Donnerstag, 8. Januar 2015

Verabschieden

Ich habe beinahe täglich mit meiner Omi telefoniert. Vor allem im letzten Jahr. Als sie so krank war. Mal länger. Aber oft auch ganz kurz. Wichtig war mir nur, einmal am Tag zu hören, ob es ihr gut geht. Länger hingezogen hat sich des Öfteren die Verabschiedung am Telefon. Meist lief es ungefähr so ab:

Ich (im Auflegen begriffen): "Also, tschüß dann."

Meine Omi (überhaupt nicht ans Auflegen denkend):  "Ja, tschüß meine Große. Vielen Dank für Deinen Anruf!"   

Ich: "Ja, bis morgen."

Meine Omi: "Ja, tschüß." [Kurze Pause] "Was machen die Kätzchen?" 

(Alternativ dazu fragte meine Omi auch oft: "Wann bist Du wieder in Berlin? / Hast Du was von Fränzi gehört? / Was macht der Kleine (damit meinte sie Tamino)? / Musst Du morgen arbeiten?")

Ich (nachdem ich die Frage beantwortet hatte): "Ok. Also, tschüüüß!"

Meine Omi: "Machs gut Nadinchen. Bis bald. Vielen Dank für Deinen Anruf."

Ich: "Jahaaa, also, tschüüüüüß!!"

Meine Omi: "Tschüß meine Große. Also, machs gut."

Ich: "So, jetzt aber wirklich ... Tschüüüüß!!!!"

Meine Omi: "Jaaaaa. Tschüß. Danke. Tschüß."

So lief das meistens ab. Nicht nur, wenn ich mit meiner Omi telefonierte. Franzi und meiner Mama ging es ähnlich. Am Telefon. Am Ende der Gespräche mit meiner Omi. Wir mussten da oft drüber schmunzeln. Franzi und ich vor allem. Darüber, dass sich das mit dem Beenden der Telefonate mit meiner Omi immer ein bisschen schwieriger gestaltete.

Über das Verabschieden denke ich oft nach. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir bis zum Ende bei meiner Omi sein konnten. Dass wir an ihrem Bett sitzen und ihre Hände halten konnten, als sie starb. Dieses Glück haben vermutlich nicht viele. Viele Menschen sterben bestimmt, wenn sie alleine sind. Vielleicht im Schlaf. Vielleicht bei einem Unfall. Vielleicht während sie irgendwo unterwegs sind. Meine Omi war nicht alleine. Und ich habe in ihr Gesicht gesehen, als sie zu atmen aufhörte. Und ihr Herz für immer stoppte. Ich glaube auch, dass genau das mir dabei geholfen hat, zu akzeptieren, dass sie wirklich tot ist. Und nie wiederkommen wird. Auch wenn es mich so unglaublich traurig macht, dass sie nicht mehr da ist, so war es doch irgendwie schön zu sehen, wie friedlich sie eingeschlafen ist. Und das der Moment des Sterbens an sich nicht schlimm für sie war.

Unendlich schade finde ich es aber, dass ich mich nicht richtig von ihr verabschieden konnte. Während sie noch bei Bewusstsein war. Ich hätte ihr gerne noch so vieles gesagt. Und sie so vieles gefragt. Ich hätte ihr so gerne richtig tschüß gesagt. Ich habe das auch versucht, während ich an ihrem Sterbebett saß. Ich habe ihr gesagt, dass sie mir so sehr fehlen wird. Und dass ich sie lieb habe. Aber da war sie schon nicht mehr ansprechbar. Und hat es vielleicht gar nicht mehr mitbekommen. 
Ihr Zustand hat sich so schnell so sehr verschlechtert. Innerhalb von wenigen Tagen. Am Sonntag kam sie in die Notaufnahme. Am Montag konnte ich noch mit ihr sprechen. Sie antwortete mir, schaute mich an, lief im Zimmer herum und lachte. Ich dachte, ein Glück. Alles kann wieder gut werden. 24h später, am Dienstag nachmittag, war sie schon wieder sehr verwirrt und konnte keine klaren Sätze mehr bilden. Und noch einmal einen Tag später war sie nur noch sekundenweise bei Bewusstsein. In den nächsten Tagen verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. Am Sonntag abend war sie tot. Wie schnell das gegangen ist, kann ich bis heute nicht so wirklich begreifen. Hätte ich das geahnt, so hätte ich mich am Montag, als es noch gegangen wäre, ordentlich von ihr verabschiedet. 
Als ich ihren leblosen Körper am Sonntag abend ein letztes Mal umarmte, kurz bevor wir sie das allerletzte Mal ansehen konnten und schließlich dann im Krankenhaus zurücklassen mussten, sagte ich: "Tschüß Omi. Ich hab Dich lieb. Danke für alles." Und sie konnte es nicht mehr hören.

Was würde ich heute darum geben, wenn ich nur noch ein einziges Mal mit ihr sprechen könnte. Am Telefon. Mit einer langgezogenen Verabschiedung. 
Und was würde ich darum geben, wenn ich mich richtig von ihr hätte verabschieden können. Als sie noch ansprechbar war. Wenn ich doch nur geahnt hätte, wie schnell wir sie verlieren würden. 

Dieses Foto ist auf den Tag genau 11 Wochen alt. Und es kommt mir vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Als wir schwimmen waren. In Wolfenbüttel. Meine Omi, Franzi, Tamino und ich.


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