Freitag, 13. März 2015

Schwimmen

Fast immer, wenn mich Franzi und Tamino in Braunschweig besuchen, gehen wir schwimmen. Auf Taminos Wunsch hin. Das erste Mal im Spaßbad in Wolfsburg waren wir, als Tamino noch ganz klein war. Das muss ihm solchen Spaß gemacht haben, dass er unseren ersten Besuch dort nie vergessen hat. Und bis heute immer wieder dort hin möchte.
Als meine Omi, Franzi und Tamino mich im Oktober letzten Jahres in Braunschweig besucht haben, waren wir auch schwimmen. In einem Schwimmbad in Wolfenbüttel. Weil meine Omi das immer so geliebt hat, im Wasser zu sein. Und so lange nicht hatte gehen können, seitdem sie so schwer krank geworden war. Und Tamino hatte natürlich auch nichts dagegen, im Wasser zu plantschen.
Als ich vor ein paar Wochen mit ihm alleine war, fragte er mich, wann wir mal wieder schwimmen gehen. In die alte Schwimmhalle (damit meinte er die in Wolfsburg). Und in die neue (damit meinte er die in Wolfenbüttel). Als ich Franzi davon erzählte, sagte sie mir, dass er sie das auch immer wieder fragen würde.  
Mir scheint, als werden wir zukünftig immer zweimal schwimmen gehen müssen, wenn mich mein kleiner Neffe in Braunschweig besucht. Weil er so sehr gerne im Wasser ist.  

Als ich ein Kind war, ging es mir genauso. Ich bin so gerne schwimmen gegangen. Und meistens mit meiner Omi zusammen. Ich habe mich immer so gefreut, wenn Schwimmtag war. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welcher Tag das war. Und ich weiß auch nicht mehr, wie oft wir tatsächlich schwimmen waren. Aber ich weiß noch ganz genau, dass ich vor lauter Freude immer ganz aufgeregt war.
Meistens fuhren wir mit dem Bus nach Baumschulenweg. Manchmal waren wir auch in Köpenick schwimmen. Auch den Schwimmhallengeruch habe ich noch in der Nase. Und meine Omi hatte immer das selbe Schwimmhandtuch dabei. Das weiß ich noch genau. Jetzt liegt es bei mir im Schrank. 
Meine Omi machte uns immer etwas zu essen. Für danach. Das fand ich fast genauso gut, wie das Schwimmen an sich. Es gab jedes Mal eine Eierstulle. Mit viel Butter. Einem hartgekochten Ei. Ein bisschen Salz darauf. Die Stulle schnitt meine Omi in schmale Streifen. Dazu gab es einen Apfel. Oder eine Orange. Je nach Jahreszeit. Schon gepellt bzw. geschält. Und ebenfalls in Streifen geteilt. Alles verpackt in Alufolie.

Wenn ich heute Taminos kindliche Freude sehe, wenn ich ihm sage, dass wir auf jeden Fall schwimmen gehen, wenn sie das nächte Mal in Braunschweig sind, dann muss ich auch immer an meine Omi denken. Und an meine Vorfreude, wenn unser Schwimmtag nahte.
Und ich denke dann auch an den 23. Oktober 2014. Als wir in Wolfenbüttel im Wasser waren. Meine Omi, Franzi, Tamino und ich. 
Dieses Foto schickte ich meiner Mama aus dem Schwimmbad. Schön, dass es Euch so gut geht, schrieb sie zurück


Gut ging es uns wirklich. Meine Omi fand es wunderbar, mal wieder im Wasser zu sein. Das war das letzte Mal, dass sie in ihrem Element war, wie sie immer sagte. 3  1/2 Wochen später war sie tot. Auch wenn diese Bilder das kaum erahnen lassen.




