Sonntag, 30. November 2014

Noch einmal Braunschweig

Als ich 2010 nach Braunschweig zog, war meine Omi eine der ersten, die mich besuchte. Hier sind wir, beim Essen im Vapiano, auf einem Selfie (auch wenn ich denke, den Begriff Selfie gab es vor vier Jahren noch gar nicht). 


Als meine Omi Anfang des Jahres so krank wurde, dachte ich mir, es wäre so schön, wenn sie noch einmal zu mir nach Braunschweig kommen könnte. Gleichzeitig hielt ich das aber für beinahe unmöglich. Als es ihr dann langsam besser ging, fragte ich sie, ob sie die Reise noch einmal auf sich nehmen würde. Das wollte sie gerne. Und ich hoffte, dass das tatsächlich noch einmal klappen würde. 

Am 22. Oktober war es dann so weit. Ich hatte Urlaub. Und holte meine Omi, Franzi und Tamino aus Berlin ab. Für einen Kurztrip nach Braunschweig. Bevor dann drei Tage später, zu meinem Geburtstag, der Rest der Familie nachkommen sollte.
Wir hatten eine schöne Autofahrt. Meine Omi fuhr sehr gerne Auto. Als Beifahrerin. Sie blickte dann aufmerksam aus dem Fenster, schaute sich Menschen an, Häuser und Landschaften. Und kommentierte hier und da. 
Franzi reichte Snacks und Getränke zu uns nach vorne. Und meine Omi aß und trank fleißig vor sich hin. Da waren wir froh drüber. Denn in den Tagen zuvor hatte sie schlecht gegessen, was in der Vergangenheit immer ein Warnsignal bezüglich der Metastasen in ihrer Leber gewesen war.

Die erste Station nach unserer Ankunft war das Wolfsburger Planetarium. Dort sahen wir uns eine Kindervorstellung an, die aber auch für uns Erwachsene interessant war.




Nach dem Planetarium stoppten wir noch im Wolfsburger Outlet. Franzi wollte ein paar Babysachen erstehen. Nachdem wir uns in einem Café ein wenig gestärkt hatten.




Meine Omi kaufte ein paar Sachen bei Lindt ein. Einer lieben Bekannten, die sie fast wöchentlich anrief, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, wollte sie eine kleine Aufmerksamkeit zu Weihnachten schenken. Und ein paar Kleinigkeiten für das Personal vom Pflegedienst, mit dem sie sehr zufrieden war, landeten in ihrem Korb.


Abends dann in meinem Wohnzimmer. Meine Omi mit Tee und Decke. Weil sie ja fast immer fror.


Tamino und Wilson. Was hier so friedlich aussieht, schien lange ausgeschlossen. Tamino fand die Katzen schon toll, als er noch ganz klein war. Dies beruhte aber nicht auf Gegenseitigkeit. Wenn Tamino den Katzen freudig quietschend hinterherkrabbelte (oder später rannte), konnten diese nicht schnell genug stundenlang unterm Bett verschwinden. Heute versteht man sich gut. Tamino findet die Katzen immer noch toll. Und Wilma und Wilson akzeptieren ihn.


Am nächsten Morgen gingen wir frühstücken. Was nicht so einfach ist in Braunschweig. Denn es ist kaum eine Lokalität zu finden, in der man ein nett zurechtgemachtes Frühstück bekommt. Der Berliner weiß wahrscheinlich kaum, in welchem Luxus er diesbezüglich lebt.





Anschließend machten wir uns auf den Weg nach Wolfenbüttel. Zum Schwimmen.


Meine Omi war immer eine große Schwimmerin. Seit rund 20 Jahren war sie Mitglied in einer Wassergymnastikgruppe. Die sich wöchentlich traf. Und sie ging auch oft mit Bekannten schwimmen. Aber seit Anfang des Jahres, als sie so schwer krank wurde, war sie nicht mehr im Wasser gewesen.
Sie fand die Vorstellung toll, mal wieder schwimmen zu gehen. Und so setzten wir das bei ihrem Besuch Ende Oktober in die Tat um. In einer modernen, neuen Schwimmhalle. Wo man bequem ins Wasser laufen konnte. Und das Wasser recht warm war. Genau das richtige also für meine Omi.





Ich bin froh, dass wir das noch einmal geschafft haben.


Nach dem Schwimmen liehen wir einen Rollstuhl für meine Omi aus. Den sollten wir noch brauchen, in den nächsten Tagen. Denn das Laufen über einen längeren Zeitraum als ein paar Minuten fiel meiner Omi schwer. Allerdings erst nicht seit diesem Jahr, sondern schon länger. Deswegen erledigte sie bis zum letzten Jahr auch fast alles, wenn möglich, mit dem Fahrrad. Fahrrad fahren ging gut, wenn auch etwas wackelig. Fahrrad fahren und schwimmen. Das machte sie beides sehr gerne. 

Dann machten wir noch einen Abstecher in den Braunschweiger Zoo. 




Dafür packten wir meine Omi warm ein. Denn wie gesagt, sie fror ja immer.






Dann zwängte ich mich, Tamino zuliebe, noch durch einen ziemlich hohen Kletterturm, deren Öffnungen eigentlich gerade groß genug für kleine Kindern sind. Na was macht man nicht alles, für den Lieblingsneffen.





Ein Foto, das Tamino gemacht hat. Gar nicht so schlecht, finde ich.


Den Abend verbrachten wir wieder auf meinem Sofa. Ich hatte Kürbissuppe gemacht. Meine Omi schaffte aber kaum eine Schüssel. Ich machte mir Sorgen. Dass für den mangelnden Appetit aber nicht ihre kranke Leber verantwortlich war, sondern wahrscheinlich schon die Metastasen im Hirn, das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen.
Trotzdem hatten wir vier zusammen zwei ereignisreiche und schöne Tage in Braunschweig. Und wir freuten uns auf den Harz. In dem wir uns am nächsten Tage mit dem Rest der Familie treffen sollten.

Meine Omi. Mit Wilma und Wilson. Die drei waren ziemlich dicke, nachdem Wilma und Wilson ein Jahr lang bei meiner Omi gewohnt hatten. Sie hatte sie freundlicherweise aufgenommen, als ich ein Jahr lang als Trainee bei Ikea unterwegs und nur alle paar Wochenenden zu Hause in Berlin war. Nachdem das Jahr vorbei war, musste sich meine Omi ein neues Sofa kaufen. Den Katzen war sie aber weiterhin sehr wohlgesonnen. Und es gab nicht wenige Telefonate, bei denen sie am Ende von mir noch wissen wollte, was die Kätzchen machen.



Meine Omi hat mich insgesamt viermal besucht. In Braunschweig. Heute denke ich, es wäre schön gewesen, wenn sie noch öfter dagewesen wäre. Aber man denkt ja immer, man hat noch so viel Zeit ... 

Samstag, 29. November 2014

Ohne bestimmte Reihenfolge

Ich habe mir Anziehsachen im Internet bestellt. Für die Beerdigung meiner Omi am 10. Dezember. Ich habe alles mögliche bestellt. Verschiedene Hosen. Schuhe. Und Blusen. Alles in schwarz. Und ein farbiges Tuch. Mit kleinen Herzen. Die Herzen sind für meine Omi.
Ich kann nicht einkaufen gehen. Ich möchte nicht in ein weihnachtlich geschmücktes Einkaufszentrum gehen. In dem Weihnachtsmusik dudelt. Und scheinbar fröhliche Menschen Weihnachtsgeschenke einkaufen. Deswegen hoffe ich, dass mir irgendetwas passt. Von den Sachen, die ich bestellt habe. Meiner Omi wird es gefallen. Egal, was ich anhabe. Sie fand immer, dass mir alles gut stand. Das stimmte natürlich nicht, denn vor allem in jugendlichen Zeiten gab es so einige modische Fehlgriffe. Aber meine Omi fand mich immer toll. Das muss der positiv getrübte Omablick gewesen sein.

Wir müssen noch Blumen aussuchen. Für die Beerdigung. Die zur Trauerschleife passen. Die ich vor einigen Tagen entworfen habe. Und auf die Musik müssen wir uns noch endgültig festlegen. Die Trauerkarten sind verschickt. Einen ganzen Stapel habe ich adressiert und zur Post gebracht. Unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass wir das alles noch machen müssen. So kurz vor Weihnachten. Wenn mir das einer vor einem Monat gesagt hätte ...
Am nächsten Freitag kommt ein Trauerredner zu uns. Um mit uns zu besprechen, was er erzählen wird, über meine Omi. Am liebsten wollen wir die Rede vorher schon fertig haben, damit dieser fremde Mensch, der meine Omi überhaupt nicht kannte, auch ja das richtige sagt über sie. Ein paar Dinge habe ich schon im Kopf, die unbedingt in die Rede müssen.
Auch Fotos von meiner Omi möchte ich noch zusammenstellen. Mit Musik. Die wir uns dann ansehen können, wenn wir nach Hause kommen, mit der Familie, nach der Beerdigung. Aber auch das konnte ich noch nicht anfangen.

Ich habe in den letzten zwei Wochen unglaublich lange geschlafen. Meistens bis 12Uhr mittags. Ich bin zwar auch immer spät ins Bett gegangen, aber trotzdem waren das noch rund 10 Stunden Schlaf. Pro Nacht. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal so lange geschlafen habe. Aber wenn ich schlafe, dann muss ich nicht an den Tod meiner Omi denken. Und wenn ich daran nicht denken muss, dann muss ich nicht weinen.
Als wir am Tag ihres Todes abends aus dem Krankenhaus nach Hause kamen, hatte ich solche Angst vorm Einschlafen. Ich dachte, das würde nicht gehen. Und bevor ich überhaupt im Bett war, hatte ich schon wieder Angst vorm Aufwachen am nächsten Morgen. Weil mir dann wieder alles einfallen würde.
Das mit dem Einschlafen, das geht aber eigentlich ganz gut. Meine Omi konnte immer gut schlafen. Egal in welcher Situation. Egal wo sie war. Sie meinte dann immer, im Schlafen wäre sie richtig gut. Sie lege sich hin, wäre innerhalb von Minuten weg und würde dann wie ein Stein schlafen. Ein Glück, sagte sie dann auch manchmal: "Ich kenne so viele Leute, die die halbe Nacht wachliegen und überhaupt nicht einschlafen können."
Ich wünsche meiner Omi jeden Abend eine Gute Nacht. Und dann handhabe ich es wie sie. Ich mache die Augen zu, schiebe alle Gedanken beiseite und schlafe meistens dann auch recht schnell ein. Ich denke, dass wäre in ihrem Sinne. Ich denke schon den ganzen Tag an sie. Da habe ich mir ein bisschen guten Schlaf verdient.

Wo ist meine Omi gerade? Also ihr Körper. Liegt der noch im Sarg? Beim Bestatter. Im Kühlhaus. Oder wurde er schon verbrannt? Und befindet sich bereits in der weißen Urne? In der wir sie beisetzen werden? Ich finde die Gedanken daran ganz schrecklich und verdränge sie immer wieder schnell. Aber sie kommen immer mal wieder. Neulich zum Beispiel, als ich unbeabsichtigterweise an dem Krematorium vorbeigefahren bin, in dem ihr Körper verbrannt werden wird. Oder schon wurde. Das war furchtbar. Ich konnte mich nur schwer zusammenreißen. Am Steuer meines Autos.
Gut ist nur, dass wir wissen, dass meine Omi in einer Urne beigesetzt werden wollte, anstatt in einem Sarg. Denn sie wollte nicht von Würmern aufgefressen werden. Das hat sie öfter mal gesagt, mehr so im Spaß, immer, wenn wir mal kurz auf das Thema zu sprechen kamen. Und ich hab ein paar Pimperlinge gespart, wenn ihr mich mal unter die Erde bringen müsst. Das waren auch ihre Worte. Ansonsten haben wir uns nie über den Tod unterhalten. Oder wie sie sich ihre Beerdigung wünschen würde. Aber ich glaube, da war sie auch ganz pragmatisch - wahrscheinlich hätte sie gesagt, macht es, wie ihr es für richtig haltet. Ich bekomme es ja eh nicht mehr mit. Aber trotzdem hoffe ich, dass ihr die Beisetzung, die wir planen, gefallen würde.

Meine Omi. Im Garten. Eine Woche nach ihrem Geburtstag. Im August.


Am Telefon

Heuten waren Franzi und ich noch einmal im Garten. Wir mussten noch einiges erledigen, vor dem Winter. Wir haben Blätter als Frostschutz über den Erdbeeren verteilt. Die Regentonnen geleert. Das Haus aufgeräumt. Die Dahlien ausgegraben, weil sie sonst den Winter nicht überstehen würden. Die Wasserpumpe abgedeckt.

Normalerweise hätte ich meine Omi dann am Nachmittag angerufen. Und ihr erzählt, dass wir alles Nötige erledigt haben. Um den Garten gut über den Winter zu bringen. Dass es jetzt losgehen kann, mit ordentlichem Frost. Und vielleicht auch Schnee. Sie hätte sich gefreut, das zu hören.

Aber ich kann sie nie wieder anrufen. Wenn ich ihre Nummer wähle, wird sie nie wieder abnehmen. Und mich mit "Hallo Nadinchen" begrüßen. 

Ich habe fast jeden Tag mit meiner Omi telefoniert. Manchmal nur kurz, oft auch länger. Meistens habe ich sie angerufen. Wenn ich dann mal zu ihr sagte, Du kannst mich ja auch mal anrufen, dann meinte sie immer, sie wisse ja nicht, ob sie mich dann auch kriegen würde. Dass ich einen Anrufbeantworter habe, das zählte nicht. Aber ein paar Nachrichten von ihr habe ich trotzdem auf meinem AB. Sie sagte anfangs immer: "Hallo Nadinchen, Omi hier. Bist Du nicht da? Nadinchen? Wo bist Du denn?" Neulich war ich versucht, den AB anzuschalten und mir die alten Nachrichten von meiner Omi anzuhören. Um nochmal ihre Stimme zu hören. Aber dann konnte ich nicht. 

Ich habe meine Omi so oft angerufen, weil ich mir eigentlich schon immer Sorgen um sie gemacht habe. Ich dachte, es könnten so viele Sachen passieren, wenn man alleine lebt und Bluthochdruck und Diabetes hat. So wie meine Omi. Einmal täglich nachzufragen, ob alles in Ordnung ist, könne nicht schaden, dachte ich mir. Erfreulicherweise war immer alles ok.

Ich habe meine Omi aber auch so oft angerufen, weil sie sich darüber immer freute. Und weil ich gerne mit ihr telefonierte.
Nur die Telefonate zu beenden, dauerte manchmal ein wenig länger. Meine Omi sagte mindestens dreimal "Tschüß, vielen Dank für Deinen Anruf!" Zwischen den Verabschiedungen fiel ihr dann immer noch etwas ein, was sie noch sagen oder fragen wollte.

Irgendwann wird ihre Telefonnummer an jemand anderen vergeben werden. Das wird wahrscheinlich schneller gehen, als ich mich dazu überwinden kann, ihre Nummer aus meinen Kontakten im Telefon zu löschen. 

Meine Omi im Garten meiner Eltern. Ende Juli.


"Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen.
Habe ich dort eine Bleibe gefunden, werde ich immer bei euch sein."
(Rainer Maria Rilke)

Eine Bleibe in meinem Herzen hat meine Omi. Aber ich weiß nicht, ob mir das reicht. Obwohl es das jetzt muss.

