Samstag, 22. November 2014

Freitag

Freitag morgen machten meine Mama und ich uns wieder auf den Weg ins Krankenhaus. Nach der niederschmetternden Nachricht am Tag zuvor war jegliche Hoffnung dahin. Es gab nichts mehr zu tun. Nichts mehr zu entscheiden. 
Aber wir konnten bei meiner Omi sein. Und hoffen, dass sie merkt, dass sie nicht alleine ist. Dass wir da sind. Neben ihr sitzen. Ihre Hand halten. Ihre Wangen streicheln. Und hoffen, dass sie keine Schmerzen hat. Und sich nicht quält.

Und auch, wenn ich genau wusste, dass meine Omi nur noch Tage zu leben hatte, war ich jedes Mal aufs neue voller Angst, wenn die Ärztin ins Zimmer kam. Gleichzeitig fragte ich mich, wovor ich denn Angst hatte? Vor noch mehr fürchterlicher Wahrheit? Dabei konnte man uns schlimmeres doch gar nicht mehr mitteilen. 

So saßen wir viele Stunden am Bett meiner Omi. Sie machte ein paar mal die Augen auf. Nahm die Arme hoch. Und versuchte auch, etwas zu sagen. Aber wir konnten es leider nicht verstehen. Wir konnten sie nur beruhigen. Ihre Hände festhalten. Mit ihr sprechen. Irgendwann einmal, als sie die Augen aufhatte und ich sie anschaute und weinen musste, nahm sie wieder ihre Arme nach oben. Und umarmte mich. So kam es uns auf jeden Fall vor. Das letzte Mal in meinem Leben, dass meine Omi mich gedrückt hat. Vielleicht wollte sie mich trösten. Diese Vorstellung finde ich schön.

Meine Mama verabschiedete sich irgendwann. Sie wollte zu Hause ein Zimmer einrichten. Für Dienstag. Den Tag, an dem wir meine Omi zu uns nach Hause holen wollten.

Ich blieb an ihrem Bett sitzen. Irgendwann kamen zwei Schwestern hinein. Sie wollten sie drehen. Ich sollte kurz rausgehen. Meine Omi machte die Augen auf und griff mit ihrer Hand fest nach meiner. Und wieder versuchte sie, etwas zu sagen. Mehrfach. Und ich verstand es nicht. Leider. Ich sagte ihr das. Und auch, dass ich nur kurz rausgehen würde und gleich wieder bei ihr sei. Als ich nach ein paar Minuten zurück ins Zimmer kam, hatte sie die Augen geschlossen und schlief.

Bis zum späten Abend lauschte ich ihren Atemzügen. Bis mir auffiel, dass ihre Atmung zwischendurch immer wieder aussetzte. Ich klingelte um Hilfe. Ich wollte, dass irgendjemand etwas tut. Man wüsste eben nicht genau, wann meine Omi einschlafen würde, sagte die Schwester. Es kann sein, dass dies bald passiert. Ja ich weiß, höre ich mich noch sagen. Aber schon diese Nacht? Die Schwester zuckte mit den Schultern. 
Eigentlich hatte ich mich bald auf den Weg machen wollen, nach Hause. Entschied mich dann aber, das extra Bett zu nutzen, das für uns bereit gestellt worden war. Ich hatte zwar riesige Angst vor dem Moment, an dem meine Omi aufhören würde zu atmen, aber ich wollte auf keinen Fall, dass sie dabei alleine ist. Ich hielt noch eine Weile ihre Hand und beobachtete ihre Atmung. Die normalisierte sich wieder. Wurde regelmäßiger.

Irgendwann wünschte ich meiner Omi eine gute Nacht. Drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Und legte mich in das Krankenhausbett. Ein paar Mal in der Nacht stand ich noch auf. Und schaute nach ihr. Schlaf fand ich so gut wie keinen.  

Meine Omi. Tamino. Und Franzi. Fotografiert von mir. Am 23. Oktober 2014. Als sie bei mir in Braunschweig zu Besuch waren. Bis zu ihrer Erkrankung Anfang des Jahres war meine Omi immer eine große Schwimmerin gewesen. Und bei der Wassergymnastik war sie regelmäßig. Ich glaube, mit diesem Schwimmausflug haben wir ihr noch einmal eine große Freude gemacht.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen