Montag, 24. August 2015

Den Tod kann man nicht reparieren

Irgendwann verlieren wir durch den Tod alle einen Menschen, ohne den wir eigentlich nie sein wollten. Und ohne den wir uns das Leben vorher kaum vorstellen konnten. Bis wir ihn verloren haben. Und zu diesem einen Menschen werden weitere Menschen hinzukommen. Denn so ist das im Leben. 


Wenn man Glück hat, vergehen viele Jahre, bis einem das zum ersten Mal passiert. Wenn der Tod dann aber da ist, und wenn ein Mensch, ohne den wir eigentlich nie sein wollten, gestorben ist, dann scheint die Permanenz des Todes beinahe unerträglich. So richtig verstehen und nachvollziehen, wie erdrückend und angsteinflößend diese Gewissheit ist, dass man denjenigen nie wiedersehen wird, kann man wohl erst verstehen, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird. Zumindest war das bei mir so.



Ich habe mich schon ein paar Mal dabei erwischt, wie ich, als ich mich mit dem Tod meiner Omi beschäftigte, unbewusst den Gedanken hatte, dass es schon irgendwann besser werden würde. Schließlich wird doch alles irgendwann wieder besser. Und für alles gibt es doch irgendwie eine Lösung. Denn die meisten Dinge im Leben, die einem nicht gefallen, die einen stören und die man nicht haben möchte, die lassen sich ändern. Man kann Dinge sein lassen. Man kann sie besser machen. Man kann sie vermeiden. Man kann irgendwie eine Lösung finden.

Und dann fiel mir im selben Moment ein, dass es mit dem Tod nicht besser werden kann. Wenn jemand gestorben ist, dann ist dieser Mensch weg. Für immer. Das mit dem Tod, das wird nicht besser. Und es gibt auch keine Lösung. Man kann den Tod nicht reparieren. Sondern der Tod ist endgütlig. Und für immer.


Auch die Trauer wird nicht weggehen, sondern bleiben. Man wird immer traurig sein. Mal mehr, mal weniger. Aber es wird nie ganz weggehen. Dieses Gefühl, dass da jemand fehlt, den man so gerne wiederhätte. Aber auch, wenn die Trauer nie enden wird, so wird es doch besser und leichter. Man lernt, damit zu leben. Und findet irgendwie ein neues "normal".



Irgendwie misst man die Zeit in vorher und nacher. In die Zeit vor dem Verlust. Und die Zeit danach. Meine Omi ist jetzt seit über 9 Monaten tot. Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Und keine Stunde, in der ich sie nicht vermisse und in der ich mir nicht wünsche, dass sie noch da wäre. In den ersten Stunden, Tagen und Wochen nach ihrem Tod konnte ich mir nur schwer vorstellen, wieder fröhlich zu sein, zu lachen und mich auf Sachen zu freuen. Die Welt da draußen drehte sich einfach so weiter, obwohl meine eigene Welt stehen geblieben war. 


Und ich dachte auch, es würde sehr lange dauern, bis meine eigene Welt wieder anfangen würde, sich zu drehen. Aber das war nicht so. Denn das Leben geht weiter, mit und für die Menschen, die einem ebenso wichtig sind und die immer noch da sind. 
Und so kann man gar nicht so lange im dunklen, tiefen Tal bleiben, wenn man zum Beispiel Tamino sieht, der die lustigsten Sachen raushaut. Der so wunderbar in eine Fantasiewelt abtauchen kann und ewig lange Feuerwehrautos, Polizeiwagen und Eisenbahnzüge hin- und herschiebt und mit Sirenengeräuschen vertont. Der der liebste große Bruder ist und es mit einer überraschenden Geduld erträgt, wenn seine sieben Monate alte, kleine Schwester ihn kneift, an den Haaren zieht oder, seit neuestem, in seine Spielzeugaufbauten hineinkrabbelt. Und der einen ganz lieb anschaut, wenn man traurig ist, und fragt, was los ist.



