Heute vor einer Woche ist meine Omi gestorben. Am Sonntag. Gegen viertel vor sechs. Abends. So genau weiß ich das nicht. Der Todeszeitpunkt wird sicherlich auf der Sterbeurkunde stehen. Die wir noch nicht haben.
Am Samstag vor einer Woche waren wir noch einmal alle bei ihr. Nachdem ich die Nacht im Krankenhaus verbracht hatte, kam am Morgen meine Mama. Sie hatte mir Kaffee und Brötchen mitgebracht. Aber ich hatte weder Hunger noch Durst. Das Frühstück, das die Schwestern mir angeboten haben, hatte ich auch schon dankend abgelehnt. Wir saßen wieder die ganze Zeit an ihrem Bett. Beruhigten sie, wenn sie die Arme hochnahm. Hielten ihre Hand. Und guckten sie einfach nur an.
Zwischendurch kam immer mal wieder eine Schwester rein. Brachte Infusionen. Kümmerte sich um die künstliche Ernährung. Meine Omi bekam bis zum letzten Tag zwei verschiedene Antibiotika. Und ein antivirales Medikament bis Freitag. Flüssigkeitsinfusionen. Und Trinknahrung. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich kurz dachte, das macht man doch nicht bei jemandem, der im Sterben liegt. Wozu noch Antibiotika, wenn man eh nicht mehr helfen kann. Und dann sagte ich mir aber auch immer gleich wieder, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Dass die Ärzte eben dazu verpflichtet sind, dem Patienten alles zu geben, was medizinisch notwendig ist. Auch wenn es überhaupt keine Möglichkeit mehr zur Besserung gibt. Und dann wurde ich jedes Mal noch ein bisschen trauriger.
An diesem Samstag war ich sauer auf die anderen Patienten auf der Schlaganfallstation, auf der meine Omi lag. Ohne einen Schlaganfall gehabt zu haben. Das ist auch ein bisschen absurd. Da lagen Menschen mit Magensonde, Beatmungsschlauch, angeschlossen an Monitore zur Herzfrequenzmessung, bewegungslos, nicht ansprechbar. Und trotzdem dachte ich, die haben es besser als meine Omi. Denn sie haben wenigstens noch eine Chance. Obwohl ich das ja gar nicht wusste. Richtig neidisch war ich auch auf diejenigen, die in ihren Betten saßen, vielleicht sogar über den Flur liefen. Warum ging es denen so gut? Und meiner Omi nicht. Auch das waren komische Gedanken. Denn gut ging es denen ja nicht wirklich.
Und dann erinnerte ich mich an den März diesen Jahres. Als es meine Omi war, die sich wieder aufgerappelt hatte. Als sie es war, die im Bett sitzen konnte, über den Flur lief und schließlich entlassen wurde. Während andere Menschen, die mit ihr auf der Onkologie lagen, diese vielleicht nicht mehr lebend verlassen haben. Ich erinnerte mich an die geschenkten Monate. Ein winzig kleiner Trost.
Samstagmittag kam meine Tante Lilo. Um am Bett ihrer großen Schwester zu sitzen. Ich fuhr mit meiner Mama nach Müggelheim. Um kurz zu duschen. Und frische Sachen zu holen. Danach fuhr ich wieder ins Krankenhaus. Mit Franzi. Meine Tante ging irgendwann. Silke kam am frühen Abend. Franzi und sie saßen rechts und links von meiner Omi. Und hielten ihre Hände. Meine Omi war sehr unruhig. Öffnete immer wieder die Augen. Auch wenn wir nicht sicher waren, ob sie das noch bewusst machte. Wahrscheinlich nicht. Und sie gab Geräusche von sich. Aber leider keine Worte. Wir wussten nicht, was sie hat. Hoffentlich keine Schmerzen. Sie bekam Morphium. Schon einige Tage lang. Hoffentlich hat das gewirkt. Ich versuchte, ein wenig zu schlafen. Solange die beiden noch da waren.
Als Franzi und Silke am Abend gingen, setzte ich mich wieder neben meine Omi. Und hielt ihre Hand. Wärend der Chemo hatte sie immer kalte, taube Finger. Hier im Krankenhaus hatte sie immer so warme Hände. Nach einer Weile bäumte sie sich mehrfach auf. Und versuchte sogar, sich hinzusetzen. Schließlich drückte sie sich quer ins Bett. Auf der einen Seite presste sie ihren Kopf gegen die Bettumrandung. Auf der anderen Seite drückte sie die Beine durch. Ich hielt ihren Kopf fest, damit sie sich nicht weh tat. Redete auf sie ein. Und klingelte nach der Schwester.
Leider kam dann ein sehr unfreundliches, grobes Exemplar ins Zimmer. Sie brachte meine Omi recht lieblos wieder in eine Liegeposition. Ich bat um Beruhigungsmittel. Sie ging wortlos hinaus. Und kam zehn Minuten später mit einer Morphiumspritze wieder zurück. Die sie meiner Omi undgeduldig ins Bein spritze. Überall gibt es schwarze Schafe, auch in so einem sensiblem Bereich, in dem man mit Tod konfrontiert ist.
Nach dieser Spritze wurde meine Omi langsam ruhiger. Wenn sie doch die Augen aufmachte, drückte ich ihre Hand und sagte: "Omi, ich bin da. Alles ist gut. Schlaf ruhig weiter." Und gleichzeitig fand ich es eigenartig, mich das sagen zu hören. Denn nichts war gut. An diesem Samstag vor einer Woche. Einen Tag, bevor meine Omi starb.
Die Nacht verbrachte ich wieder im Krankenhausbett. Diesmal schlief ich etwas besser. Meine Omi auch. Sie war sehr ruhig. Immer, wenn die Schwestern nachts ins Zimmer kamen und dann wieder gingen, stand ich auf. Und ging ans Bett meiner Omi. Und streichelte ihr Gesicht. Bevor ich mich wieder hinlegte.
Meine Omi. Bei der Gartenarbeit. Im Mai 2014. Wir haben ein Stück Beet weggenommen. Und Rasen gesät. Damit es einfacher wird im Garten.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen