Noch so eine Lieblingserinnerung an das letzte Jahr mit meiner Omi habe ich, wenn ich an den 14. September zurückdenke. Als wir einen Familienausflug machten. Zu Karls Erdbeerhof in der Nähe von Berlin. Ich holte meine Omi von zu Hause ab. Wir fuhren mit dem Auto eine gute Stunde quer durch Berlin, bevor wir dann am Erdbeerhof mit dem Rest der Familie zusammentrafen. Meine Omi hatte einen kleinen Einkaufszettel dabei. Sie wollte Kartoffeln erstehen, Kohl und Rüben (was es alles nicht zu kaufen gab).
Am Eingang liehen wir einen Rollstuhl für meine Omi aus. Sie war ja schon viele Jahre lang nicht mehr gut zu Fuß, konnte nicht mehr spazieren gehen oder lange Märsche (wie sie immer sagte) zurücklegen. Allerdings sind wir erst im letzten Jahr darauf gekommen, ihr einen Rollstuhl auszuleihen, für längere Strecken. Ich hatte da früher nie dran gedacht.
Wir versorgten sie noch mit einer warmen Decke und schoben sie so auf dem Erdbeerhof umher.
Eins meiner Lieblingsfotos aus dem letzen Jahr. Von den beiden Schwestern. Mit ihren Töchtern. Meine Omi mit meiner Mama. Und meine Großtante mit meiner Großcousine. Im Bienenmuseum.
Karls Erdbeerhof ist ein ziemlicher Konsumtempel. Und bietet jede Menge Dinge an, die man nicht braucht. Aber viel zu gucken gab es dort. Und meine Omi guckte gerne. Und beobachtete Leute, wann immer sie unterwegs war.
Wenn sie zum Beispiel Lebensmittel einkaufen ging und sich zwischendurch ein bisschen ausruhen musste, bevor sie weiterlief, dann setzte sie sich auf eine Bank. Und schaute den Menschen nach, die an ihr vorbeiliefen. "Ich gucke mir gerne die Leute an", erzählte sie dann. "Die dicken und die dünnen. Die mit Anhang und die ohne. Die hübschen und die weniger hübschen."
So bis vor 2 oder 3 Jahren fuhr meine Omi auch noch mit der S-und U-Bahn durch Berlin. Zum Beispiel, wenn sie ihre Schwester in Tegel besuchte. Da studierte (auch so etwas, was sie immer sagte) sie dann die Menschen, die mit ihr zusammen mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln fuhren. Das machte ihr Spaß. So viel Spaß sogar, dass sie die Leute mitunter regelrecht anstarrte. Und manchmal noch einen Kommentar abgab (der gut hörbar war, auch wenn meine Omi behauptete, sie hätte doch ganz leise gesprochen) - dann zum Beispiel, wenn sich jemand hindurchdrängelte, einen Sitzplatz mit einer Tasche blockierte oder zu laut telefonierte. Ich war ein paar Mal Zeuge dessen - immer dann, wenn ich mit ihr zusammen im Zug saß.
Ich sagte dann zu ihr, dass sie irgendwann mal, wenn sie an den falschen Mitfahrer geriet, eins auf die Nase bekäme. Wenn sie die Leute anstarrt. Oder sogar Kommentare abgibt. Dann hat meine Omi immer gelacht: "Aber ich muss mir die Leute doch genau angucken!"
Was wir beide hier gerade (ungewöhnliches?) entdeckt hatten, weiß ich nicht mehr.
Absolut empfehlenswerten Kuchen gab es. Frisch gebacken. Wir holten ein paar Nachschläge. Im Laufe des Tages.
Das Fahren mit diesen Fahrrädern war schwieriger, als man meint. Bitte auf Valentin hinten links achten, der hier gerade im Fallen begriffen war.
Derweil fuhr Tamino ein paar Runden Träcker. Mit wechselnden Beifahrern.
Wir anderen schauten dabei zu.
Anton versuchte, mich am Herauskommen aus dem Labyrinth zu hindern. Erfolglos natürlich.
Kommunikation ist unausweichlich. In diesem Stuhl. Den hätte ich gerne für unseren Garten. Oder meinen Balkon.
Wir hielten eine kleine Kaffeepause ab. Meine Omi hatte ihre grüne Trinkflasche dabei. Die hatte sie von mir. Weil sie immer so wenig Wasser trank, weil sie keinen Durst hatte oder einfach nicht daran dachte, hatte ich ihr eingetrichtert (auch dieses Wort habe ich von ihr), dass sie die Flasche mindestens einmal pro Tag leerte. Sie versuchte, sich daran zu halten.
Ein Highlight für Tamino. Eine Feuerwehr. Was sonst.
Mitte September wussten wir noch nicht, ob die neue Chemotherapie, die meine Omi seit rund 8 Wochen erhielt, angeschlagen hatte. Auch wenn es ihr offensichtlich gut ging. Was uns optimistisch sein ließ. Und hier, im Erdbeerhof, vertilgte sie zum Mittag ein ganzes Schnitzel. Mit Beilage. Was sensationell viel war. Für meine Omi. Wenn man bedenkt, dass das mit dem Appetit und dem Krebs immer so eine Sache war. Und deswegen war dieses Schnitzel, dass sie verputzte (auch eine Bezeichnung, die meine Omi oft benutzte), ein sehr gutes Zeichen.
Tamino und Valentin hatten kein großes Interesse am Essen. Dafür umso mehr am Bällebad. Und der Murmelecke.
Ein Highlight für Groß und Klein war schließlich die Kartoffelsackrutsche. So dass wir dann auch alle vier Rutschbahnen familienintern belegten.
Ich bin unser Familienfotograf. Und manchmal ist es nicht so einfach, alle gleichzeitig dazu zu bringen, in die Kamera zu blicken. Vor allem meine Omi hatte immer viel Talent darin, nicht in die richtige Richtung zu schauen. Und wenn ich dann das zweite oder dritte Mal ihren Namen rief, damit sie in die Kamera guckte, hatte sich in der Zeit meist schon jemand anderes wieder abgewandt. Wenn ich dann die andere Person ermahnte, doch bitte wieder in die Kamera zu gucken, dann guckte meine Omi zur ermahnten Person, um zu gucken, ob die denn jetzt guckt. Und damit guckte sie dann natürlich wieder nicht dahin, wo sie hingucken sollte. Und so ging das meist ein paar Mal hin und her. Und manchmal schnitt meine Omi dann eine Grimasse. Wenn es ihr zu lange dauerte. Wie hier.
Schließlich gelang es mir dann aber doch, die beiden Schwestern abzulichten. Während sie in die selbe Richtung schauten. Und ohne Grimasse.
Das mit dem Rutschen wiederholten wir noch. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Zum Abschied, bevor wir alle wieder unserer Wege gingen, schmiss meine Mama noch eine Runde ihrer neu erworbenen Kekse. Die aussahen, wie Trill-Knabberringe für Wellensittiche. Aber lecker schmeckten.
Meiner Omi ging es so gut, Mitte September, bei unserem Familienausflug. Sie lachte. Sie freute sich, dass wir alle zusammen unterwegs waren. Sie hatte Appetit.
8 Wochen später war sie tot. Ich kann immer noch nicht verstehen, wie das so schnell gehen konnte.














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