Donnerstag, 1. Januar 2015

2014

2014 ist vorbei. 2015 ist da. Und heute ist der erste Tag eines neuen Jahres. 

Bin ich froh, dass 2014 vorbei ist? Oder will ich am alten Jahr festhalten? Weder noch. 2014 war meine Omi noch am Leben. 2015 kann sie nicht mehr erleben. Aber für mich macht es keinen Unterschied, ob 2014 hinter mir liegt oder nicht. Denn heute ist einfach ein weiterer Tag, an dem mir meine Omi fehlt. Egal, in welchem Jahr wir uns befinden.

War 2014 ein schlimmes Jahr? Oder war es ein gutes Jahr? Sowohl als auch. 2014 hat schlimm begonnen. Zwischendurch war es ein wunderbares Jahr. Und am Ende war es ganz furchtbar.

2014 war ein sehr schönes Jahr. Und gleichzeitig ist es das schrecklichste Jahr meines bisherigen Lebens. Es gab viele gute Nachrichten im letzten Jahr. Viele schlechte. Und einige ganz schlimme.

Ende Januar kam meine Omi ins Krankenhaus. Es ging ihr schon eine Weile lang nicht gut, aber da wussten wir noch nicht, wie schlimm es tatsächlich um sie stand. Einige Bluttests, Ultraschalluntersuchungen und eine Computertomographie später gab es die erste schlimme Nachricht. Nachdem meine Omi zwei Jahre zuvor an Brustkrebs erkrankt war, hatten sich nun in ihrer Leber mehrere große und aggressive Metastasen gebildet. Unheilbar. Aber mit Hilfe einer Chemotherapie eventuell aufhaltbar. Da der Krebs jedoch schon sehr weit fortgeschritten war, sprach die Chefärztin der Onkologie mit meiner Omi auch darüber, auf die Behandlung zu verzichten, wenn sie der Meinung sei, ihr Leben gelebt zu haben und nicht mehr kämpfen wolle. Für meine Omi war das aber keine Option. Sie sah die Chemo als Chance, die sie unbedingt wahrnehmen wollte. 

Einige Tage später hatten meine Mama und ich ein Azrtgespräch. Der Onkologe machte uns klar, wie kritisch die Lage war und dass er nicht sicher sei, ob meine Omi die nächsten Tage überleben würde. Sie litt an beginnendem Organversagen, der Arzt war wenig positiv eingestellt, und wir mussten uns darauf einstellen, meine Omi zu verlieren. Auch über die Möglichkeit der Verlegung in ein Hospiz sprach er mit uns.
Ungefähr eine Woche später saßen wir erneut mit dem gleichen Arzt zusammen. Meine Omi war äußerlich in einem sehr schlechten Zustand, und wir befürchteten das Schlimmste - doch diesmal war der Arzt zum ersten Mal ein klein wenig optimistisch. Ihre Werte verbesserten sich täglich, und wir konnten das erste Mal darauf hoffen, dass die Chemo anschlug. Gleichzeitig bestand aber die Gefahr, dass die Situation jederzeit wieder kippen konnte. Und wir überlegten mit dem Arzt gemeinsam, wie meine Omi in Zukunft leben sollte - wenn es denn eine Zukunft für sie geben würde. Denn zu diesem Zeitpunkt, rund zwei Wochen nach ihrer Einlieferung, konnte meine Omi fast nichts mehr alleine machen. Sie schlief fast die ganze Zeit, konnte kaum aufstehen, aß nichts und trank nichts. Dass sie jemals wieder nach Hause zurückkehren könnte, schien unmöglich.
Doch sie schaffte es. Und nach beinahe zwei Monaten im Krankenhaus lebte meine Omi wieder in ihrer eigenen Wohnung. Und wir halfen ihr dabei, dass sie trotz zuvor ungekannter Einschränkungen, gut zu Hause zurecht kam. 

Nach einigen weiteren Chemotherapierunden war Ende Mai eine Computertomographie bei meiner Omi angesetzt. Die erste nach der Diagnose Anfang des Jahres. Als meine Omi und Mama dem Arzt gegenüber saßen, gab es viele gute Nachrichten. Die Leberwerte meiner Omi hatten sich stark verbessert. Und ihr Tumormarker war signifikant gesungen. Allerdings lag die Auswertung der Computertomographie wider Erwarten noch nicht vor. Der Arzt war aber sehr zuversichtlich und versprach meiner Omi, sie anzurufen, sobald das Ergebnis da wäre.
Dies geschah dann auch, wenige Stunden später. Und die Computertomographie bestätigte alles, was der Arzt zuvor vermutet hatte. Das Wachstum der ursprünglichen Metastasen war gestoppt worden, und es hatten sich keine neuen gebildet. Meine Omi rief mich kurz danach auf dem Handy an. Ich lief gerade über den Parkplatz zu meinem Auto. Das weiß ich noch genau. Meine Omi war hocherfreut. Und ich war so unglaublich froh.

Anfang Juli folgten die ersten beunruhigenden Nachrichten. Der Tumormarker war leicht angestiegen. Nicht sehr zwar. Aber dennoch sollte sich meine Omi beim Onkologen melden, wenn sie den Eindruck hätte, sie fühle sich schlechter. Die nächsten Tage hatte meine Omi immer weniger Appetit, was kein gutes Zeichen war und ein Wachstum der Metastasen anzeigen konnte. Sie fühlte sich zunehmend schlapper und hatte keinen Antrieb mehr. Nach mehreren Telefonaten mit dem Arzt lies dieser sie erneut ins Krankenhaus einweisen. So konnte die Computertomographie vorgezogen werden, die eigentlich erst für Ende August vorgesehen war.  
Und dann gab es schlimme Nachrichten. Denn der Krebs hatte mittlerweile Resistenzen gegen die Chemo gebildet. Und die Metastasen hatten Raum zum Weiterwachsen gefunden. Allerdings waren sie immer noch auf die Leber begrenzt, weswegen sich meine Omi und die Ärzte für eine andere, stärkere Art der Chemotherapie entschieden. Und diese schien erneut anzuschlagen. Meiner Omi ging es sehr schnell tagtäglich besser, und nach einer Woche im Krankenhaus war sie wieder zu Hause. 

Das waren sehr gute Nachrichten. Wenn man die Umstände betrachtet. Meiner Omi ging es gut. Sie hatte wieder Appetit, der einige Wochen lang anhielt. Und ich freute mich immer sehr, wenn sie mir auf meine tägliche Frage am Telefon berichtete, was sie sich am zurückliegenden Tag alles zu essen gemacht hatte. Denn ich konnte nie vergessen, wie uns der Onkologe im Krankenhaus ganz am Anfang sagte, dass Appetit und Hunger wiederkommen würden, sobald die Chemo anschlagen würde. Ein weiteres Wachstum würde dies aber verhindern. Das sei typisch für diese Art von Krebs, sagte er. Und deswegen waren die Berichte meiner Omi über ihren Speiseplan immer sehr gute Nachrichten für mich.

Ende September wurde die nächste Computertomographie durchgeführt, die Auswertung fand am 1. Oktober statt. Und wieder gab es sehr gute Nachrichten. Das Wachstum der Metastasen in der Leber war erneut gestoppt worden, die Leberwerte hatten sich verbessert, und der Tumormarker war so niedrig wie nie zuvor. Wieder einmal hatten wir die bestmöglichen Nachrichten erhalten. Der weitere Therapieplan, den der Onkologe mit meiner Omi und Mama besprach, sah vor, dass Ende November die vorerst letzte Chemo und Ende Dezember eine weitere Computertomographie erfolgen würde. Dann sollte meiner Omi eine Pause von der Chemotherapie gegönnt werden. Im Zusammenspiel mit einer engmaschigen Kontrolle durch den Onkologen.
Das war ein Grund zum Feiern. Und wir waren alle so unglaublich froh über die tollen Nachrichten. 
Heute frage ich mich, ob die Metastasen im Hirn meiner Omi zu diesem Zeitpunkt schon zu wachsen begonnen hatten. Während wir uns über die vermeintlich wunderbaren Untersuchungsergebnisse freuten. Aber wir werden das nie erfahren. Vielleicht ist das auch besser so, denn ändern ließe sich sowieso nichts mehr. Einmal mehr bewusst wird mir aber in diesem Zusammenhang, wie heimtückisch diese beschissene Krankheit doch ist. Während sie an einer Stelle des Körpers zu wachsen aufhört, schleicht sie sich unerkannt an eine andere. Und wie schnell sie einen Menschen aus dem Leben reißen kann. Denn nachdem meine Omi Anfang Oktober diese guten Ergebnisse erhalten hatte, lebte sie nur noch sechs Wochen. So hätte sie sich das bestimmt kaum vorgestellt. Und auch ich hätte das niemals gedacht, obwohl ich immer sehr vorsichtig mit meinem Optimismus darüber war, wie lange wir meine Omi noch haben würden. Aber das es nur noch sechs Wochen sein sollten, obwohl es ihr doch gerade so gut ging ...

Über die letzte Zeit im Leben meiner Omi habe ich hier schon an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Drei Wochen vor ihrem Tod ging es ihr nicht mehr so gut. Beim Kontrolltermin beim Onkologen am 30. Oktober, zu dem ich sie begleitete, konnten wir der Ursache nicht auf den Grund gehen. Doch die noch einmal verbesserten Leberwerte und der weiter gesunkene Tumormarker ließen den Onkologen vermuten, dass die Chemo meiner Omi zunehmend zusetzen würde. Und sie sich deswegen schlechter fühlte. Und zusammen mit uns hoffte er auf die baldige Pause von den starken Medikamenten. Und wir und meine Omi hofften auf weitere geschenkte Zeit. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. In der Woche vor dem Tod meiner Omi reihte sich eine schlimme Nachricht an die andere. Und es gab keine Hoffnung mehr. Das Einzige, was wir noch für meine Omi tun konnten, war es, für sie da zu sein. Ihre Hand zu halten. Und sie beim Sterben zu begleiten. Damit sie in ihren letzten Tagen, Stunden und Minuten nicht alleine war. Das ist uns gelungen. Und im Nachhinein betrachtet ist dies eine sehr gute Nachricht. Dass sie nicht alleine war. Als sie von der Welt ging.

2014 ist uns das Schlimmste passiert, was einem passieren kann. Wir haben einen geliebten Menschen verloren, der uns sehr wichtig war (und ist). Und der immer in unserer Mitte war. Unsere Omi, Mama, Schwester, Tante und Uromi. Wir werden sie nie wiedersehen. 2014 war das letzte Jahr, das wir mir ihr teilen konnten.
Doch zwischen all diesen guten und schlechten und schlimmsten Nachrichten hat unsere Familie 2014 mit meiner Omi zusammen viele schöne und wertvolle Erinnerungen geschaffen, die wir für immer in unseren Herzen tragen werden. 2014 war ein anstrengendes Jahr. Emotional. Und physisch. Es war von Sorgen geprägt. Und Ängsten. Und gleichzeitig war es ein sehr frohes und glückliches Jahr.

Am letzten Tag des Jahres habe ich meine Omi noch einmal besucht. Auf dem Friedhof. Und ich habe ihr ein paar Wunderkerzen angezündet. Die hat sie immer sehr gemocht.


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