Ich bin gerne auf dem Friedhof. Bei meiner Omi. Und gleichzeitig ist das der Ort, an dem ich am meisten weinen muss. Immer, wenn ich in Berlin bin, besuche ich meine Omi dort mindestens einmal. Zünde ihr neue Kerzen an. Und stehe ein wenig an ihrem Grab. Nirgendwo anders als an ihrem Grab ist es mir so bewusst, dass sie nicht mehr bei uns ist. Und ich habe auf dem Friedhof das Gefühl, ihr besonders nahe zu sein. Ich schaue mir dann ihren Grabstein an. Ich lese ihre Namen und ihre Lebensdaten und denke, was es für ein riesengroßer Mist ist, dass sie nicht mehr da ist.
Ich weiß nicht, warum ich auf dem Friedhof eine noch stärkere Verbundenheit zu ihr spüre als sonst. Vielleicht, weil dort ihre sterblichen Überreste liegen. Nahe fühle ich mich meiner Omi aber eigentlich immer. Sie ist in meinem Herzen, und ich stelle mir vor, was sie dazu oder hierzu sagen würde. Oder wie sie sich über dies oder jenes freuen würde. Ich kann mir ganz genau denken, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren würde. Ich überlege mir, wie es wäre, wenn ich ihr etwas am Telefon erzählen würde - und wie sie mir zuhören, etwas nachfragen oder lachen würde. Manchmal sehe ich sie förmlich vor mir und höre ihre Stimme. Es tröstet mich ein klein wenig, dass ich so viele Bilder von ihr abrufen kann. Und gleichzeitig bin ich so traurig, dass sich dies alles nur noch in meinem Kopf abspielen kann. Und ich sie nie mehr wirklich sehen kann. Oder hören.
In einem der Bücher zur Trauerbewältigung, die ich gelesen habe, schreibt der Autor, dass es ihm mittlerweile gelingt, einen großen Teil seiner Trauer am Grab zu lassen. Dass er immer besonders traurig ist, wenn er dort ist. Und beim Verlassen des Friedhofs dann nicht mehr ganz so sehr. Seine schwere, große Trauer bleibt dann am Grab.
So weit bin ich noch nicht. Meine Trauer begleitet mich überall hin. In ihrem vollem Ausmaß. Sie ist immer da. Und es braucht nie allzuviel, dass ich zu weinen anfange. Oft kann ich mich gut zusammenreißen. Auf der Arbeit zum Beispiel. Dort ist nichts, was mich an meine Omi erinnert. Und ich habe viel zu tun. Viele Termine und Dinge, die zu erledigen sind. Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber trotzdem habe ich sie immer bei mir, die Trauer. So saß ich neulich zum Beispiel in einem Seminar und hörte eigentlich gerade zu, was vorne besprochen wurde. Und plötzlich stand mir das Wasser in den Augen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und rausgegangen. Aber dann habe ich sie weggeblinzelt, die Tränen. Und es ging wieder, nach ein paar Sekunden.
Auf dem Friedhof ist der Schmerz immer noch ein bisschen größer als sowieso. Aber vielleicht schaffe ich es eines Tages ebenfalls, einen Großteil meiner Trauer auf dem Friedhof zu lassen. Das fände ich schön. Und meine Omi bestimmt auch.
Seit ein paar Tagen haben wir ein neues Baby in unserer Familie. Das hatte ich gestern und heute im Arm - so wie meine Omi mich vor über 35 Jahren. Und ich fand es ganz zauberhaft. So wie meine Omi damals bestimmt auch.

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