Freitag, 28. November 2014

Nie wieder

Ich bin froh darüber, dass wir zum letzten Onkologietermin Ende Oktober noch nicht wussten, wie schlimm es wirklich um meine Omi stand. Und warum es ihr seit mehreren Tagen nicht mehr so gut ging. Wir dachten, dass die Chemo ihr mehr zusetzen würde als bisher. Und dass unser Urlaub sie zu sehr angestrengt hatte. Was wir nicht annahmen, das war, dass sich der Krebs, der an einer Stelle ihres Körpers aufgehalten worden war, still und heimlich an eine andere Stelle geschlichen hatte. Und dass ihr in Wahrheit die Metastasen im Hirn zusetzten. Und nicht die Chemo oder die Anstrengungen der letzten Tage.
Ich bin froh, dass wir das alles nicht wussten, denn auch, wenn die Metastasen etwas früher entdeckt worden wären, hätte man vermutlich nicht mehr viel dagegen tun können. Der Ausgang wäre der gleiche gewesen. Und so ist doch ein wenig tröstlich, dass es meiner Omi gut ging, bis rund drei Wochen vor ihrem Tod. Und auch, als ihr die vermehrten Beschwerden zu schaffen machten, war sie zu Hause. In ihren eigenen vier Wänden. Und wir konnten uns um sie kümmern, immer zuversichtlich, dass es bestimmt bald wieder besser werden würde.
Die letzte Woche in ihrem Leben war nicht schön. Sondern eine Qual. Für uns. Aber vor allem natürlich für meine Omi. Sie lag im Krankenhaus und musste einige Untersuchungen und viele, viele Nadelstiche über sich ergehen lassen. Vieles hat sie hoffentlich gar nicht mehr mitbekommen. Nur wünsche ich mir, dass sie gewusst hat, dass wir bei ihr waren. Dass wir bis zur letzten Sekunde an ihrem Bett saßen. Und dass sie nicht alleine war. In ihren letzten Tagen, Stunden und Minuten.
So plötzlich, wie wir sie verloren haben, so war es doch besser für alle, dass wir die furchtbare Aussichtslosigkeit ihrer Situation erst wenige Tage vor ihrem Tod erfahren haben. Und meine Omi hat vermutlich gar nicht mehr mitbekommen, wie schlimm es um sie stand. Das hoffe ich zumindest.

Ich bin so traurig. Darüber, dass meine Omi nicht mehr da ist. Darüber, dass ich sie nie wiedersehen werde. Darüber, dass ich ihr nie wieder etwas erzählen kann. Darüber, dass ich sie nie wieder anrufen kann. Darüber, dass ich sie nie wieder lachen hören werde. Darüber, dass ich nie wieder etwas mit ihr zusammen erleben werde. Darüber, dass ich sie nie wieder etwas fragen kann.

Während mir dies immer und immer wieder durch den Kopf ging, kam mir der Gedanke, wie traurig meine Omi sein würde. Darüber, dass sie nicht mehr auf der Welt ist. Darüber, dass sie uns nie wiedersehen wird. Darüber, dass sie uns nie wieder etwas erzählen kann. Darüber, dass sie nie wieder einen Anruf entgegennehmen kann. Darüber, dass sie nie wieder über irgendetwas lachen kann. Darüber, dass sie nie wieder etwas mit uns zusammen erleben kann. Darüber, dass sie nie wieder eine Frage stellen kann.

Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. An ein Leben im Himmel. Oder an die Seele, die bleibt. Meine Omi hat daran auch nicht geglaubt. Jetzt, da sie tot ist, kann sie also auch nicht mehr traurig sein. Über all das, was sie versäumen wird. Zum Beispiel Weihnachten in vier Wochen. Oder die Geburt ihrer Urenkelin in fünf Wochen (vielleicht). Aber sie hat so gerne gelebt. Und hat immer gehofft, dass sie noch eine ganze Weile auf dieser schönen Erde sein darf, wie sie immer zu sagen pflegte*. Und deswegen ist es so unendlich schade und traurig, dass ihr Leben nun, trotz ihrer schweren Krankheit, doch so schnell und unerwartet vorbei war. So unendlich schade und traurig. Für uns. Aber vor allem auch für sie.

Heute sind die Trauerkarten angekommen. Endlich können wir sie verschicken, nachdem wir eine ganze Woche darauf gewartet haben. Aber ich hätte so viel lieber Weihnachtskarten geschrieben. Adventskalender gebastelt. Oder Weihnachtsgeschenke gekauft. Stattdessen habe ich Trauerkarten adressiert.
Krebs ist ein Arschloch! "Na, na, nicht doch", würde meine Omi jetzt sagen. Schimpfwörter mochte sie nicht. Dem Inhalt hätte sie jedoch zugestimmt.


*("zu sagen pflegte" war eine der liebsten Redewendungen meiner Omi)

Donnerstag, 27. November 2014

Irgendwann wird es besser

Seitdem meine Omi im Sterben lag, vor allem aber, seitdem sie tot ist, fühle ich mich wie der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt. 
Alle Leute, die ich auf der Straße sehe, scheinen mir fröhlich und zufrieden. So zum Beispiel zwei ca. 60-jährige Zwillingsschwestern, die neulich mit mir im ICE saßen und sich darüber unterhielten, was sie Weihnachten anziehen wollen. Ich habe das Abteil gewechselt, weil ich die ganze Zeit daran denken musste, dass meine Omi und ihre Schwester sich nie wieder unterhalten können. 
Kaum können die anderen schon jemals in ihrem Leben so einen Verlust erlitten haben, wie ich gerade. Kaum können sie jemals in ihrem Leben schon so traurig gewesen sein, wie ich gerade. Kaum kann einer von ihnen so eine tolle Omi gehabt haben wie ich.
Das ist mein subjektives Gefühl. Obwohl mir andererseits natürlich klar ist, dass das objektiv betrachtet Quatsch ist. Täglich sterben Menschen. Und nicht immer sind sie schon im Alter meiner Omi, sondern oft sind es auch junge Leute oder sogar Kinder. Die meisten werden Angehörige haben, Freunde und Partner, die sie vermissen und unendlich traurig sind über ihren Tod. Und auch andere Enkelkinder finden sicherlich, dass sie die allerbeste Oma auf der Welt haben. Das weiß ich alles, aber subjektiv betrachtet halte ich mich trotzdem für den traurigsten Menschen überhaupt.

In den letzten Tagen habe ich viele liebe und anteilnehmende Nachrichten bekommen. Von Menschen, die meinen Blog lesen. Und von einigen, die auf anderem Weg vom Tod meiner Omi erfahren haben. Einige von ihnen haben selber schon schwere Verluste erlitten. Und geliebte Menschen verloren. Und alle von ihnen haben mir versichert, dass es irgendwann besser wird. Auch wenn es ein schwerer Weg wird. Dass man trotzdem irgendwann mit dem Verlust leben kann. Und wieder froh ist. Und nicht immer nur traurig. Sondern nur noch manchmal. Und alle wussten aus eigener Erfahrung, dass es eine Zeit geben wird, in der mich die Erinnerungen an meine Omi trösten werden. Mich glücklich machen. Und mir Kraft geben. 

Ich bin überzeugt davon, dass dieser Tag kommen wird. Und vor allem bin ich überzeugt davon, dass meine Omi sich wünschen würde, dass dieser Tag für uns alle nicht so weit entfernt liegt. Und dass wir nicht allzu lange traurig sind über ihren Tod. Und uns freuen über die vielen Jahre, die wir mit ihr zusammen hatten - wenn wir über sie nachdenken, über sie reden oder uns Fotos und Videos anschauen.

Im Moment aber treibt mir die Erinnerung an meine Omi und an ein Leben ohne sie in unserer Mitte fast immer die Tränen in die Augen. Aber ich bin dankbar dafür, dass sie mich 35 Jahre meines Lebens begleitet hat. Und dass sie so eine tolle Omi für mich war. Denn so ein Glück hat nicht jeder. 

So wie hier, als ich ca. 1 Jahr alt war, hat meine Omi mich eigentlich mein ganzes Leben lang angestrahlt. Jetzt kann sie mich nur noch in meinen Erinnerungen anstrahlen.


Trügerische Ergebnisse

Meine Omi musste in den letzten Monaten regelmäßig in die ambulante Onkologie. Um die einzelnen Chemozyklen zu bekommen, ihr Blut untersuchen zu lassen und natürlich mit dem Onkologen zu sprechen und CT-Ergebnisse zu erfahren.
Das vorletzte Kontrollgespräch hatte sie am 1. Oktober, nachdem einige Tage zuvor ein CT gemacht worden war. Meine Mama begleitete sie. Einer von uns war immer bei den Arztterminen dabei. Der Onkologe, ein freundlicher und geduldiger Arzt, nahm sich immer sehr viel Zeit. Manchmal bis zu anderthalb Stunden.
Am 1. Oktober gab es viel Positives zu berichten, angesichts der Schwere der Erkrankung meiner Omi. Das CT zeigte einen Wachstumsstop der Metastasen in der Leber. Weitere Metastasen in anderen Organen waren nicht sichtbar. Der Tumormarker, ein zuverlässiger Krankheitsverlaufsindikator bei der Krebserkrankung meiner Omi war signifikant gesunken. Auf 40 (im Sommer während ihres Rückfalls lag er bei über 700). Die Leberwerte hatten sich verbessert. Die bestmöglichen Nachrichten also. Es hatte sich ein wenig Wasser in der Lunge meiner Omi gesammelt. Was aber noch nicht besorgniserregend war. Meine Omi fühlte sich gut. Die Chemo am nächsten Tag konnte stattfinden.

Wir feierten das Ergbnis ein bisschen. Am 3. Oktober, als wir uns im Garten trafen. Um die Einheit zu feiern bzw. einen Garteneinsatz zu machen. Mit Kesselgulasch. Wie jedes Jahr am 3. Oktober. Natürlich war mir bewusst, dass die Lage sich zu jedem Zeitpunkt ändern könnte. Dass die Krebszellen jederzeit Resistenzen gegen die Chemo entwickeln könnten. Aber ich war auch sehr erleichtert, dass es einmal mehr ein gutes Ergebnis gab. Dass meiner Omi weitere Zeit geschenkt wurde.

Einen Monat später. Am 30. Oktober. Das nächste Kontrollgespräch. Diesmal war ich mit dabei. Es ging nicht um Untersuchungsergebnisse, denn es gab keine neuen. Sondern der Onkologe wollte wissen, wie sich meine Omi fühlt. Es ging ihr nicht so gut. Sie hatte in den Tagen zuvor keinen Appetit und aß wenig. Dadurch hatte sie Probleme mit ihrem Zuckerspiegel. Einmal war sie so unterzuckert, dass wir einen Notarzt rufen mussten. Sie schlief lange. War allgemein sehr müde und schlapp. Der Onkologe fragte auch mich. Wollte wissen, wie ich die Situation einschätze. Ich berichtete ihm von der leichten Verwirrtheit meiner Omi. Sie hatte vor allem nach unserer Reise nach Braunschweig/in den Harz über meinen Geburtstag Probleme mit der örtlichen Orientierung. War sich manchmal nicht sicher, ob sie schon wieder zu Hause sei. Oder noch im Urlaub. Dies war immer nur für kurze Momente so. Meistens fiel ihr schnell wieder ein, was sie kurz zuvor nicht gewusst hatte. Der Arzt meinte, das muss man natürlich beobachten. Es könne aber sein, dass die Reise für sie zu anstrengend war. In den nächsten Tagen müsse sich das aber wieder legen, mit der Verwirrtheit. Und auch der Appetit sollte wiederkommen. Falls nicht, dann sollten wir uns kurzfristig melden. Und dann müsste man gegebenenfalls auch eine genauere Untersuchung des Kopfes durchführen. 
Abschließend fragte er meine Omi, ob sie trotz der verstärkten Nebenwirkungen weiterhin die Chemo bekommen möchte. Oder ob es ihr zu anstrengend sei. Und wie jedes Mal rief sie: "Nein, nein, auf jeden Fall weitermachen. Ich möchte weitermachen mit der Therapie!"

Am Abend fuhren wir zu meinen Eltern. Mein Vater hatte Geburtstag. Meiner Omi ging es ganz gut. Sie aß ordentlich und ließ sich noch etwas einpacken, für den nächsten Tag. Als ich sie am Abend nach Hause brachte, beschloss ich, die Nacht auf ihrem Sofa zu campieren. Und von dort aus am nächsten Morgen nach Braunschweig zur Arbeit zu starten. So konnte ich auch noch schauen, dass sie ordentlich Frühstück isst. Ich traf am nächsten Morgen noch auf die Schwester vom Pflegedienst. Auch sie äußerste sich besorgt über die letzten Tage. Und sie versprach, Mittags nachzuhaken, ob meine Omi gegessen hat.

Die nächsten Tage verliefen nicht viel besser. Meine Omi aß meist nur, wenn meine Mama oder Franzi bei ihr waren. Auch übergeben musste sie sich. Und durcheinander war sie. Dann aber wieder ganz klar. Sie hatte auch große Probleme, ihr Telefon ordentlich zu bedienen. Ein Telefon, was sie schon viele Jahre lang hatte. Oft legte sie nicht richtig auf, so dass wir sie dann stundenlang nicht erreichen konnten. Ich machte mir Sorgen wegen des mangelnden Appetites. Der hätte nämlich bedeuten können, dass die Metastasen in der Leber wieder wachsen. Wirkt die Chemo, wird sie wieder Appetit bekommen. Hatte uns der Onkologe im Krankenhaus gesagt. Damals, im Februar 2014. Und als sie im Sommer den Rückfall hatte, war das erste Anzeichen dafür auch die Appetitlosigkeit.
Wir warteten noch ein paar Tage ab, dann rief ich den Onkologen an. Er beruhigte mich. Denn am 31. Oktober war meiner Omi noch einmal Blut abgenommen worden. Die Ergebnisse waren mittlerweile da. Der Tumormarker war noch einmal gesunken. Auf 37. Und auch die Leberwerte hatten sich noch ein bisschen verbessert. Der mangelnde Appetit müsse nicht zwingend ein schlechtes Zeichen sein. Es kann auch einfach die Dauer der Chemo sein. Er hoffe auf das Ende der Chemo, meinte der Onkologe. Und die dann einsetzende Erholung für den Körper. Trotzdem sagte er, sollen wir wieder anrufen, wenn es eine weitere Verschlechterung gibt. Dann hätte er das nächste geplante CT vorgezogen.

Dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon die Metastasen in ihrem Kopf wuchsen, das ahnte ich nicht. Und der Onkologe vermutlich auch nicht. Ich war froh nach dem Gespräch. Rief später meine Omi an und sagte ihr, dass der Onkologe gesagt hatte, dass wir uns nicht zu viele Sorgen machen sollen.

Ein paar Tage später nur kam der verhängnisvolle Sonntag. Der 9. November. An dem meine Omi plötzlich nicht mehr ordentlich reden konnte. Und der Albtraum begann.

Heute vormittag hätte das nächste Arztgespräch stattfinden sollen. Der Onkologe wollte meine Omi vor dem sechsten und gleichzeitig letzten Chemozyklus noch einmal sehen. Die Chemo hätte sie morgen bekommen.

Hätte, wäre, wenn bringt zwar nichts, aber ich wünschte, dieser Termin heute hätte stattfinden können. Und alles wäre normal. So normal, wie es sein kann, bei einer Krebserkrankung.

Vorhin sagte Tamino: "Zu Weihnachten ist Omi Inge nicht mehr da. Stimmts? Und sie kommt auch nie, nie wieder." Auch wenn er die Endgültigkeit dessen noch gar nicht versteht.