Und man kann auch nicht so lange im dunklen, tiefen Tal bleiben, wenn man Maxina sieht, die zu keiner besseren Zeit auf die Welt hätte kommen können. Die die tollsten kleinen Knopfaugen hat, mit denen sie jeden und alles ganz aufmerksam beobachtet. Die so niedlich aussieht, wenn sie lacht. Und auch, wenn sie nicht lacht. Und die meine kleine Sonne ist.



Und wegen dieser zwei kleinen Menschen und aus vielen, vielen, vielen anderen Gründen mehr werden die schlechten Tage weniger und die guten Tage mehr. Es dauert. Es ist ein Prozess. Und manchmal gibt es Rückschläge. Aber es wird besser. Traurig bin ich immer noch. Jeden Tag. An manchen Tagen weniger. An manchen Tagen sehr viel mehr.



Meine Omi wird mir immer fehlen. Und ich werde oft denken, wie schön es wäre, wenn ich ihr etwas erzählen könnte. Wenn ich sie sehen könnte. Wenn ich sie drücken könnte. Wenn ich ihre Stimme hören könnte.



Aber auch, wenn sie nicht mehr hier ist, wird sie immer bei mir sein. So auch am Wochenende, als ich wandern war. Im Elbsandsteingebirge. In dem meine Omi in jungen Jahren auch oft war.




Glück und Traurigkeit liegen so oft zusammen im Leben. So zum Beispiel, wenn man jemanden vermisst, den man verloren hat. Und wenn man dabei gleichzeitig von so viel schönem, von so viel Licht umgeben ist. Und so sieht es jetzt aus, mein neues "normal".

Mittwoch, 12. August 2015

Im Garten

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Obwohl ich es oft vorhatte. Das liegt zum einen daran, dass ich wenig Zeit hatte. Neben der Arbeit. Ich bin viel unterwegs. Und außerdem ist Sommer. Und das Leben spielt sich draußen ab.
Aber es liegt auch daran, dass es anstrengend ist, so einen Blogeintrag zu schreiben. Emotional anstrengend. Weil ich mich dann direkt damit auseinandersetzen muss, dass meine Omi nicht mehr lebt. Manchmal aber ist es ganz gut, das zu verdrängen. Ich denke jeden Tag an meine Omi. Aber an sie zu denken oder sich wirklich mit ihrem Tod auseinanderzusetzen, das sind zwei verschiedene Dinge. Und manchmal ist das Verdrängen des Endgültigen notwendig. Und das Leben lenkt einen oft ab. Was gut so ist. Aber wenn ich hier sitze und schreibe, dann gelingt das nicht. Das mit dem Verdrängen. Und auch deswegen habe ich so lange nicht geschrieben.

Das hier sind die letzten Bilder von meiner Omi in ihrem Garten. Entstanden am 3. November 2014. Es ging ihr nicht so besonders gut, und ihr war kalt, weswegen wir sie in alle (bunten) Decken gepackt haben, die wir finden konnten. 6 Tage nach dem 3. November kam sie ins Krankenhaus. 13 Tage nach dem 3. November ist sie gestorben. Damit haben wir nicht gerechnet. Und sie bestimmt auch nicht. 


Das ist das letzte Foto von mir und meiner Omi. Zusammen. Ich präsentiere stolz meinen ersten selbstgezüchteten (mini-kleinen) Blumenkohl. 


Und hier schaut meine Omi meiner (ziemlich schwangeren) Schwester das letzte Mal bei der Gartenarbeit zu. Das hat sie gerne gemacht, am Rande des Beetes gesessen. Vor allem im letzten Jahr, als sie selber nicht mehr so viel machen konnte.


