Heute vor einem Jahr ist meine Omi gestorben. Am 16. November 2014. Um 17:45Uhr. Franzi und ich saßen an ihrem Bett. Als sie ihren letzten Atemzug tat.
Ein ganzes Jahr ist nun vergangen. 12 Monate. 52 Wochen. Seit jenem Tag im November, als meine Welt stehen blieb. Nachdem sie sich in den Tagen zuvor schon immer langsamer gedreht hatte. Als wir erfuhren, dass meine Omi sterben würde. In absehbarer Zeit. Was uns wie ein Schlag traf. Auch wenn sie so schwer krank war. Mit diesem Ende, so schnell und unerwartet, innerhalb weniger Tage, haben wir trotzdem nicht gerechnet.
Ich kann mich noch an vieles aus den letzten Tagen mit meiner Omi sehr gut erinnern. Und auch an den Moment ihres Todes. So, als wäre es erst letzten Monat passiert. Oder letzte Woche. Und gleichzeitig ist ein Jahr eine so lange Zeit, wenn ein Mensch, der immer Teil des eigenen Lebens war, schon 12 Monate lang nicht mehr da ist.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich an den Tagen vor ihrem Tod an ihrem Bett saß. Stunde um Stunde. Und nachts in dem Krankenhausbett lag, das mir die Schwestern in ihr Zimmer gestellt hatten. So dass immer jemand bei ihr sein konnte. Und wie ich alle paar Stunden wach wurde, wenn ich denn überhaupt schlief, weil die Zimmertür aufging und meine Omi mit Morphium und Flüssigkeit versorgt wurde. Und wie bei mir langsam die schreckliche Wahrheit ankam, dass meine Omi ihr Krankenhausbett nicht mehr lebend verlassen würde. Und dass ich wiederum in absehbarer Zeit aus dem Krankenhaus nach Hause fahren würde, nachdem ich mich zuvor für immer von meiner Omi verabschiedet haben würde.
Und ich kann mich noch genau an den gedanklichen Zwiespalt erinnern, in dem ich steckte. Ich wusste genau, sie wird sterben. In den nächsten Stunden oder Tagen. So genau ließ sich das nicht sagen. Und gleichzeitig hoffte ich in meinem tiefsten Inneren, dass das doch nicht passieren würde. Und das der nächste Tag ein besserer werden würde. Obwohl ich genau wusste, wie irrational diese Hoffnung war. Und das sie sich nicht erfüllen würde.
Ich weiß auch noch, dass ich immer, wenn meine Omi neues Morphium bekam, innerlich dachte, dass sie ihr hoffentlich nicht zu viel davon geben, so dass sie noch schneller sterben würde. Das war ein egoistischer Gedanke, denn meine Omi war an ihren letzten 5 Lebenstagen gar nicht mehr bei Bewusstsein. Sie hatte nichts mehr davon, noch ein paar Stunden oder Tage länger zu leben. Und ich wollte natürlich auch nicht, dass sie Schmerzen hat. Aber ich wollte auch einfach nicht, dass sie uns verlässt.
Ein Jahr nach ihrem Tod ist die Trauer immer da. Natürlich. Wie könnte sie auch vorbei sein. Wenn einem ein Mensch fehlt, der so wichtig war und so großen Anteil an unseren Leben hatte.
Jeder, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, wird das nachvollziehen können. Und verstehen.
Aber die Trauer hat sich verändert. Auch das ist klar. Denn man muss sich ja irgendwie daran gewöhnen, dass jemand fehlt. Ich denke nicht mehr jede Minute an meine Omi. So wie am Anfang. Aber ich denke jeden Tag an sie. Und ich bin auch jeden Tag sehr traurig, dass sie nicht mehr da ist. Aber die Trauer überschattet nicht mehr alles. Sie ist immer da. Und sie wird auch für immer bleiben. Aber sie ist anders geworden.
Die Trauer hört niemals auf.
Sie wird Teil unseres Lebens.
Sie verändert sich.
Und wir verändern uns mit ihr.
Heute morgen war ich auf dem Friedhof. Ich habe meiner Omi rote Rosen gebracht. Und eine Amaryllis. Die hat sie immer sehr gerne gehabt.
Auf dem Friedhof habe ich eine langjährige Bekannte meiner Omi getroffen. Sie kam gerade ans Grab, als ich gehen wollte. Wir haben uns ein bisschen unterhalten. Sie fing an zu weinen. Ich habe direkt mit eingestimmt. Die Bekannte meiner Omi hat mir erzählt, wie sehr ihr meine Omi fehlt. Und dass sie ein Foto von ihr aufgestellt hat. Und die Trauer- und die Dankeskarte. Und dass sie oft mit meiner Omi spricht. Und dass sie ihr heute auch einen Brief geschrieben hat. Dann sagte sie, dass das vielleicht auch albern ist, aber ...
Ich finde das gar nicht albern. Zwar spreche ich nicht mit meiner Omi. Und ich schreibe ihr auch nicht. Aber das liegt daran, dass ich nicht daran glaube, dass meine Omi mich hören kann. Oder lesen, was ich ihr schreibe. Aber jeder trauert anders. Und dabei gibt es kein richtig oder falsch. Und der Bekannten meiner Omi hilft es, mit ihr zu sprechen. Und ihr zu schreiben. Albern ist das nicht. Sondern genau richtig.
Ich habe die Zeilen gelesen, die die Bekanntin meiner Omi an sie gerichtet hat. Und ich habe mich sehr darüber gefreut. Es ist schön zu hören, dass auch andere meine Omi vermissen. Und dass sie ihnen fehlt. Und sie sie nicht vergessen haben.
Es ist das schwerste im Leben, für immer Abschied zu nehmen. Das hab ich erfahren. Am 16. November 2014. Als meine Welt stehen blieb.
Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
von vielen Blättern eines.Dies eine Blatt,
man merkt es kaum,
denn eines ist ja keines.
Doch dieses eine Blatt allein war Teil von unsrem Leben,
drum wird dies eine Blatt allein uns immer wieder fehlen.



































