Meine Tante. Meine Omi. Und meine Mama. Am 3. Oktober. Im Garten.


Dienstag, 25. November 2014

Einfach so

Meine Omi war ein toller Mensch. Natürlich hatte sie auch ein paar Macken. Wie wir alle. Aber sie war so ein guter Mensch.  

Sie wollte immer, dass es anderen gut geht. Sie war bescheiden. Anstand, Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt waren ihr wichtig. Sie hat nie schlecht über andere geredet. Ungerechtigkeit regte sie auf. Ob es jemanden in ihrem nahen Umfeld oder sie selbst betraf. Aber genauso ärgerte sie sich über Ungerechtigkeit auf der Welt. Sie war so tapfer, als sie krank wurde. Sie hat gerne gelacht. Und sie hat sich gerne unterhalten. Sie wollte niemandem zur Last fallen. Sie war immer sehr dankbar für das, was andere für sie gemacht haben. Und für das, was sie erleben durfte. Sie war gutmütig. Und großzügig. Sie hatte ein großes Herz.

Sie hat sich über Kleinigkeiten gefreut. Über die Sonne. Über einen schönen Blumenstrauß. Über den frisch gemähten Rasen im Garten. Über zwitschernde Vögel. Über einen netten Anruf. Über einen schön eingedeckten Tisch. Über den geschmückten Weihnachtsbaum meiner Mama, den sie in diesem Jahr nicht mehr sehen kann.

Sie hat das beste Rührei überhaupt gemacht (wahrscheinlich lag das an der Extra-extra-Portion Butter). Die leckersten Apfelplinsen. Und Kartoffelbrei mit Eierkuchen. Mein Lieblingsessen. Auch wenn das nach einer komischen Zusammenstellung klingt. Schmeckt es unschlagbar. 
"Hast Du schon gegessen? Soll ich Dir schnell was machen?" Das hat sie mich fast immer gefragt, wenn ich zu ihr kam. Auch, wenn ich sie eigentlich nur schnell abholen wollte und wir ein anderes Ziel hatten.

Um andere hat sie sich mehr gesorgt, als um sich selbst. Als sie gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, Anfang des Jahres, da ging es ihrer Schwester nicht gut. Sie hatte schlimme Blutdruckprobleme, inklusive Notaufnahmeaufenthalten. Meine Omi hat sich solche Sorgen um ihre Schwester gemacht. Und wollte jeden Tag wissen, wie es ihr geht. Und dabei war sie es doch, die schwer krank war. Sie war es, die die unheilbare Krankheit hatte. Und doch dachte sie jeden Tag an ihre Schwester und war so erleichtert, als es ihr endlich wieder besser ging.

Ich hatte bisher ein recht krisenfreies Leben. Aber einmal, 1999, da steckte ich in Island fest. Auf einer Hühnerfarm. Die sich als eine ziemliche Albtraumfarm entpuppte. Ich war ohne im Ausland einsetzbare EC-Karte unterwegs. Und ein Handy hatte ich damals auch noch nicht. Ich wollte weg aus Island. Nach Hause. Meine Omi hat mir Geld geschickt. Und Telefonkarten (gibt es so etwas heute überhaupt noch?). Damit ich telefonieren kann. Und sie hat mich vom Bahnhof in Berlin abgeholt. Zusammen mit Katrin. Nachdem ich mit meinen letzten 50,- DM meinen Flug umgebucht hatte. Während meine Eltern und Franzi ahnungslos im Urlaub weilten. (Natürlich auch ohne Handy.) Was hab ich mich gefreut, als die beiden mich am Bahnsteig empfingen.
Und 2008. Als ich daran zweifelte, ob ich mein Studium schaffen würde. Weil ich mit dem Goethe und seinem lyrischen Ich und Genie-Begriff einfach nicht zurecht kam. Ihn aber brauchte, für die mündliche Prüfung. Damals hatte ich den Eindruck, ich habe für nichts mehr Zeit, außer fürs Lernen. In der Zeit hat mich meine Omi mit fertig gekochtem Essen versorgt. Das sie mir mit der Straßenbahn brachte. Und ich holte es an der Haltestelle ab. Weil ich dachte, ich habe auf keinen Fall Zeit, zu Hause noch Besuch zu empfangen. Im Gegensatz zu mir hat meine Omi keinen Moment daran gezweifelt, dass ich auch die letzte Prüfung bestehe. Und sie hatte natürlich recht. 

Sie war die beste Omi, die ich mir hätte wünschen können. Und sie wird mir so fehlen. Das habe ich ihr auch gesagt. Einen Tag, bevor sie starb. Samstag abend. Als ich alleine an ihrem Bett saß. Und ihre Hand hielt. Ich hoffe, sie hat es noch gehört. Sicher bin ich, dass sie fand, dass Franzi und ich die besten Enkelkinder für sie waren. Das haben wir gemerkt. An allem, was sie für uns getan hat.

Meine Omi. In ihrem Stuhl. In ihrem Garten. Anfang September. Wenn sie nicht selber mitmachte, bei der Gartenarbeit, dann saß sie doch meistens am Beetrand. Und beaufsichtigte, wie wir gärtnerten. Und wir konnten fragen, was zu machen ist. Und wie. Leider können wir sie nie wieder etwas fragen. 