In der Trauerrede, die ich für die Beerdigung meiner Omi geschrieben habe, hieß es: 
"Nach ihrer Familie war Inge ihr Garten, den sie fast 30 Jahre lang hegte und pflegte, das Allerliebste. Bis zum letzten Jahr fuhr sie, wann immer möglich, mit dem Fahrrad hinaus. Ihr wunderschöner Garten hat Inge jung gehalten. Ihre 81 Jahre sah man ihr nicht an - was vielleicht auch daran lag, dass sie kein einziges graues Haar hatte. Gerne hielt Inge auch ein Pläuschen mit den Gartennachbarn ab. In den letzten Jahren ging ihr die Gartenarbeit nicht mehr so leicht von der Hand. Aber auch, wenn ihre Familie sie zunehmend unterstützte, so hat sie das meiste doch immer noch alleine gemacht. Wenn sie dann mal unzufrieden war, weil sie nicht so gut vorankam, sagte Nadine: "Omi, der Garten sieht so schön aus. Ein bisschen Unkraut ist doch nicht schlimm. Und nur, weil Du den Garten hast, bist Du noch so fit. Andere Leute in Deinem Alter sitzen schon seit Jahren im Schaukelstuhl im Altersheim." Da hat Inge immer gelacht und ihr recht gegeben."
Hier sind ein paar alte Fotos von meiner Omi. Im Garten war sie stets ganz in ihrem Element, wie sie immer sagte.


Im Sommer fuhr sie manchmal schon um 6Uhr morgens in den Garten. Und war gegen Mittag wieder zurück. Um der Hitze zu entgehen. In der sie nicht arbeiten wollte. Und dann berichtete sie zum Beispiel: "Ich habe mich den ganzen Morgen in den Erdbeeren getummelt."
Hingegen einfach mal den Nachmittag oder wenigstens eine Stunde auf der Liege zu liegen und gar nichts zu tun, das kam für sie nicht in Frage. Meine Omi betrieb höchstens mal für ein paar Minuten Augenpflege (auch so ein Satz, den ich nur von ihr kenne), bevor sie wieder aufstand, weil sie etwas entdeckt hatte, was sie erledigen musste.  


Bis zu ihrem 80. Geburtstag hat meine Omi den Garten fast ganz alleine beackert. Aber es gab auch Garteneinsätze, bei denen die ganze Familie mithalf. Meine Omi schrieb dann oft kleine Zettelchen, auf denen genau drauf stand, was sie unbedingt erledigt haben wollte.



Bis zum Schluss stand meine Omi immer kopfüber im Beet. Auch im letzten Jahr noch. Eine Position, die ich nicht mal ein paar Minuten lang aushalte. Außerdem komme ich in dieser Haltung gar nicht bis zum Boden runter. 
  

(Auch wenn Franzi hier ihrer alten Omi beim Arbeiten zuschaut, war und ist sie normalerweise immer sehr fleißig im Garten.)




Das ist ein Foto aus unserem letzten Sommer mit meiner Omi. Auch hier hat sie ihre typische Arbeitshaltung eingenommen. Und Silke und meine Tante machen es ihr nach.


So lange, wie ich mich erinnern kann, haben wir den Geburtstag meiner Omi immer im Garten gefeiert. Meistens schon ab dem Frühstück.




Traditionell bauten wir ihren Geburtstagstisch immer auf ihrer Gartenbank auf.



Anstoßen mit Sekt und Apfelsaft.


Und am Geburtstag entstand auch immer ein Familienbild. Ebenfalls auf der besagten Gartenbank. Die den Rest des Jahres eigentlich immer im Schuppen stand, weil meine Omi sie schonen wollte.

 

Meine Omi mit ihrer Schwester. Als Gratulantin.


Und mit uns.


Über die Geburtstagswünsche meiner Omi, die fast immer aus Dingen für den Garten bestanden, mussten wir oft schmunzeln. Aber sie beteuerte immer, sie würde sich wirklich sehr darüber freuen. Also bekam sie von uns in den letzten Jahren säckeweise Hornspäne, Blaukorn, Pflanzen, Regentonnen, Eimer, Rasensamen, Rasendünger, Gartengeräte oder auch mal eine neue Tür. 



Unserem Geburtstagsfamilienbild ging im Übrigen immer ein Daumenkino voraus. 


                            

Und hier noch ein paar Fotos aus der Kategorie "dies und das im Garten".


Die Esserei war schon immer eine wichtige Sache in unserer Familie. Kein Treffen ohne Futtern. Wir machen uns schon selber darüber lustig, dass wir nicht selten, nachdem eine Mahlzeit beendet ist, schon darüber sprechen, wann es die nächste geben wird. Das gilt natürlich auch im Garten.  

Ein wenig Knüppelteig zum Nachtisch. 


Kaffee und Kuchen.


