Mittwoch, 16. November 2016

Zwei Jahre

Heute vor zwei Jahren habe ich mit meiner Schwester neben unserer Omi gesessen und ihre Hand gehalten, als sie starb. Heute vor zwei Jahren habe ich meine Mama angerufen und ihr gesagt, dass ihre Mama gerade gestorben ist. Heute vor zwei Jahren habe ich meine Großtante angerufen und ihr gesagt, dass ihre Schwester gerade gestorben ist. Heute vor zwei Jahren habe ich meine Omi das letzte Mal gesehen. Heute vor zwei Jahren musste ich sie in dem Krankenhauszimmer zurücklassen, in dem sie ein paar Stunden zuvor gestorben war. Heute vor zwei Jahren haben wir die Tür dieses Zimmers hinter uns zugezogen - wissend, dass wir sie niemals wiedersehen würden. Was noch schlimmer war, als der eigentliche und sehr friedliche Moment des Sterbens.

Seit zwei Jahren denke ich jeden Tag an meine Omi. Seit zwei Jahren bin ich jeden Tag traurig darüber, dass sie nicht mehr da ist. Seit zwei Jahren habe ich meinen Anrufbeantworter nicht mehr abgehört. Weil ich nicht aus Versehen eine der Nachrichten abhören will, die mir meine Omi darauf hinterlassen hat. Seit zwei Jahren habe ich ihre Stimme nicht mehr gehört. Seit zwei Jahren habe ich mir kein einziges Familienvideo angeguckt, in dem meine Omi zu sehen sein könnte. Eines Tages mache ich das bestimmt wieder mal. Aber jetzt noch nicht. Seit zwei Jahren denke ich daran, was meine Omi alles für mich getan hat. Was sie mir alles ermöglicht hat. Was ich alles von ihr gelernt habe.

Trauer soll ein Prozess sein. Habe ich mal irgendwo gelesen. Allerdings hat ein Prozess auch irgendwann ein Ende. Es gibt ein Ergebnis. Man schließt mit dem Prozess ab. Ich finde allerdings nicht, dass man es als Prozess bezeichnen kann, wenn man trauert. Man ist nicht irgendwann weniger traurig, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Und man ist schon gar nicht überhaupt nicht mehr traurig, wenn ein Mensch gestorben ist. Es wird nur anders. Die Trauer bestimmt nicht mehr jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. So wie am Anfang. Sie beeinträchtigt einen nicht mehr so, wie in den ersten Wochen und Monaten. Aber die Traurigkeit, wenn man an die verstorbene Person denkt, die ist immer da. Und die wird immer bleiben.  Aber was auch immer bleiben wird, ist die Erinnerung und die Dankbarkeit.

Eine liebe Freundin, die meine Omi kannte, schrieb mir heute: "Wie kann deine liebe Omi auch nicht fehlen ... Aber vielleicht erinnerst du dich vor allem auch an all die schönen gemeinsamen Erlebnisse."
Mit ihren Worten hat sie es genau auf den Punkt getroffen. Hätte ich nicht so eine tolle Omi gehabt, wäre ich nicht so traurig, dass sie nicht mehr da ist. Und ich bin froh über die vielen schönen Erinnerungen, die ich mir ins Gedächtnis rufen kann, wann immer ich möchte. 

Zu einer dieser vielen schönen Erinnerungen passt eines meiner Lieblingsfotos aus dem letzten Lebensjahr meiner Omi. Ich habe es rund drei Wochen vor ihrem Tod aufgenommen. Meine Schwester, Tamino und meine Omi waren bei mir in Braunschweig zu Besuch. Ein paar Tage später kam der Rest meiner Familie nach. Und wir haben meinen Geburtstag im Harz gefeiert. Schwimmen war immer eines der großen Hobbies meiner Omi. Sie war jahrelang wöchentlich schwimmen. Aber in ihrem letzten Jahr, als sie so krank wurde, ging das nicht mehr. Aber einmal konnten wir noch mit ihr ins Wasser. Da war sie wieder ganz in ihrem Element. 



