Montag, 24. August 2015

Den Tod kann man nicht reparieren

Irgendwann verlieren wir durch den Tod alle einen Menschen, ohne den wir eigentlich nie sein wollten. Und ohne den wir uns das Leben vorher kaum vorstellen konnten. Bis wir ihn verloren haben. Und zu diesem einen Menschen werden weitere Menschen hinzukommen. Denn so ist das im Leben. 


Wenn man Glück hat, vergehen viele Jahre, bis einem das zum ersten Mal passiert. Wenn der Tod dann aber da ist, und wenn ein Mensch, ohne den wir eigentlich nie sein wollten, gestorben ist, dann scheint die Permanenz des Todes beinahe unerträglich. So richtig verstehen und nachvollziehen, wie erdrückend und angsteinflößend diese Gewissheit ist, dass man denjenigen nie wiedersehen wird, kann man wohl erst verstehen, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird. Zumindest war das bei mir so.



Ich habe mich schon ein paar Mal dabei erwischt, wie ich, als ich mich mit dem Tod meiner Omi beschäftigte, unbewusst den Gedanken hatte, dass es schon irgendwann besser werden würde. Schließlich wird doch alles irgendwann wieder besser. Und für alles gibt es doch irgendwie eine Lösung. Denn die meisten Dinge im Leben, die einem nicht gefallen, die einen stören und die man nicht haben möchte, die lassen sich ändern. Man kann Dinge sein lassen. Man kann sie besser machen. Man kann sie vermeiden. Man kann irgendwie eine Lösung finden.

Und dann fiel mir im selben Moment ein, dass es mit dem Tod nicht besser werden kann. Wenn jemand gestorben ist, dann ist dieser Mensch weg. Für immer. Das mit dem Tod, das wird nicht besser. Und es gibt auch keine Lösung. Man kann den Tod nicht reparieren. Sondern der Tod ist endgütlig. Und für immer.


Auch die Trauer wird nicht weggehen, sondern bleiben. Man wird immer traurig sein. Mal mehr, mal weniger. Aber es wird nie ganz weggehen. Dieses Gefühl, dass da jemand fehlt, den man so gerne wiederhätte. Aber auch, wenn die Trauer nie enden wird, so wird es doch besser und leichter. Man lernt, damit zu leben. Und findet irgendwie ein neues "normal".



Irgendwie misst man die Zeit in vorher und nacher. In die Zeit vor dem Verlust. Und die Zeit danach. Meine Omi ist jetzt seit über 9 Monaten tot. Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Und keine Stunde, in der ich sie nicht vermisse und in der ich mir nicht wünsche, dass sie noch da wäre. In den ersten Stunden, Tagen und Wochen nach ihrem Tod konnte ich mir nur schwer vorstellen, wieder fröhlich zu sein, zu lachen und mich auf Sachen zu freuen. Die Welt da draußen drehte sich einfach so weiter, obwohl meine eigene Welt stehen geblieben war. 


Und ich dachte auch, es würde sehr lange dauern, bis meine eigene Welt wieder anfangen würde, sich zu drehen. Aber das war nicht so. Denn das Leben geht weiter, mit und für die Menschen, die einem ebenso wichtig sind und die immer noch da sind. 
Und so kann man gar nicht so lange im dunklen, tiefen Tal bleiben, wenn man zum Beispiel Tamino sieht, der die lustigsten Sachen raushaut. Der so wunderbar in eine Fantasiewelt abtauchen kann und ewig lange Feuerwehrautos, Polizeiwagen und Eisenbahnzüge hin- und herschiebt und mit Sirenengeräuschen vertont. Der der liebste große Bruder ist und es mit einer überraschenden Geduld erträgt, wenn seine sieben Monate alte, kleine Schwester ihn kneift, an den Haaren zieht oder, seit neuestem, in seine Spielzeugaufbauten hineinkrabbelt. Und der einen ganz lieb anschaut, wenn man traurig ist, und fragt, was los ist.



Und man kann auch nicht so lange im dunklen, tiefen Tal bleiben, wenn man Maxina sieht, die zu keiner besseren Zeit auf die Welt hätte kommen können. Die die tollsten kleinen Knopfaugen hat, mit denen sie jeden und alles ganz aufmerksam beobachtet. Die so niedlich aussieht, wenn sie lacht. Und auch, wenn sie nicht lacht. Und die meine kleine Sonne ist.



Und wegen dieser zwei kleinen Menschen und aus vielen, vielen, vielen anderen Gründen mehr werden die schlechten Tage weniger und die guten Tage mehr. Es dauert. Es ist ein Prozess. Und manchmal gibt es Rückschläge. Aber es wird besser. Traurig bin ich immer noch. Jeden Tag. An manchen Tagen weniger. An manchen Tagen sehr viel mehr.



Meine Omi wird mir immer fehlen. Und ich werde oft denken, wie schön es wäre, wenn ich ihr etwas erzählen könnte. Wenn ich sie sehen könnte. Wenn ich sie drücken könnte. Wenn ich ihre Stimme hören könnte.



Aber auch, wenn sie nicht mehr hier ist, wird sie immer bei mir sein. So auch am Wochenende, als ich wandern war. Im Elbsandsteingebirge. In dem meine Omi in jungen Jahren auch oft war.




Glück und Traurigkeit liegen so oft zusammen im Leben. So zum Beispiel, wenn man jemanden vermisst, den man verloren hat. Und wenn man dabei gleichzeitig von so viel schönem, von so viel Licht umgeben ist. Und so sieht es jetzt aus, mein neues "normal".

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