Kesselgulasch.


Geburtstagsfrühstück.


Und noch einmal Knüppelteig. Hochkonzentriert gedreht von den Schwestern.


Meine Omi hatte den grünen Gartendaumen. Obst, Gemüse und Blumen gediehen kräftig vor sich hin. Franzi und ich mussten in diesem Sommer einige Male lachen, als wir unsere Beete betrachteten, die eigentlich (ohne direkten Vergleich) gar nicht so schlecht aussahen. Im Vergleich zu denen von meiner Omi jedoch recht kläglich waren. Denn die Beete meiner Omi waren immer mindestens doppelt so hoch, doppelt so breit, doppelt so kräftig und doppelt so dicht wie alles, was wir in diesem Jahr im Garten fabriziert haben.


Hier noch ein Auszug aus meiner Trauerrede:
"Auch in ihrem letzten Lebensjahr hat Inge viel Kraft und Lebensmut aus ihrem Garten gezogen. Zwar konnte sie nun nicht mehr aufs Fahrrad steigen, aber ihre Familie fuhr regelmäßig mit ihr raus. Oft verrichtete Inge auch selbst noch ein wenig Gartenarbeit. Blätter aufsammeln, das Beet harken - das konnte sie so akkurat wie kein anderer -, Hornspäne verteilen, Erdbeeren ernten, Äpfel einsammeln, Kübel bepflanzen, Bohnen legen oder Schnittlauch ernten zum Beispiel. Oftmals saß sie aber auch in ihrem Gartenstuhl am Beetrand oder unter dem Nußbaum und beobachtete, wie Franzi, Nadine und Simone oder auch mal Lilo gärtnerten. Inge freute sich sehr darüber, dass vor allem ihre Enkelkinder Freude an der Gartenarbeit gefunden haben.
Inge genoss das schöne Wetter und die Sonne. Sie erfreute sich an der Erdbeer-, Apfel- oder Bohnenernte. Am frisch gemähten Rasen. Oder der Amsel, die oft durch den Garten hüpfte. Herrlich ist es heute hier im Garten, sagte sie oft.

Zusammen mit ihrer Familie hatte sie einen wunderbaren Frühling, einen tollen Sommer und einen schönen Herbst in ihrem Garten, den sie mit ganz viel Arbeit und Hingabe zu dem gemacht hat, was er heute ist. Den Garten wird ihre Familie für immer mit Inge verbinden."
Die Tatsache, dass wir noch so einen schönen Frühling, Sommer und Herbst mit meiner Omi im Garten hatten, gibt mir viel Frieden. Sie wäre Anfang 2014 beinahe gestorben, hat es dann aber doch wieder aus dem Krankenhaus herausgeschafft. Pünktlich zum Frühlingsanfang, auf den sie sich so gefreut hatte. Und das war ein großes Glück. Keiner konnte sagen, wie lange sie noch leben würde dürfen. Wir hofften auf eine lange Zeit und bekamen einige Monate. Und in diesen Monaten sind viele, viele Bilder von meiner Omi entstanden. Und auf den meisten davon sieht sie glücklich und zufrieden aus. Sie hatte viele schwere Tage im letzten Jahr. Aber sie hatte auch viele schöne Tage, die sie genossen hat.  

Meine Omi. Das erste Mal zurück im Garten. Nach vielen Wochen im Krankenhaus, in denen ihr Leben am seidenen Faden hing.



Lange stehen konnte sie nicht mehr, aber wenn wir ihr einen Stuhl ins Beet stellten, dann war sie immer noch fleißig dabei.



Wann immer es meiner Omi gut genug ging, ließ sie sich die Gartenarbeit nicht nehmen. Es hat ihr einfach zu viel Spaß gemacht. Ihr Leben lang. Bis zum Schluss.


Aus dem Krankenhaus hatte meine Omi einen Rollator mitbekommen. Den sie zunächst gar nicht benutzen wollten. Wir haben versucht, sie dazu zu überreden, ihn wenigstens in der Wohnung als Stütze zu verwenden. Weil wir immer Angst hatten, dass sie mal stürzt. Nach einiger Zeit kam sie dann doch auf den Rollatorgeschmack. Meistens packte sie ihn dann auch gut voll. Um Dinge von A nach B zu transportieren. Im Garten. Und zu Hause.


