Mittwoch, 25. Februar 2015

Wohnung

Vor zwei Tagen war ich das letzte Mal in der Wohnung meiner Omi. Gestern war die Wohnungsabnahme. Nun wird bald jemand neues dort einziehen.

Meine Omi hat 50 Jahre lang dort gewohnt. Meine Mama ist dort aufgewachsen. Ich bin 35 Jahre lang dort ein- und ausgegangen. Im Redwitzgang 14. In Johannisthal. Hinter diesen Fenstern. Auf ca. 50m². Mit zwei Zimmern. Bad. Und Küche.


Als Kind war ich ständig da. Wenn ich bei meiner Omi übernachten durfte, fand ich das immer besonders toll. Anfangs alleine. Später dann mit Franzi zusammen. Ich war mit meinen Freunden bei meiner Omi. Mit Katrin. Und mit Britta. Meine Omi bekochte uns dann. Mit unserem Wunschessen. Franzi brachte Maik mit. Den sie seit Kindergartentagen kannte.
Im letzten Jahr war ich besonders häufi in der Wohnung meiner Omi. Jedes Wochenende beinahe. Ich brachte ihr die Einkäufe und räumte alles ein. Ich machte sauber, saugte Staub und bezog ihr Bett. Denn sie konnte ja vieles nicht mehr alleine machen.
Ich kannte ihre Wohnung in- und auswendig. Alles war mir vertraut. Ich hätte die Wohnung meiner Omi aus vielen anderen heraus blind erkannt. Am Geruch der Wohnung. Und des Kellers. An vielen Geräuschen auch. Dem Klicken der Wohnungstür beim Zufallen. Dem Rauschen des Wasserhahnes im Bad. Dem Anspringen der Gastherme. Oder dem Geräusch, das beim Schließen der Flurschranktüren entstand.

Nun wird meine Omi diese Treppe nie mehr benutzen. Zu ihrer Wohnung im Hochparterre. Auf der linken Seite. Und nie mehr werden wir diese Treppe benutzen. Um sie zu besuchen. Nachdem wir an der Haustür geklingelt hatten. Sie sagte durch die Sprechanlage dann immer: "Wilke!" Wenn man dann mit "Ich bins!" antwortete, dann kam von meiner Omi immer: "Ich mach auf!"


Alles, was von ihr jetzt noch dort ist, ist die Kopie unserer Trauerkarte. Die wir im Hausflur aufgehangen haben. 


Meine Omi hatte es sich sehr schön gemacht in ihrer Wohnung. Im Laufe der Jahre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sie 81 Jahre alt war. Sie hatte alles modern und hell eingerichtet. Im letzten Jahr, als regelmäßig der Plegedienst zu ihr kam und ihre Hausärztin Hausbesuche machte, bekam meine Omi einige Komplimente. "Sie wohnen aber schön" oder "Haben Sie einen tollen Balkon" zum Beispiel. Meine Omi berichtete mir das dann ein wenig erstaunt, woraufhin ich zu ihr sagte: "Was meinst Du, in was für Alte-Leute-Wohnungen die Ärztin oder der Pflegedienst so kommen? Da ist es nicht überall so modern und hell, wie bei Dir. Und manchmal ist es bestimmt auch nicht so sauber, wenn die alten Leute einfach nicht mehr so können." "Ja stimmt, da hast Du wahrscheinlich recht," meinte sie dann lachend. 

Das Wohnzimmer meiner Omi. Es sieht noch alles so aus, wie an dem letzten Abend, als ich bei ihr war. Und als sie das letzte Mal in ihrem Wohnzimmer saß. Der Kalender liegt auf dem Tisch. Der war ihr immer wichtig. Den hat sie überall mit hingenommen. Und er war immer vollgeschrieben. Ihre Brille liegt auch dort. Ihre Tablettenbox. Und die Decke, auf der sie immer saß. 





Im Flur meiner Omi hingen noch ihre Jacken. Als wir anfingen, ihre Wohnung auszuräumen. 


Und links und rechts sieht man die Fotokalender, die wir ihr jedes Jahr geschenkt haben. Und sie hat nie einen weggemacht, wenn sie einen neuen bekam, sondern einfach immer noch einen Nagel mehr in die Wand. Und die Kalender dann untereinander aufgehangen. Allerdings hat sie nie die Monate umgedreht. Das hat sie immer uns machen lassen, weil es ihr gar nicht auffiel.


Das Schlafzimmer. Über dem Stuhl lagen ihre Sachen, die sie am letzten Abend in ihrer Wohnung so darüber gehangen hatte.



Und die Küche meiner Omi.


Mit dem Wandklapptisch, an dem ich unzählige Male gessesen habe, während mir meine Omi etwas leckeres kochte. Oder auf dem ich Plätzchen gebacken habe. Und an dem ich natürlich auch gegessen habe. 



Das Strichmännchen an der Gastherme habe ich mal gebastelt. Als Weihnachtsgeschenkeanhänger. Vor vielen Jahren. Seit dem hing es da. Genauso, wie der Osterhase, der ganzjährig dort seinen Platz hatte. Ich weiß nicht, wer den gemacht hat - Franzi vielleicht?


Und diese Bilder hier, von meiner Schwester und mir sowie Valentin und Maria befanden sich auch schon etliche Jahre genau an der Stelle in der Küche meiner Omi.


Nach der Beerdigung meiner Omi, rund einen Monat nach ihrem Tod, waren wir fast jedes Wochenende in ihrer Wohnung. Das war immer sehr schwer. Fast so, also würde sie jedes Mal noch ein wenig mehr sterben. Vor allem Anfangs, als alles noch so aussah, als sei meine Omi nur mal kurz aus dem Haus gegangen. Wir haben zunächst die großen Möbel zu meinen Eltern gebracht. Und dann Stück für Stück alles in Kisten verstaut. Und die Küche abbauen lassen.

Wir haben nur sehr, sehr wenige Dinge weggeschmissen. Und nur drei Sachen verkauft. Den Herd, die Waschmaschine und das Bett. Der Rest ist bei meinen Eltern gelandet. Und bei mir zu Hause. Die Küche werden wir im Garten wieder aufbauen lassen. Dort stehen auch noch jede Menge Kisten. Mit Sachen, die wir im Garten gebrauchen können. Einiges davon werden wir aber vielleicht auch noch aussortieren. Mit etwas Abstand. Aber gerade ging das nocht nicht. Meine Omi würde sich sehr freuen, dass wir so viel von ihr behalten. 

Die Couch meiner Omi steht jetzt im Wohnzimmer meiner Eltern. Das Sofa hatte sie sich 2011 bei Ikea gekauft. Sie brauchte dringend ein neues, denn meine Katzen, um die sich meine Omi ein Jahr lang gekümmert hatte, während ich als Trainee durch Deutschland tingelte, hatten ihr altes ein wenig zerstört. 


Darüber hängt der goldene Spiegel aus dem Wohnzimmer meiner Omi.



Und wenn wir auf der Couch sitzen, schaut uns meine Omi dabei von der anderen Seite des Raumes zu. 


Auch die Tischdecke ist von meiner Omi. Sie lag bei ihr meistens auf dem Küchentisch.


In der ersten Etage haben wir den Wohnzimmerschrank, den Fernseher, die Vitrine, die Lampe, die Orchideen, ein paar Dekosachen und den Esstisch samt Stühlen meiner Omi untergebracht. Das ist mein Lieblingszimmer. Die Möbel haben sogar noch den Geruch der Wohnung meiner Omi an sich. Wir nennen diesen Raum Omi-Zimmer. Tamino hat dort sein ganzes Spielzeug. Und ich sitze dort gerne, wenn ich in Berlin bin. 





Die kleinen Igel aus der Vitrine sind von meiner Omi. Und die Lavendelsträuße. Und das leere Marmeladenglas. Mit ihrer Handschrift auf dem Etikett: Himbeere 2014.


Hier stehen die Bücher von meiner Omi. Einige Gefäße. Eine Vase. Und das kleine Stehfotoalbum, das ich ihr für ihren Krankenaufenthalt Anfang 2012 mitgegeben hatte, als sie das erste Mal wegen ihres Brustkrebses operiert wurde. Anfang letztes Jahres hatte sie das auch im Krankenhaus dabei. Genauso wie im November 2014.


Den Wohnzimmertisch meiner Omi habe ich mit nach Braunschweig genommen. Er steht jetzt vor meinem Sofa.


Meine Omi hatte sich diesen Tisch erst vor zwei oder drei Jahren gekauft. Nachdem sie ewig danach gesucht hatte. Mit einer alten Schulfreundin, die sich ein neues Sofa kaufen wollte, war sie durch verschiedenste Berliner Möbelhäuser getingelt. Eines Tages, als die beiden wieder einmal erfolglos unterwegs waren, setzten sie sich kurz vor der Heimfahrt im Ausgangsbereich eines Möbelhauses in eine Sitzecke, die aber gleichzeitig noch Ausstellungsfläche war. Und plötzlich hatten sie das Gesuchte gefunden. Denn die Sitzecke bestand aus einem Sofa, das genau dem entsprach, was die Freundin meiner Omi haben wollte. Und der Glastisch, der davor stand, sah genauso aus, wie meine Omi sich das vorgstellt  hatte.


Blumenvase und Kerzenglas sind auch von meiner Omi.



