nur noch sekundenweise bei Bewusstsein. In den nächsten Tagen verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. Am Sonntag abend war sie tot. Wie schnell das gegangen ist, kann ich bis heute nicht so wirklich begreifen. Hätte ich das geahnt, so hätte ich mich am Montag, als es noch gegangen wäre, ordentlich von ihr verabschiedet. 
Als ich ihren leblosen Körper am Sonntag abend ein letztes Mal umarmte, kurz bevor wir sie das allerletzte Mal ansehen konnten und schließlich dann im Krankenhaus zurücklassen mussten, sagte ich: "Tschüß Omi. Ich hab Dich lieb. Danke für alles." Und sie konnte es nicht mehr hören.

Was würde ich heute darum geben, wenn ich nur noch ein einziges Mal mit ihr sprechen könnte. Am Telefon. Mit einer langgezogenen Verabschiedung. 
Und was würde ich darum geben, wenn ich mich richtig von ihr hätte verabschieden können. Als sie noch ansprechbar war. Wenn ich doch nur geahnt hätte, wie schnell wir sie verlieren würden. 

Dieses Foto ist auf den Tag genau 11 Wochen alt. Und es kommt mir vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Als wir schwimmen waren. In Wolfenbüttel. Meine Omi, Franzi, Tamino und ich.


Donnerstag, 1. Januar 2015

2014

2014 ist vorbei. 2015 ist da. Und heute ist der erste Tag eines neuen Jahres. 

Bin ich froh, dass 2014 vorbei ist? Oder will ich am alten Jahr festhalten? Weder noch. 2014 war meine Omi noch am Leben. 2015 kann sie nicht mehr erleben. Aber für mich macht es keinen Unterschied, ob 2014 hinter mir liegt oder nicht. Denn heute ist einfach ein weiterer Tag, an dem mir meine Omi fehlt. Egal, in welchem Jahr wir uns befinden.

War 2014 ein schlimmes Jahr? Oder war es ein gutes Jahr? Sowohl als auch. 2014 hat schlimm begonnen. Zwischendurch war es ein wunderbares Jahr. Und am Ende war es ganz furchtbar.

2014 war ein sehr schönes Jahr. Und gleichzeitig ist es das schrecklichste Jahr meines bisherigen Lebens. Es gab viele gute Nachrichten im letzten Jahr. Viele schlechte. Und einige ganz schlimme.

Ende Januar kam meine Omi ins Krankenhaus. Es ging ihr schon eine Weile lang nicht gut, aber da wussten wir noch nicht, wie schlimm es tatsächlich um sie stand. Einige Bluttests, Ultraschalluntersuchungen und eine Computertomographie später gab es die erste schlimme Nachricht. Nachdem meine Omi zwei Jahre zuvor an Brustkrebs erkrankt war, hatten sich nun in ihrer Leber mehrere große und aggressive Metastasen gebildet. Unheilbar. Aber mit Hilfe einer Chemotherapie eventuell aufhaltbar. Da der Krebs jedoch schon sehr weit fortgeschritten war, sprach die Chefärztin der Onkologie mit meiner Omi auch darüber, auf die Behandlung zu verzichten, wenn sie der Meinung sei, ihr Leben gelebt zu haben und nicht mehr kämpfen wolle. Für meine Omi war das aber keine Option. Sie sah die Chemo als Chance, die sie unbedingt wahrnehmen wollte. 