"Wenn ihr mich sucht,
sucht mich in euren Herzen.
Habe ich dort eine Bleibe gefunden,
werde ich immer bei euch sein."
(Rainer Maria Rilke)

Montag, 15. August 2016

Ich wünschte mir ...

Ich wünschte mir,
meine Omi würde
noch einmal bei
mir anrufen und sagen:
"Hallo meine Große,
hier ist Deine liebe Omi."

Ich wünschte mir,
ich könnte noch einmal
bei ihr anrufen und
ihre Freude darüber hören,
dass ich es bin.

Ich wünschte mir,
sie würde mir
noch einmal mein
Lieblingsessen,
Eierkuchen mit Kartoffelbrei,
kochen.

Ich wünschte mir,
ich könnte noch einmal
an ihrer Haustür klingeln.
Und sie würde auf
mein "Ich bins" antworten:
"Jaaa, ich mach auf!"

Ich wünschte mir,
ich könnte noch einmal
mit ihr in
den Garten fahren.
Und ihr dann,
wie immer,
zuallererst ihren Lieblingsstuhl
aus dem Schuppen holen
und aufstellen.

Ich wünschte mir,
ich könnte sie noch
einmal mit dem Auto
von zu Hause abholen
und irgendwo hinfahren.

Ich wünschte mir,
sie würde noch einmal
auf dem Fahrrad um
die Ecke in unseren
Gartenweg einbiegen.

Ich wünschte mir,
sie würde mir noch einmal
am Telefon ihre
Einkaufsliste durchgeben
und sagen:
"Weißt Du,
worauf ich mal
wieder so richtig Appetit hätte ..."

Ich wünschte mir,
sie würde mich noch
einmal bedauern und
'Gute Besserungstipps' parat haben,
auch wenn ich doch
eigentlich nur einen
kleinen Schnupfen habe.

Ich wünschte mir,
ich würde noch einmal
nach Hause kommen und
eine Nachricht von ihr
auf meinem AB haben,
die immer so losging:
"Hallo Nadine!?
Ich bins, Deine liebe Omiiii!
Bist Du nicht da?
Nadinchen??? Wo bist Du denn???
Bist Du wirklich nicht da?
Nadine???"

Ich wünschte mir,
sie würde mich noch
einmal fragen,
wann ich wieder
mal nach Berlin komme.

Ich wünschte mir,
sie würde mir noch
einmal im Winter
einen Obstsalat machen.
Alles ganz kleingeschnippelt.
Mit Walnüssen aus dem
Garten oben drauf.

Ich wünschte mir,
ich würde noch
einmal hören,
wie sie etwas entzückend
oder herrlich findet.

Ich wünschte mir,
sie würde mich noch
einmal fragen,
ob ich diesen oder jenen
Schauspieler oder Moderator
kennen würde,
den sie gerade im Fernsehen
gesehen hat.
Um sich die Frage dann
selbst mit 'nein'
zu beantworten,
weil das alles noch
vor meiner Zeit
gewesen sei.

Ich wünschte mir,
ich könnte noch einmal
mit ihr schimpfen.
Wenn sie beim Aussteigen
aus dem Auto einfach
die Tür aufmacht,
ohne zu gucken.
Und dann sagen würde,
dass die anderen auf der
Straße sie doch auch
sehen könnten.

Ich wünschte mir,
sie würde einmal nur
Maxina kennenlernen.
Sie würde so viel
Spaß an ihr haben.

Ich wünschte mir,
ich würde noch einmal
eine handgeschriebene
Karte von ihr bekommen.
Die sie mitten im
Text mit kleinen
Sternchen versehen hat,
um dann weiter unten
noch eine
'Fußnote' einzufügen.

Ich wünschte mir,
ich könnte noch einmal
in ihre Straße einbiegen und
sie würde am Fenster stehen
und dann sagen:
'Ich hab Dich schon herbeigeguckt!'

Heute ist ihr  
83. Geburtstag.
Ich wünschte,
wir könnten noch
einmal mit ihr
zusammen feiern.



Meine Omi. Beim Geschenke auspacken. An ihrem 77. Geburtstag.