Samstag, 29. November 2014

Am Telefon

Heuten waren Franzi und ich noch einmal im Garten. Wir mussten noch einiges erledigen, vor dem Winter. Wir haben Blätter als Frostschutz über den Erdbeeren verteilt. Die Regentonnen geleert. Das Haus aufgeräumt. Die Dahlien ausgegraben, weil sie sonst den Winter nicht überstehen würden. Die Wasserpumpe abgedeckt.

Normalerweise hätte ich meine Omi dann am Nachmittag angerufen. Und ihr erzählt, dass wir alles Nötige erledigt haben. Um den Garten gut über den Winter zu bringen. Dass es jetzt losgehen kann, mit ordentlichem Frost. Und vielleicht auch Schnee. Sie hätte sich gefreut, das zu hören.

Aber ich kann sie nie wieder anrufen. Wenn ich ihre Nummer wähle, wird sie nie wieder abnehmen. Und mich mit "Hallo Nadinchen" begrüßen. 

Ich habe fast jeden Tag mit meiner Omi telefoniert. Manchmal nur kurz, oft auch länger. Meistens habe ich sie angerufen. Wenn ich dann mal zu ihr sagte, Du kannst mich ja auch mal anrufen, dann meinte sie immer, sie wisse ja nicht, ob sie mich dann auch kriegen würde. Dass ich einen Anrufbeantworter habe, das zählte nicht. Aber ein paar Nachrichten von ihr habe ich trotzdem auf meinem AB. Sie sagte anfangs immer: "Hallo Nadinchen, Omi hier. Bist Du nicht da? Nadinchen? Wo bist Du denn?" Neulich war ich versucht, den AB anzuschalten und mir die alten Nachrichten von meiner Omi anzuhören. Um nochmal ihre Stimme zu hören. Aber dann konnte ich nicht. 

Ich habe meine Omi so oft angerufen, weil ich mir eigentlich schon immer Sorgen um sie gemacht habe. Ich dachte, es könnten so viele Sachen passieren, wenn man alleine lebt und Bluthochdruck und Diabetes hat. So wie meine Omi. Einmal täglich nachzufragen, ob alles in Ordnung ist, könne nicht schaden, dachte ich mir. Erfreulicherweise war immer alles ok.

Ich habe meine Omi aber auch so oft angerufen, weil sie sich darüber immer freute. Und weil ich gerne mit ihr telefonierte.
Nur die Telefonate zu beenden, dauerte manchmal ein wenig länger. Meine Omi sagte mindestens dreimal "Tschüß, vielen Dank für Deinen Anruf!" Zwischen den Verabschiedungen fiel ihr dann immer noch etwas ein, was sie noch sagen oder fragen wollte.

Irgendwann wird ihre Telefonnummer an jemand anderen vergeben werden. Das wird wahrscheinlich schneller gehen, als ich mich dazu überwinden kann, ihre Nummer aus meinen Kontakten im Telefon zu löschen. 

Meine Omi im Garten meiner Eltern. Ende Juli.


"Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen.
Habe ich dort eine Bleibe gefunden, werde ich immer bei euch sein."
(Rainer Maria Rilke)

Eine Bleibe in meinem Herzen hat meine Omi. Aber ich weiß nicht, ob mir das reicht. Obwohl es das jetzt muss.

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