Einige Tage später hatten meine Mama und ich ein Azrtgespräch. Der Onkologe machte uns klar, wie kritisch die Lage war und dass er nicht sicher sei, ob meine Omi die nächsten Tage überleben würde. Sie litt an beginnendem Organversagen, der Arzt war wenig positiv eingestellt, und wir mussten uns darauf einstellen, meine Omi zu verlieren. Auch über die Möglichkeit der Verlegung in ein Hospiz sprach er mit uns.
Ungefähr eine Woche später saßen wir erneut mit dem gleichen Arzt zusammen. Meine Omi war äußerlich in einem sehr schlechten Zustand, und wir befürchteten das Schlimmste - doch diesmal war der Arzt zum ersten Mal ein klein wenig optimistisch. Ihre Werte verbesserten sich täglich, und wir konnten das erste Mal darauf hoffen, dass die Chemo anschlug. Gleichzeitig bestand aber die Gefahr, dass die Situation jederzeit wieder kippen konnte. Und wir überlegten mit dem Arzt gemeinsam, wie meine Omi in Zukunft leben sollte - wenn es denn eine Zukunft für sie geben würde. Denn zu diesem Zeitpunkt, rund zwei Wochen nach ihrer Einlieferung, konnte meine Omi fast nichts mehr alleine machen. Sie schlief fast die ganze Zeit, konnte kaum aufstehen, aß nichts und trank nichts. Dass sie jemals wieder nach Hause zurückkehren könnte, schien unmöglich.
Doch sie schaffte es. Und nach beinahe zwei Monaten im Krankenhaus lebte meine Omi wieder in ihrer eigenen Wohnung. Und wir halfen ihr dabei, dass sie trotz zuvor ungekannter Einschränkungen, gut zu Hause zurecht kam. 

Nach einigen weiteren Chemotherapierunden war Ende Mai eine Computertomographie bei meiner Omi angesetzt. Die erste nach der Diagnose Anfang des Jahres. Als meine Omi und Mama dem Arzt gegenüber saßen, gab es viele gute Nachrichten. Die Leberwerte meiner Omi hatten sich stark verbessert. Und ihr Tumormarker war signifikant gesungen. Allerdings lag die Auswertung der Computertomographie wider Erwarten noch nicht vor. Der Arzt war aber sehr zuversichtlich und versprach meiner Omi, sie anzurufen, sobald das Ergebnis da wäre.
Dies geschah dann auch, wenige Stunden später. Und die Computertomographie bestätigte alles, was der Arzt zuvor vermutet hatte. Das Wachstum der ursprünglichen Metastasen war gestoppt worden, und es hatten sich keine neuen gebildet. Meine Omi rief mich kurz danach auf dem Handy an. Ich lief gerade über den Parkplatz zu meinem Auto. Das weiß ich noch genau. Meine Omi war hocherfreut. Und ich war so unglaublich froh.

Anfang Juli folgten die ersten beunruhigenden Nachrichten. Der Tumormarker war leicht angestiegen. Nicht sehr zwar. Aber dennoch sollte sich meine Omi beim Onkologen melden, wenn sie den Eindruck hätte, sie fühle sich schlechter. Die nächsten Tage hatte meine Omi immer weniger Appetit, was kein gutes Zeichen war und ein Wachstum der Metastasen anzeigen konnte. Sie fühlte sich zunehmend schlapper und hatte keinen Antrieb mehr. Nach mehreren Telefonaten mit dem Arzt lies dieser sie erneut ins Krankenhaus einweisen. So konnte die Computertomographie vorgezogen werden, die eigentlich erst für Ende August vorgesehen war.  
Und dann gab es schlimme Nachrichten. Denn der Krebs hatte mittlerweile Resistenzen gegen die Chemo gebildet. Und die Metastasen hatten Raum zum Weiterwachsen gefunden. Allerdings waren sie immer noch auf die Leber begrenzt, weswegen sich meine Omi und die Ärzte für eine andere, stärkere Art der Chemotherapie entschieden. Und diese schien erneut anzuschlagen. Meiner Omi ging es sehr schnell tagtäglich besser, und nach einer Woche im Krankenhaus war sie wieder zu Hause. 

Das waren sehr gute Nachrichten. Wenn man die Umstände betrachtet. Meiner Omi ging es gut. Sie hatte wieder Appetit, der einige Wochen lang anhielt. Und ich freute mich immer sehr, wenn sie mir auf meine tägliche Frage am Telefon berichtete, was sie sich am zurückliegenden Tag alles zu essen gemacht hatte. Denn ich konnte nie vergessen, wie uns der Onkologe im Krankenhaus ganz am Anfang sagte, dass Appetit und Hunger wiederkommen würden, sobald die Chemo anschlagen würde. Ein weiteres Wachstum würde dies aber verhindern. Das sei typisch für diese Art von Krebs, sagte er. Und deswegen waren die Berichte meiner Omi über ihren Speiseplan immer sehr gute Nachrichten für mich.

Ende September wurde die nächste Computertomographie durchgeführt, die Auswertung fand am 1. Oktober statt. Und wieder gab es sehr gute Nachrichten. Das Wachstum der Metastasen in der Leber war erneut gestoppt worden, die Leberwerte hatten sich verbessert, und der Tumormarker war so niedrig wie nie zuvor. Wieder einmal hatten wir die bestmöglichen Nachrichten erhalten. Der weitere Therapieplan, den der Onkologe mit meiner Omi und Mama besprach, sah vor, dass Ende November die vorerst letzte Chemo und Ende Dezember eine weitere Computertomographie erfolgen würde. Dann sollte meiner Omi eine Pause von der Chemotherapie gegönnt werden. Im Zusammenspiel mit einer engmaschigen Kontrolle durch den Onkologen.
Das war ein Grund zum Feiern. Und wir waren alle so unglaublich froh über die tollen Nachrichten. 
Heute frage ich mich, ob die Metastasen im Hirn meiner Omi zu diesem Zeitpunkt schon zu wachsen begonnen hatten. Während wir uns über die vermeintlich wunderbaren Untersuchungsergebnisse freuten. Aber wir werden das nie erfahren. Vielleicht ist das auch besser so, denn ändern ließe sich sowieso nichts mehr. Einmal mehr bewusst wird mir aber in diesem Zusammenhang, wie heimtückisch diese beschissene Krankheit doch ist. Während sie an einer Stelle des Körpers zu wachsen aufhört, schleicht sie sich unerkannt an eine andere. Und wie schnell sie einen Menschen aus dem Leben reißen kann. Denn nachdem meine Omi Anfang Oktober diese guten Ergebnisse erhalten hatte, lebte sie nur noch sechs Wochen. So hätte sie sich das bestimmt kaum vorgestellt. Und auch ich hätte das niemals gedacht, obwohl ich immer sehr vorsichtig mit meinem Optimismus darüber war, wie lange wir meine Omi noch haben würden. Aber das es nur noch sechs Wochen sein sollten, obwohl es ihr doch gerade so gut ging ...

Über die letzte Zeit im Leben meiner Omi habe ich hier schon an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Drei Wochen vor ihrem Tod ging es ihr nicht mehr so gut. Beim Kontrolltermin beim Onkologen am 30. Oktober, zu dem ich sie begleitete, konnten wir der Ursache nicht auf den Grund gehen. Doch die noch einmal verbesserten Leberwerte und der weiter gesunkene Tumormarker ließen den Onkologen vermuten, dass die Chemo meiner Omi zunehmend zusetzen würde. Und sie sich deswegen schlechter fühlte. Und zusammen mit uns hoffte er auf die baldige Pause von den starken Medikamenten. Und wir und meine Omi hofften auf weitere geschenkte Zeit. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. In der Woche vor dem Tod meiner Omi reihte sich eine schlimme Nachricht an die andere. Und es gab keine Hoffnung mehr. Das Einzige, was wir noch für meine Omi tun konnten, war es, für sie da zu sein. Ihre Hand zu halten. Und sie beim Sterben zu begleiten. Damit sie in ihren letzten Tagen, Stunden und Minuten nicht alleine war. Das ist uns gelungen. Und im Nachhinein betrachtet ist dies eine sehr gute Nachricht. Dass sie nicht alleine war. Als sie von der Welt ging.

2014 ist uns das Schlimmste passiert, was einem passieren kann. Wir haben einen geliebten Menschen verloren, der uns sehr wichtig war (und ist). Und der immer in unserer Mitte war. Unsere Omi, Mama, Schwester, Tante und Uromi. Wir werden sie nie wiedersehen. 2014 war das letzte Jahr, das wir mir ihr teilen konnten.
Doch zwischen all diesen guten und schlechten und schlimmsten Nachrichten hat unsere Familie 2014 mit meiner Omi zusammen viele schöne und wertvolle Erinnerungen geschaffen, die wir für immer in unseren Herzen tragen werden. 2014 war ein anstrengendes Jahr. Emotional. Und physisch. Es war von Sorgen geprägt. Und Ängsten. Und gleichzeitig war es ein sehr frohes und glückliches Jahr.

Am letzten Tag des Jahres habe ich meine Omi noch einmal besucht. Auf dem Friedhof. Und ich habe ihr ein paar Wunderkerzen angezündet. Die hat sie immer sehr gemocht.