Meine Omi in den Himbeeren. Eines meines Lieblingsbilder aus dem letzten Jahr. Das wir nach der Trauerfeier auch für die Dankeskarten verwendet haben.


Wenn meine Omi selber nicht mitmachen konnte, dann saß sie zumindest am Beetrand. Entweder auf ihrem Liegestuhl. Oder auf diesem kleinen Hocker. Sie nannte ihn "meine kleine Rutsche". Und dann hat sie uns zugesehen bei der Gartenarbeit. Hat uns Tipps gegeben, wie wir dies oder das am besten machen könnten. Hat unsere Arbeit kommentiert. Und sich gefreut, dass wir so fleißig waren.


Ich war immer sehr froh, wenn meine Omi im letzten Jahr genug Kraft für die Gartenarbeit hatte. Denn das war ein Zeichen dafür, dass es ihr gut ging. Und außerdem hat sie sich selber immer so gefreut, wenn sie etwas im Garten geschafft hatte. Das gab ihr Auftrieb und Motivation. Und es hat ihr so viel Spaß gemacht. Wie sie dann oft sagte. Nach so einem Gartentag.


Am 15. August haben wir ihren 81. Geburtstag gefeiert. Im Garten natürlich. Es sollte ihr letzter sein. Ich hatte mir so gewünscht, dass sie auch noch ihren 82. Geburtstag erleben würde. Und ich hatte befürchtet, dass es anders kommt. Dafür war ihr 81. Geburtstag ein besonders schöner Tag.


Britta und Isabell haben uns einige Male im Garten besucht. Im letzten Jahr. 


Und Isabell wurde gleich mit eingespannt. Bei der Gartenarbeit.


Am 3. Oktober hatten wir im Garten unser letztes Familientreffen, bei dem meine Omi dabei war. Den Tag der Einheit verbrachten wir als Ost-West-Familie oft zusammen. Meistens im Garten. Zwei Tage vor dem 3. Oktober hatte meine Omi das Ergebnis ihrer letzten Computertomographie erhalten. Es war ein richtig gutes Ergebnis. Das zeigte, dass das Wachstum der Tumore in ihrer Leber gestoppt worden war. Wir hatten also doppelten Grund zum Feiern. Und meiner Omi ging es richtig gut. Es erschreckt mich bis heute, dass sie sechs Wochen später tot war. Obwohl es doch, den Umständen entsprechend, so gut aussah.  

Ein paar Tage nach dem Tod meiner Omi fuhren wir noch einmal in den Garten. Mitten im November. Weil wir dringend ein paar letzte Dinge für den Winter erledigen mussten. Ich fand es furchtbar. Da draußen. Ohne meine Omi. Und ich konnte mir kaum vorstellen, auch im nächsten Sommer im Garten zu sein. Ohne meine Omi. (http://abschiedvonomi.blogspot.de/2014/11/garten.html)

Nun ist der Sommer schon halb vorbei. Und ganz anders, als ich im November dachte, war ich in diesem Jahr oft und sehr gerne in unserem Garten. 
Natürlich muss ich sehr oft an meine Omi denken. Da draußen. 
Ich sehe sie vor mir, wie sie angefahren kommt. Und über den Gartenzaun hinweg freudig "Hallo" ruft, bevor sie ihr Fahrrad durchs Gartentor schiebt. Ich stelle mir vor, wie sie durch den Garten läuft. Ich stelle mir vor, wie sie aus dem Schuppen kommt. Mit der Harke und ihrer "kleinen Rutsche" in der Hand. Ich stelle mir vor, wie sie im Beet steht. Kopfüber. Ich stelle mir vor, wie sie aus dem Haus kommt. Mit einem Topf voller Butterböhnchen, die sie für uns gekocht hat. Ich stelle mir vor, wie sie in ihrem Stuhl sitzt und Augenpflege betreibt. Oder Zeitung liest. Und ich stelle mir vor, wie sie am Rande des Beetes sitzt und wir uns unterhalten. 
Ich höre sie lachen. Ich höre sie rufen. Ich weiß genau, wie ihre Stimme klingen würde. Ich kann mir genau denken, was sie mir raten würde. Und wie sie uns loben würde, wenn wir fleißig waren. Ich höre ihre Stimme und weiß, wie ihr Tonfall wäre, wenn sie über diese oder jene Pflanze sagen würde - "das macht nüscht, die vertragen das" oder "jaaa, die können schon in die Erde rein, die müssen dann nur ordentlich gewässert werden". Zum Beispiel. 
Mir all das vorzustellen, das gelingt mir sehr gut im Garten. Und das finde ich schön. Und ich bin ja weder religiös noch spirituell. Ganz im Gegenteil. Aber wenn ich im Garten bin, dann habe ich irgendwie immer das Gefühl, dass meine Omi dabei ist. Und meine Gedanken sind dann vor allem schöne. Und weniger traurige.

Dieser Blogeintrag enthält einige Fotos (kleine Untertreibung). Hier nun noch ein Schwung aus unserem ersten Gartenjahr ohne meine Omi. 

Dies waren die ersten Blüten, die im Februar aus der Erde guckten. Ein paar Schneeglöckchen. Meine Omi hätte diese entzückend gefunden. So etwas in der Art hätte sie wohl gesagt. 



Ansonsten war noch nicht viel los in den Beeten. So dass Tamino und Isabell hier im März noch kreuz und quer buddeln konnten. 


Wir trafen erste Vorbereitungen für den Kartoffelacker. Auf einer langen, kahlen Strecke.


Gartenarbeit. Auch für Tamino.


Die ersten Blüten. Am Apfelbaum.


Und Franzi in den Erdbeeren.


Als meine Mama im Herbst die Blumenzwiebeln für das Frühjahr in die Erde gesteckt hatte, saß meine Omi daneben und hat zugeschaut. Als die Blumen im April aus der Erde kamen, konnte sie sie leider nicht mehr sehen. Dabei hätte sie sich so daran erfreut. Sie hat sich immer über alles gefreut, was im Garten gedieh. Und wie der Stand der Dinge war, stellte sie immer fest, in dem sie eine (wie sie es nannte) Gartenbegehung machte, wann immer sie draußen war. 


Um die Erdbeeren machten Franzi und ich uns in diesem Frühjahr besondere Sorgen. Wir waren nicht sicher, ob sie den Winter gut überstanden hatten. Und wussten auch nicht so recht, was im Erdbeerbeet zu passieren hatte. Und meine Omi konnten wir nicht mehr fragen. Herr Netz, unser langjähriger Gartennachbar, der auch zur Beisetzung meiner Omi gekommen war, half uns weiter.



Die Küche aus der Wohnung meiner Omi haben wir im April in unserem Gartenhäuschen einbauen lassen. Sie passt dort ganz wunderbar hinein. Meiner Omi würde das gefallen. Und uns gefällt es auch.


Die Erdbeeren hatten überlebt. Und wuchsen vor sich hin. Im Mai.


Und die ersten Kartoffeln zeigten sich.


Tamino hat sich ein kleines Eigenheim gebaut. Wenige Meter vom Gartenhaupthaus entfernt.


Für Tamino, hier in seiner Paraderolle als Feuerwehrmann und bald auch für Maxina (meine kleine Sonne), ist der Garten ein Paradies. 


Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, habe ich viele schöne Erinnerungen an unseren Garten. So wie später bestimmt auch einmal Tamino und Maxina. Und mir fällt dann zum Beispiel ein, wie ich früher Marienkäfer und Schnecken gesammelt habe. Um sie in leere Gurkengläser zu setzen, die ich vorher mit Sand, Steinen und Blättern Schnecken- und Käfertauglich dekoriert hatte. Das neue Heim meiner Haustiere verschloss ich dann mit Klarsichtfolie, in die ich ein paar Löcher piekste. An Sauerstoff sollte es ihnen schließlich nicht mangeln. Meine Omi hat meine Schnecken- und Käfersammlungen immer bewundert. Und ich habe mich gewundert, dass die Tierchen oftmals verendeten. Trotz ihres schönen neuen Zuhauses.
Ich kann mich auch daran erinnern, dass mir meine Omi ein kleines Stückchen Beet überließ. Wo ich Radieschen zog. Und bestimmt auch noch andere Sachen. Von denen ich aber nicht mehr weiß. 
Und hier oben, in der Dachluke unseres Gartenhauses, 




hatte sich mal eine Katze mit ihren Jungen versteckt. Nachdem wir sie entdeckt hatten, besorgte meine Omi Futter. Und stellte mir eine Leiter an die Luke. Damit ich die Katze füttern und mir die Katzenjungen ansehen konnte. Nie war ich als Kind näher dran an dem "Besitz" einer Katze, als in der Zeit, als die Katzen auf unserem Gartenhausdachboden wohnten. Und ich fand es grandios. 
Und ich erinnere mich auch daran, dass ich meine Omi, wenn wir mal vor ihr im Garten waren, oft herbeigeguckt habe. Ich stellte mich dann ans Gartentor und freute mich, wenn ich sie auf ihrem Fahrrad am Ende des Weges um die Ecke biegen sah.

Zucchini- und Kürbispflanzen. Ganz am Anfang.


Bei den Kirschen ging es los.


Und ich legte die ersten Bohnen. Wie das geht, daran konnte ich mich gut erinnern. Im letzten Jahr noch hatte mir meine Omi das gezeigt.


Die Tomaten kamen ins Land. Im Mai. Vorgezüchtet von mir auf meiner Fensterbank.


Verdiente Pause. Obwohl wir zum Pause machen eigentlich kaum kommen. Wenn wir draußen sind. So ein Garten ist echt eine Menge Arbeit. Die Spaß macht. Aber trotzdem. Man, haben wir viel zu tun. Franzi, die für das Unkraut zuständig ist. Meine Mama, die sich um die Blumenbeete kümmert. Und ich. Die Obst- und Gemüsebeauftragte. Und meine Omi hat das alles alleine gemacht. Bis zu ihrem 80. Lebensjahr. Mir war gar nicht bewusst, was sie da alles zu tun hatte.


Die Kartoffeln. Schon mehr. Und größer.


Und die Erdbeerernte stand kurz vor der Tür. Ende Mai.


Und das Beet, das im März noch eine lange, kahle Strecke gewesen war, sah nun so aus. 


Während Franzi und ich in diesem Jahr so in den Obst- und Gemüsebeeten hockten, haben wir uns oft gefragt, wie unsere Omi das jetzt machen würde. Ob es einen besonderen Trick gäbe. Oder ob man etwas bestimmtes beachten müsse. Und dann kramten wir in unserem Gedächtnis. Und manchmal konnten wir uns erinnern. Andere Male mussten wir raten, was wohl am besten sein würde.
Ich finde, wir haben das bisher sehr gut gemacht. Das mit dem Kleingärtnern. Auch wenn alles nur halb so prächtig ist, wie es bei meiner Omi immer war. Und uns das Unkraut gerade buchstäblich über den Kopf wächst. Aber wir geben unser Bestes. Und haben schon eine ordentliche Ernte nach Hause getragen.

Unser Rhododendron. Der viele, viele Jahre alt ist. Meine Omi fand ihn besonders schön und hat sich die Blüten immer für die Vase mit nach Hause genommen. 


Und die allerersten Erdbeeren.


Meine Omi fand es immer schön, wenn Leben im Garten war. Und so hatte sie auch nie etwas dagegen, wenn ich mit meinen Freunden draußen war. Ich habe zwar pro forma immer um Erlaubnis gefragt, aber das sie ja sagte, war immer klar. Sie kannte alle meine Freunde. Katrin, Britta, Hanka und Steffi zum Beispiel. Einige sogar schon, seitdem wir Kinder waren. Und sie mochte sie alle sehr. "Du hast so nette Freunde", sagte sie dann immer. 

Es hätte meine Omi gefreut, dass wir Taminos 5. Geburtstag im Garten gefeiert haben. So wie die von Franzi immer. Als sie noch ein Kind war.