Auch ihre Flurschränke habe ich bei mir platziert. 


Die drei Kerzenhalter hat meine Omi mal in einem unserer Familien-Dänemark-Urlaube gekauft. Sie standen immer bei ihr auf dem Fensterbrett. Jetzt stehen sie auf meinem. Genau wie die Vase mit den Steinen. Ich weiß aber nicht, woher sie die hatte.


Im Bad meiner Omi hingen, seit ich denken kann, dieses getrocknete Seepferdchen und ein passender Seestern dazu. Ich fand das immer toll. Und das war mit das erste, was ich mit nach Braunschweig genommen habe. Und jetzt hängen die zwei in meinem Bad.




Neben den Möbeln habe ich noch viele andere Sachen mitgenommen. Bücher. Kissen und Decken. Jede Menge Küchenutensilien. Und Küchengeräte. Kerzenständer. Und Dekokram. Zum Beispiel. Einige Kisten habe ich auch noch gar nicht ausgepackt. Aber alles wird seinen Platz finden. In meiner Wohnung. Und mich an meine Omi erinnern.

Ich war sehr, sehr traurig, als ich das letzte Mal in ihrer Wohnung war. Und als ich die Tür ein letztes Mal hinter mir geschlossen habe. Wissend, dass ich nie mehr dort sein werde. Und meine Omi nie mehr besuchen kann. Aber irgendwie ist es auch gut, dass wir jetzt fertig sind, mit dem Ausräumen der Wohnung. Denn hätten wir noch länger an der Wohnung festgehalten, würde uns das meine Omi auch nicht wiederbringen. Und es hilft sehr, dass wir so vieles behalten konnten. Und das so vieles einen schönen neuen Platz gefunden hat. Oder finden wird. Im Haus meiner Eltern. In meiner Wohnung. Und im Garten.

Und auch, wenn wir den Wohnungschlüssel gestern abgegeben haben, kann ich die Wohnung meiner Omi in Gedanken jederzeit betreten. Und vielleicht ist meine Omi ja dann auch da.

Sonntag, 15. Februar 2015

Noch so eine Lieblingserinnerung

Noch so eine Lieblingserinnerung an das letzte Jahr mit meiner Omi habe ich, wenn ich an den 14. September zurückdenke. Als wir einen Familienausflug machten. Zu Karls Erdbeerhof in der Nähe von Berlin. Ich holte meine Omi von zu Hause ab. Wir fuhren mit dem Auto eine gute Stunde quer durch Berlin, bevor wir dann am Erdbeerhof mit dem Rest der Familie zusammentrafen. Meine Omi hatte einen kleinen Einkaufszettel dabei. Sie wollte Kartoffeln erstehen, Kohl und Rüben (was es alles nicht zu kaufen gab). 
Am Eingang liehen wir einen Rollstuhl für meine Omi aus. Sie war ja schon viele Jahre lang nicht mehr gut zu Fuß, konnte nicht mehr spazieren gehen oder lange Märsche (wie sie immer sagte) zurücklegen. Allerdings sind wir erst im letzten Jahr darauf gekommen, ihr einen Rollstuhl auszuleihen, für längere Strecken. Ich hatte da früher nie dran gedacht. 


Wir versorgten sie noch mit einer warmen Decke und schoben sie so auf dem Erdbeerhof umher.


Eins meiner Lieblingsfotos aus dem letzen Jahr. Von den beiden Schwestern. Mit ihren Töchtern. Meine Omi mit meiner Mama. Und meine Großtante mit meiner Großcousine. Im Bienenmuseum.





Karls Erdbeerhof ist ein ziemlicher Konsumtempel. Und bietet jede Menge Dinge an, die man nicht braucht. Aber viel zu gucken gab es dort. Und meine Omi guckte gerne. Und beobachtete Leute, wann immer sie unterwegs war.


Wenn sie zum Beispiel Lebensmittel einkaufen ging und sich zwischendurch ein bisschen ausruhen musste, bevor sie weiterlief, dann setzte sie sich auf eine Bank. Und schaute den Menschen nach, die an ihr vorbeiliefen. "Ich gucke mir gerne die Leute an", erzählte sie dann. "Die dicken und die dünnen. Die mit Anhang und die ohne. Die hübschen und die weniger hübschen."
So bis vor 2 oder 3 Jahren fuhr meine Omi auch noch mit der S-und U-Bahn durch Berlin. Zum Beispiel, wenn sie ihre Schwester in Tegel besuchte. Da studierte (auch so etwas, was sie immer sagte) sie dann die Menschen, die mit ihr zusammen mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln fuhren. Das machte ihr Spaß. So viel Spaß sogar, dass sie die Leute mitunter regelrecht anstarrte. Und manchmal noch einen Kommentar abgab (der gut hörbar war, auch wenn meine Omi behauptete, sie hätte doch ganz leise gesprochen) - dann zum Beispiel, wenn sich jemand hindurchdrängelte, einen Sitzplatz mit einer Tasche blockierte oder zu laut telefonierte. Ich war ein paar Mal Zeuge dessen - immer dann, wenn ich mit ihr zusammen im Zug saß.
Ich sagte dann zu ihr, dass sie irgendwann mal, wenn sie an den falschen Mitfahrer geriet, eins auf die Nase bekäme. Wenn sie die Leute anstarrt. Oder sogar Kommentare abgibt. Dann hat meine Omi immer gelacht: "Aber ich muss mir die Leute doch genau angucken!"