81 Jahre

Am 15. August haben wir mit meiner Omi ihren 81. Geburtstag gefeiert. Das war ein kleines Wunder. Denn Anfang des Jahres, als es ihr so schlecht ging, schien ihr Geburtstag im August in unerreichbarer Ferne zu liegen.


Und nun war er da. Der 15. August. Und meiner Omi ging es gut. Wir begrüßten sie mit Wunderkerzen. Nachdem wir im Garten alles vorbereitet und sie dann von zu Hause abgeholt hatten. 




Dass es ihr so gut ging, war nicht selbstverständlich. Denn Mitte Juli hatte sie einen Rückfall erlitten. Die Krebszellen hatten gegenüber der Chemotherapie, die sie zu diesem Zeitpunkt erhielt, Resistenzen gebildet. Aber es gab weiterhin Hoffnung, und meine Omi wurde auf eine andere Chemotherapie umgestellt. Ein stärkeres Medikament, dass nur noch alle vier Wochen verabreicht wurde. Den Feierlichkeiten, die sich meine Omi mehr als verdient hatte, stand also nichts im Wege.
  


In den Apfelbaum und die Hecke hatten wir Bilder gehangen. Von meiner Omi. Und uns. Aus den vergangenen Monaten. Die meisten davon waren im Garten entstanden.  







Sehr zur Freude meiner Omi.



 Sie bestaunte ihren Geburtstagstisch.


Ein bisschen Konfetti. Zur Feier des Tages. 






So lange ich zurückdenken kann, haben wir den Geburtstag von meiner Omi immer im Garten gefeiert. Und begannen traditionell immer mit einem späten Frühstück. Bevor dann am Nachmittag die anderen Gäste eintrudelten. 
Eigentlich war es ein warmer Tag. Aber zwischendurch gab es immer wieder kleine Regenschauer. Im Garten muss man erfinderisch sein. Und wir behalfen uns. Mit einem Sonnenschirm. Einem Regenschirm. Und einer Autoabdeckplane.




Geschenke gab es natürlich auch.





Die meine Omi, ebenfalls traditionell, auf ihrer Gartenbank auswickelte.





Es regnete erneut. Also ging es zurück unter Sonnenschirm, Regenschirm und Abdeckplane.




Meine Omi bei der Gartenbegehung. Das machte sie gerne. Nicht nur in ihrem eigenen Garten. Sondern auch in dem meiner Eltern. Oder dem meiner Tante. Um Obst, Gemüse, Pflanzen oder Bäume zu begutachten.



Geburtstagskaffee gabs im Haus. Denn es regnete wieder. 
An diesem eigentlich doch recht warmen 15. August 2014.





Trotzdem trug meine Omi eine Jacke. Denn sie hat immer gefroren. Eine Nebenwirkung der Chemo. Hier hatte sie gerade erst 24h zuvor den nächsten Zyklus erhalten. Und sie klagte nicht ein einziges Mal an diesem Tag. Und sowieso sehr selten in der ganzen Zeit. Sie wollte diese Behandlung, damit sie noch ein bisschen auf dieser schönen Erde sein kann, wie sie immer sagte. Und hielt alle Nebenwirkungen tapfer aus.
  



Es wurde viel gemalt. Am 81. Geburtstag meiner Omi.






Und dann war es Zeit für unser traditionelles Familienfoto. Das machten wir jedes Jahr. Am Geburtstag meiner Omi. Immer auf die gleiche Art und Weise. Aber zunächst einmal stellte Tamino die Kamera ein. (Das muss er von der Tante haben.)





Meine Omi und ich. Fotografiert von Tamino.









Und dann ging es los. Meine Omi. Und dann immer einer mehr.



Ihre Schwester. Meine (Groß)tante Lilo.



Meine Mama.



Tamino.



Maria.



Silke.




Franzi.



Anton.



Und schließlich ich.



Nach dem Fotoshooting erledigten einige ein wenig Gartenarbeit.



Während Tamino einen dramatischen Einsatz auf dem Kartoffelacker simulierte. Mit einem Müllauto. Einem Bagger. Einem Krankenwagen. Einem Feuerwehrauto. Ein paar Zivilifahrzeugen. Ein paar Pferden. Und einem Ritter. Natürlich.


Meine Omi. In der Abendsonne.



Und mit neuen Blümchen. Mitgebracht von einem späten Gast.



Umso später der Tag. Umso freundlicher wurde das Wetter.

  


  

Nach dem Abendessen setzten wir uns ans Feuer. Für Marshmallows. Und Popcorn.




                   Maria und ich legten meiner Omi eine 81. Aus Teelichtern. Die dann den                        ganzen Abend brannten.







Meine Omi hatte einen wunderbaren 81. Geburtstag. Das sagte sie uns beim Abschied am Abend. Und wir waren froh und dankbar, dass wir ihn mit ihr feiern konnten. Weil unsere Welt Anfang des Jahres ganz anders ausgesehen hatte. Und nicht klar war, ob sie diesen Tag noch erleben würde.

Ihren nächsten Geburtstag können wir nicht mehr mit ihr feiern. Ich weiß nicht, was wir an diesem Tag im nächsten Sommer machen werden. Und ich mag auch noch nicht daran denken.