Und meine Omi fände es bestimmt witzig, dass Hanka, Britta und ich, allesamt begeisterte Nähneulinge, unsere Maschinen im Juni in den Garten geschleppt haben. Zum Open Air-Nähen.


Tamino hat immer viel zu tun im Garten. Aber wir brauchen auch wirklich jede Hand. 


Und hier ist sie nun. Die erste Ladung Erdbeeren.


Und Himbeeren. Obwohl man da natürlich nicht von einer Ladung sprechen kann.


Die Blumenkästen vom Balkon meiner Omi. Jetzt stehen sie im Garten. Wir haben sie mit Geranien bepflanzt. Die hatte sie auch immer.


Der frisch gemähte Rasen. Dann sieht unser Garten immer noch doppelt so schön aus. Meiner Omi hat das immer sehr gefallen.


Die Bohnen sind da.


Und bei den Tomaten tut sich auch etwas.


Die verschieden Stadien einer Brombeere.


Stachel- und Johannesbeeren.


Und wieder mal eine Pause. Maxina und ich lesen einen Krimi.


Minikürbis.


Autobahn.


Und die erste Bohne.


Eine Dahlienblüte. Wir haben drei Pflanzen davon. Die jedes Jahr zum Überwintern in den Keller müssen. Meine Omi hat sie über Jahre gehegt und gepflegt. In diesem Jahr sah es eine Weile so aus, als ob sie nach dem Wiedereinpflanzen nicht aufgehen würden. Aber irgendwann waren sie dann da. Zum Glück.


Nichts schmeckt besser als das, was man selbst angebaut und geerntet hat.


Und hier ein erstmaliger Versuch und promter Erfolg im Beet. Ein Broccoli.


Das waren sie, die Bilder aus unserem bisherigen Gartenjahr 2015. 

Im Juni diesen Jahres traf sich unsere ganze Familie im Garten. Irgendwann sagte Silke, mit Tränen in den Augen, dass sie "immer das Gefühl habe, dass Tante Inge gleich um die Ecke kommt". Mir geht es auch oft so. Im Garten. Und dann denke ich für eine Sekunde, meine Omi ist gerade im Haus, steht hinterm Schuppen oder kommt gleich mit dem Fahrrad in den Garten gefahren. Und dann fällt es mir wieder ein ...
Später, am Nachmittag desselben Tages, hielt eine langjährige Bekannte meiner Omi am Garten. Wir hatten uns zuletzt im Dezember auf der Beisetzung gesehen. Wir baten sie hinein, und als sie uns alle so sah, inklusive Valentin und Tamino, die durch den Garten sprangen, sagte sie, wie schön sie es findet, dass so ein Leben im Garten herrscht. Und sie sagte auch, wie gut das meiner Omi gefallen würde. Wie recht sie hat.

Vor einigen Wochen habe ich mit Hanka, Torsten und dem kleinen Till im Garten gegrillt. Hanka und Torsten fragten mich, wie es mir geht, mit dem Tod meiner Omi. Ich sagte, es gehe mir ganz ok. Und dann kamen mir die Tränen. 
Und so ist es tatsächlich. Es geht mir ganz ok. Und oft auch gut. Ich kann lachen. Ich habe Spaß. Ich freue mich, wenn ich mit meiner Familie oder meinen Freunden zusammen bin. Und vor allem, wenn ich Maxina knuddeln kann. Oder wenn Tamino irgendetwas lustiges raushaut. Ich höre laute Musik und singe mit. Ich finde mein neues Nähhobby ganz toll. Ich freue mich über den Sommer. Und das schöne Wetter. Ich bin gerne im Garten. Und bin begeistert über jede Erdbeere, Himbeere oder Kartoffel, die wir ernten. 
Und gleichzeitig bin ich unendlich traurig, dass meine Omi nicht mehr da ist. Und dass sie bei unseren Familientreffen fehlt. Dass sie das schöne Wetter und den Garten nicht mehr genießen kann. Dass sie Maxina nie kennenlernen durfte. Und dass ich sie nie mehr wiedersehen werde.
So ist das wohl, wenn die Trauer ein paar Monate alt ist. Man kann große Freude empfinden. Und gleichzeitig so traurig sein. Ein Glück, dass das so ist.