Was wir beide hier gerade (ungewöhnliches?) entdeckt hatten, weiß ich nicht mehr.


Absolut empfehlenswerten Kuchen gab es. Frisch gebacken. Wir holten ein paar Nachschläge. Im Laufe des Tages.



Das Fahren mit diesen Fahrrädern war schwieriger, als man meint. Bitte auf Valentin hinten links achten, der hier gerade im Fallen begriffen war.




Derweil fuhr Tamino ein paar Runden Träcker. Mit wechselnden Beifahrern.






Wir anderen schauten dabei zu.



Anton versuchte, mich am Herauskommen aus dem Labyrinth zu hindern. Erfolglos natürlich.



Kommunikation ist unausweichlich. In diesem Stuhl. Den hätte ich gerne für unseren Garten. Oder meinen Balkon.





Wir hielten eine kleine Kaffeepause ab. Meine Omi hatte ihre grüne Trinkflasche dabei. Die hatte sie von mir. Weil sie immer so wenig Wasser trank, weil sie keinen Durst hatte oder einfach nicht daran dachte, hatte ich ihr eingetrichtert (auch dieses Wort habe ich von ihr), dass sie die Flasche mindestens einmal pro Tag leerte. Sie versuchte, sich daran zu halten.




Ein Highlight für Tamino. Eine Feuerwehr. Was sonst.


Mitte September wussten wir noch nicht, ob die neue Chemotherapie, die meine Omi seit rund 8 Wochen erhielt, angeschlagen hatte. Auch wenn es ihr offensichtlich gut ging. Was uns optimistisch sein ließ. Und hier, im Erdbeerhof, vertilgte sie zum Mittag ein ganzes Schnitzel. Mit Beilage. Was sensationell viel war. Für meine Omi. Wenn man bedenkt, dass das mit dem Appetit und dem Krebs immer so eine Sache war. Und deswegen war dieses Schnitzel, dass sie verputzte (auch eine Bezeichnung, die meine Omi oft benutzte), ein sehr gutes Zeichen.


Tamino und Valentin hatten kein großes Interesse am Essen. Dafür umso mehr am Bällebad. Und der Murmelecke.



Ein Highlight für Groß und Klein war schließlich die Kartoffelsackrutsche. So dass wir dann auch alle vier Rutschbahnen familienintern belegten.






Ich bin unser Familienfotograf. Und manchmal ist es nicht so einfach, alle gleichzeitig dazu zu bringen, in die Kamera zu blicken. Vor allem meine Omi hatte immer viel Talent darin, nicht in die richtige Richtung zu schauen. Und wenn ich dann das zweite oder dritte Mal ihren Namen rief, damit sie in die Kamera guckte, hatte sich in der Zeit meist schon jemand anderes wieder abgewandt. Wenn ich dann die andere Person ermahnte, doch bitte wieder in die Kamera zu gucken, dann guckte meine Omi zur ermahnten Person, um zu gucken, ob die denn jetzt guckt. Und damit guckte sie dann natürlich wieder nicht dahin, wo sie hingucken sollte. Und so ging das meist ein paar Mal hin und her. Und manchmal schnitt meine Omi dann eine Grimasse. Wenn es ihr zu lange dauerte. Wie hier.


Schließlich gelang es mir dann aber doch, die beiden Schwestern abzulichten. Während sie in die selbe Richtung schauten. Und ohne Grimasse.


Das mit dem Rutschen wiederholten wir noch. Einmal. Zweimal. Dreimal.





Zum Abschied, bevor wir alle wieder unserer Wege gingen, schmiss meine Mama noch eine Runde ihrer neu erworbenen Kekse. Die aussahen, wie Trill-Knabberringe für Wellensittiche. Aber lecker schmeckten.



Meiner Omi ging es so gut, Mitte September, bei unserem Familienausflug. Sie lachte. Sie freute sich, dass wir alle zusammen unterwegs waren. Sie hatte Appetit. 
8 Wochen später war sie tot. Ich kann immer noch nicht verstehen, wie das so schnell gehen konnte.