Am frühen Donnerstagmorgen hatte meine Mama mit dem Onkologen telefoniert. Er riet uns ab. Von der in Aussicht gestellten Therapie gegen die Krebszellen im Hirnwasser meiner Omi. Es sei nur schwer vorhersehbar, ob diese überhaupt erfolgreich sein würde. Und ob meine Omi jemals wieder wirklich zu Bewusstsein kommen würde. Statistiken dazu gäbe es nicht. Und sollte die Therapie tatsächlich anschlagen, dann würde sie nur für einige wenige Wochen Besserung bringen.
Das war nicht viel. Das war fast nichts. Aber doch war es etwas. Und die einzige Chance, die meine Omi noch hatte.
Als wir im Krankenhaus ankamen, meine Mama, Franzi und ich, war meine Omi gerade beim EEG. Und beim MRT. Wir warteten über zwei Stunden auf sie. Und ich stellte immer wieder die Frage, wie wir uns nun entscheiden wollen. Ich war für die Therapie. Auch wenn sie beinahe aussichtslos war. Sie war das letzte bisschen Hoffnung, das ich hatte. Meine Mama und Franzi waren unschlüssig. Sie wollten nicht, dass meine Omi sich noch länger quälen muss. Dass noch mehr Nadeln in sie hineingehen. Dass sie noch mehr Untersuchungen über sich ergehen lassen muss. Und Schmerzen hat. Die am Ende wahrscheinlich umsonst sein würden. Ich wollte das alles auch nicht. Ich wollte sie auch nicht weiter quälen. Ich wollte doch nur, dass sie noch ein bisschen bei uns bleibt. Auch wenn nur für wenige Wochen. Wenige Wochen klangen in dem Moment gut. Im Gegensatz zu wenigen Tagen. Irgendwann ging meine Mama auf die Suche nach meiner Omi. Zusammen mit einer hilfsbereiten Schwester. Sie lag im Keller des Krankenhauses. Das MRT war gemacht worden. Danach hatte sie keiner abgeholt. Ein Kommunikationsfehler. Meine Mama und die Krankenschwester brachten sie wieder auf die Station.
Wir saßen an ihrem Bett. Sie war zwischendurch kurz wach. Und fragte: "Wie kommt es, dass Ihr da seid?" Später sagten wir zu ihr: "Wir sind alle bei Dir. Simone. Nadine. Und Franzi." "Schön" antwortete sie. Einmal sagte sie noch: "Meine Nase juckt." Da mussten wir ein bisschen lachen. Zwischen dem Weinen. Das ist der letzte Satz, den meine Omi jemals zu uns gesagt hat.
Irgendwann bat uns die Ärztin zum Gespräch. Sie nahm uns die Entscheidung ab, mit der wir in den Stunden zuvor gerungen hatten. Das MRT hatte gezeigt, dass meine Omi viele kleine Metastasen im Hirn hatte. Man könne nichts mehr tun. Auch die vorgeschlagene Therapie wäre damit noch weniger sinnvoll, als wahrscheinlich sowieso schon. Warum diese vielen kleinen Metastasen im CT einige Tage zuvor nicht zu erkennen gewesen waren, verstehe ich immer noch nicht.
Nun mussten wir überlegen, ob wir meine Omi mit nach Hause nehmen. Oder ob sie in ein Hospiz geht. Auf jeden Fall bliebe ihr nicht mehr viel Zeit. Das sagte uns die Ärztin. Wir entschieden uns sofort dazu, sie mit nach Hause zu nehmen. Zu meinen Eltern. Und uns dort in ihren letzten Tagen und Stunden um sie zu kümmern.
Den Rest des Tages verbrachten wir an ihrem Bett. Und hielten ihre Hände. Und sagten ihr, dass wir bei ihr seien. Und meine Mama sagte ihr auch, dass wir sie nach Hause holen. Meine Omi hatte dabei die Augen auf und guckte meine Mama direkt an. Ich hoffe, sie fühlte sich sicher, als sie das hörte. Am frühen Abend gingen Franzi und meine Mama. Meine Omi wurde in ein Einzelzimmer verlegt. Mit einem Bett für uns drin. Sie können rund um die Uhr hier sein, sagte eine Schwester zu mir. Die Bedeutung dessen drang erst am nächsten Tag zu mir durch. Ich blieb noch bis halb zehn abends. Wach wurde meine Omi in der ganzen Zeit nicht mehr.
Das letzte Bild von meiner Omi und mir. Aufgenommen am 3. November 2014. Von Franzi. In unserem Garten. Ich bin zufrieden mit meinem Blumenkohl. Und meine Omi ist zufrieden mit mir. Sie war stolz auf Franzi und mich. Darauf, was wir für Menschen geworden sind. Und was wir aus unserem Leben gemacht haben.
Das letzte Bild von meiner Omi und mir. Aufgenommen am 3. November 2014. Von Franzi. In unserem Garten. Ich bin zufrieden mit meinem Blumenkohl. Und meine Omi ist zufrieden mit mir. Sie war stolz auf Franzi und mich. Darauf, was wir für Menschen geworden sind. Und was wir aus unserem Leben gemacht haben.
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