Am Montag waren Franzi, Tamino, Maxina und ich auf dem Friedhof. Als wir vor dem Grab meiner Omi standen, fragte Tamino: "Liegt da Omi Inge drunter?" Als Franzi das bejahte, sagte er nichts weiter dazu. Später fragte er dann, wann Omi Inge gestorben sei. Franzi antwortet ihm, dass sie gestorben ist, als es draußen noch kalt war. 
Meine Omi ist nun seit fast vier Monaten tot. Tamino war bei der Beerdigung dabei. Und als die Urne ins Grab gelassen wurde und jeder von uns Erde hineinwarf, hat Tamino sehr geweint. Allerdings vor allem wohl, weil Franzi, an deren Bein er sich festhielt, so doll weinte. Ich glaube nicht, dass er verstanden hat, dass sich Omi Inge in der weißen Urne befand, die kurz zuvor in der Erde gelassen worden war. Omi Inge, die er das letzte Mal Ende Oktober gesehen hatte. Aber wie soll er das auch verstehen. Selbst ich als Erwachsene kann ja kaum begreifen, dass alles, was von meiner Omi geblieben ist, nun dort unten liegt. Unter der Erde. Und dem Grabstein. 
Ein richtiges Zeitgefühl, das ihm sagt, was ein Monat ist, oder was zwei oder drei oder vier Monate sind, hat Tamino auch noch nicht. Aber er erinnert sich. An Dinge, die ihm schon mit ein oder zwei Jahren Spaß gemacht haben. Und er erinnert sich auch noch an Omi Inge. Ich würde mich freuen, wenn er sich auch später noch an sie erinnern kann. Und wenn er sie nicht ganz vergisst. Obwohl das natürlich passieren kann. Schließlich ist er erst vier. Und ich glaube, an die Zeit, als ich vier Jahre alt war, habe ich nicht viele bewusste Erinnerungen. 


Nachdem wir am Montag auf dem Friedhof waren, fuhren wir zu meiner Großtante, der Schwester meiner Omi, nach Tegel. Mir kamen die Tränen, und Tamino fragte mich, warum ich traurig sei. Ich antwortete ihm, dass ja eigentlich auch Omi Inge mit uns im Auto sitzen würde, wenn wir nach Tegel fahren. Und das ich traurig bin, weil sie jetzt nicht mehr bei uns ist. Tamino überlegte ein bisschen, und dann sagte er zu mir: "Aber jetzt mit Maxina, das ist doch auch schön, oder!?!"
Süß ist er, wenn er versucht zu trösten. Und an ansonsten natürlich auch. 

Sonntag, 1. März 2015

Station 34

Anfang letzten Jahres lag meine Omi fast 2 Monate lang im Krankenhaus. Die meiste Zeit davon auf der Station 34 in Neukölln.
In diesen 8 Wochen habe ich viele, viele Stunden dort verbracht, auf der Onkologie. Immer, wenn ich in Berlin war. Zur Besuchszeit. Von 15-20Uhr. Denn ich war sicher, dass meine Omi, auch wenn sie viel schlief, meine Anwesenheit irgendwie mitbekommen würde. Und so saß ich da. An ihrem Bett. Las Zeitung. Guckte aus dem Fenster. Tat gar nichts. Brachte meiner Omi das Abendbrot und versuchte, sie dazu zu überreden, wenigstens ein bisschen zu essen.
Oft lief ich aber auch über den Flur der Station. Und dabei beobachtete ich die Schwestern und Ärzte, die aus den Krankenzimmern herauskamen. Oder hineineilten. Und ich habe gehört und gesehen, wie sie mit den Patienten umgingen. 

Und dabei ist mir aufgefallen, wie unglaublich nett, geduldig, freundlich, lieb, professionell und kompetent all die Schwestern und Ärzte auf der Station 34 waren. Das gesamte Personal war im Stress und eilte von Patient zu Patient. Ärzte wie Schwestern. Am Nachmittag zum Beispiel schoben die Schwestern zuerst den Wagen mit Kaffee und Kuchen über den Gang. Anschließend gaben sie in jedem Zimmer die Medikamente aus. Zwischendurch mussten sie immer wieder in die einzelnen Zimmer, weil Patienten nach ihnen geklingelt hatten. Herumstehen oder gar sitzen gesehen habe ich nie eine der Schwestern.
Mit den Ärzten war es nicht anders. Auch die eilten von Zimmer zu Zimmer. Wenn der Arzt meiner Omi bei ihr war und versprach, später noch einmal wiederzukommen, konnte es Stunden dauern, bis dies tatsächlich geschah. Aber nicht etwa, weil er meine Omi vergessen hatte, sondern weil er es früher einfach nicht geschafft hatte. 
Und trotz dieses hohen Arbeitsaufkommens und den wahrscheinlich viel zu vielen Patienten für viel zu wenig Personal waren Schwestern und Ärzte immer freundlich, immer geduldig, immer nett und immer professionell. 

Der Arzt, der im Speziellen für meine Omi zuständig war, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Er musste uns ja einige sehr unangenehme Nachrichten überbringen. Und auch einige gute. Und immer erklärte er uns sachlich und verständlich die Lage. Zeigte Mitgefühl und Verständnis. Beantwortete unsere Fragen und war dabei sehr verbindlich und gesprächig. Machte uns bewusst, wie ernst die Situation war und gab uns gleichzeitig Hoffnung. War freundlich und kompetent. Und entschuldigte sich sogar jedes Mal, wenn wir oder meine Omi wieder einmal länger auf ihn warten mussten.

Am Anfang ihrer Zeit im Krankenhaus, als sie es noch konnte, schrieb meine Omi eine Karte an das Personal, mit einem kleinen Obolus (wie sie immer sagte), für die Kaffeekasse der Station. Darin bedankte sie sich genau dafür, dass sie sich so gut aufgehoben fühlte und alle so lieb waren zu ihr. Und sie erwähnte anfangs uns gegenüber auch immer wieder, wie reizend alle auf der Station seien. So nett und freundlich. Das waren ihre Worte. 
Später, als sie es alleine nicht mehr konnte, schrieb ich noch einmal eine Karte. Im Namen meiner Omi. Aber ich wusste genau, was auch sie damit hätte ausdrücken wollen.

Ganz am Anfang habe ich ein einziges Mal erlebt, wie eine der Schwestern einer Patientin gegenüber ungehalten wurde. Eine Frau im Nachbarzimmer meiner Omi bewschwerte sich an einem Abend mehrfach über das Essen. Dies wollte sie nicht, und jenes wollte sie nicht. Wie ich später erfuhr, beschimpfte diese Patienten des Öfteren die Schwestern und fiel auch ansonsten unangenehm auf. Als die Schwester den zweiten oder dritten Teller, den die Patientin nicht haben wollte, wieder aus dem Zimmer trug, sagte sie gut hörbar: "Wir sind hier schließlich nicht im Hotel. Aber wenn es ihnen nicht passt, dann beschweren Sie sich doch bei der BILD, Frau Müller!" 
Als ich das hörte, dachte ich kurz, ob man denn so mit einer Krebspatientin umgehen dürfte. Die ja vielleicht erst auf Grund ihrer Krankheit und der Medikamente so eklig geworden war. Dann aber wiederum fand ich, dass auch ein schwer kranker Mensch respektvoll mit den Menschen umgehen sollte, die sich um ihn kümmern. 

Dass es auch anders geht, und dass man im Krankenhaus nicht immer solch positive Erfahrungen macht, wie wir auf der Onkologischen Station in Neukölln, mussten wir erfahren, als meine Omi eine Woche vor ihrem Tod in die Notaufnahme des Neuköllner Krankenhauses eingeliefert wurde. Ich werde immer noch wütend, wenn ich an den Arzt denke, der so beiläufig und ohne jegliches Einfühlungsvermögen seine Diagnose in den Raum warf. Und sagte, dass man bei meiner Omi sowieso nichts mehr machen könne, aber dass jetzt eben doch mal ein paar Untersuchungen gemacht werden. All dies sagte er in der Anwesenheit meiner Omi. Zwar war sie in einem verwirrten Zustand, aber wer weiß, ob sie nicht doch alles verstanden hat. 

Während ich bei meinen Besuchen bei meiner Omi auf der Onkologie über den Flur wandelte, habe ich auch viele andere Krebspatienten gesehen. Die Türen der Zimmer standen meist offen. Und ich sah Menschen, die bewegungslos im Bett lagen. Und ich sah Menschen, die sich über den Flur der Station schleppten. Einige davon waren in meinem Alter. Manche noch jünger.  
Ich habe mitgehört, wie eine Patientin, die gerade ein Gespräch mit dem Arzt meiner Omi führte, zu ihm sagte: "Aber dann habe ich ja gar keine Chance mehr!?"
Und dann waren da noch die zwei Frauen, beide um die 70 Jahre alt, die auf einen Platz im Hospiz warteten.
Ich hab mich schon öfter mal gefragt, ob die jungen Leute, die Anfang letzten Jahres auf der Onkologie lagen, es geschafft haben. Oder ob sie auch tot sind. Und ich habe mich auch manchmal gefragt, wie lange die beiden Frauen noch gelebt haben, die ins Hospiz wollten. Und ob die eine von ihnen, deren Wunschhospiz belegt war, überhaupt noch einen Platz bekommen hat oder vorher schon verstorben ist.
Ich dachte auch oft, dass ein paar Tage auf der Onkologie ein guter Ausgangspunkt wären, wenn man vorhat, sich das Rauchen abzugewöhnen. So viele schwer kranke Menschen gab es dort. Natürlich erkrankt nicht jeder Raucher an Krebs. Und nicht jeder Nichtraucher bleibt verschont vor dieser schlimmen Krankheit. Meine Omi zum Beispiel hat nie geraucht oder getrunken, und trotzdem hat ihr der Krebs das Leben genommen. Aber dennoch erhöht man seine Chancen auf eine Krebserkranung durch das Rauchen ja erheblich. Und ich denke, ein paar Tage zwischen Krebspatienten sollten einen zumindest zum Nachdenken bringen.

Ich bin den Schwestern und Ärzten auf der Station 34 im Neuköllner Krankenhaus für immer dankbar. Natürlich, weil sie einen großen Anteil daran hatten, dass meiner Omi noch neun kostbare Monate geschenkt wurden, nach der schlimmen Diagnose Anfang 2014. Sie haben die richtigen Entscheidungen getroffen und die richtige Therapie angesetzt, so dass meine Omi, deren Organe kurz vor dem Versagen standen, noch einmal ins Leben zurück konnte. Und noch neun Monate mit uns verbringen konnte. Und wir mit ihr.
Aber ich bin ihnen auch deshalb so dankbar, weil sie meine Omi so gut behandelt haben. Weil sie menschlich und freundlich waren, immer ein Lächeln für sie übrig hatten und sich so lieb um sie gekümmert haben.
Und auch uns haben sie gut behandelt. Als Angehöriger ist man in einer Situation wie dieser ja mitunter überfordert, verwirrt und hilflos. Und auch da hilft es, wenn man ein paar zuversichtliche Worte hört, einen freundlichen Blick bekommt und vor allem erlebt, wie gut für die Patienten gesorgt wird.

Damals, vor rund einem Jahr, als ich zwei Monate lang mehrmals pro Woche ins Krankenhaus fuhr, um am Bett meiner Omi zu sitzen, dachte ich oft, warum denn nicht einfach alles in Ordnung sein kann. Und wie schön es wäre, wenn meine Omi gesund wäre und ich sie zu Hause besuchen könnte. Anstatt im Krankenhaus.
Heute denke ich, wie schön wäre es, wenn ich sie im Krankenhaus besuchen könnte. Wenn es noch eine Chance gäbe und sie noch leben würde. Und wenn ich sie nicht nur auf dem Friedhof besuchen könnte.

Franzi. Anton. Tamino und ich. Bei meiner Omi im Krankenhaus. Am 2. März 2014. Wir haben mit ihr mitgebrachte Eierkuchen gegessen. In der Sonne. Und sie dann, warm eingepackt, durch den Krankenhauspark geschoben.