Meine Omi ist am Sonntag gestorben. Am frühen Abend.
Am Nachmittag waren meine Mama, Franzi und ich bei ihr. Irgendwann ging meine Mama. Sie wollte noch in die Wohnung meiner Omi. Einige Dinge holen, die wir brauchen würden. Denn wir wollten meine Omi am Dienstag nach Hause holen. Zu meinen Eltern. Um sie dort zu pflegen. Damit sie nicht im Krankenhaus sterben würde. Wir hatten bereits alles dafür in die Wege geleitet. Und warteten nur noch auf die Lieferung des Pflegebettes.
Nachdem meine Mama gegangen war, kamen zwei Krankenschwestern ins Zimmer. Um unsere Omi zu drehen. Weil sie sich selbst kaum noch bewegte. Franzi und ich warteten draußen vor der Tür. Ich googelte nach palliativer Behandlung in den letzten Lebenstagen. Und landete zufällig auf einer Seite, die beschrieb, wie die letzten Stunden und Minuten in der Sterbephase eines Menschens verlaufen. Ein paar Sachen merkte ich mir. Kalter Schweiß auf der Stirn. Gräuliche Färbung des Gesichtes. Blaufärbung der Fingernägel auf Grund des Sauerstoffmangels im Blut. Als die Schwestern fertig waren, setzten wir uns wieder an ihr Bett. Franzi rechts von ihrem Kopf. Ich links. So saßen wir eine Weile. Ich weiß nicht mehr wie lange. Wir hielten ihre Hände. Streichelten ihr Geschicht. Ihre Arme. Weinten. Beruhigten uns zwischendurch. Weinten wieder.
Ich fasste meiner Omi auf die Stirn. Und fand, dass sie schwitzte. Obwohl sich ihre Stirn ziemlich kalt anfühlte. War sie vielleicht zu warm zugedeckt? Wir deckten sie ein bisschen ab. Trockneten ihre Stirn. Ich fand, dass ihre Fingernägel etwas blau aussahen. Genau zu erkennen war das aber nicht, da sie hellen Nagellack trug. Und weil es im Zimmer recht dunkel war. Franzi meinte, sie sieht keinen Unterschied. Ich dachte, vielleicht spielt mein Gehirn ein wenig verrückt. Dann fand ich, dass meine Omi um den Mund herum ein wenig gräulich aussah. Franzi fand das nicht. Glaube ich.
Wir saßen weiter an ihrem Bett. Hielten ihre Hände. Ich streichelte ihre Stirn. Irgendwann machte sie die erste lange Pause zwischen zwei Atemzügen. Ich rüttelte ein klein wenig an ihr. In Panik. Omi, Omi. Sagte ich. Ich wollte, dass sie wieder atmet. Der nächste Atemzug kam. Ich war so erleichtert. Obwohl ich ja genau wusste, dass der Ausgang immer der gleiche wäre. Meine Omi würde sterben. Und es würde nicht mehr lange dauern. Vielleicht noch Stunden. Vielleicht noch einen Tag. Vielleicht noch einige Tage. Sie würde sterben. Jetzt. Oder später. Trotzdem war ich so erleichtert, als sie den nächsten Atemzug tat. Wenige Sekunden später gab es wieder eine lange Pause. Vor dem nächsten Atemzug. Ich sagte zu Franzi, sie solle nach Hilfe klingeln. Die Schwester kam rein, ich bat sie, irgendetwas zu tun. Vielleicht den Kopf meiner Omi anders legen. Damit sie wieder besser Luft bekommen würde. Obwohl mir doch eigentlich klar war, dass das aussichtslos war. Die Schwester ging wortlos hinaus. Wir starrten unsere Omi an. Weinten. Hielten weiter ihre Hände. Streichelten ihre Wangen. Warteten auf den nächsten Atemzug. Schauten auf ihren Hals, nach ihrem Puls.
Zwei Schwestern kamen rein. Sie schläft wohl gerade ein, hieß es. Ich konnte es nicht glauben. Obwohl ich genau daneben saß. Es kam kein Atemzug mehr. Ihr Puls schlug noch. Aber nur für einige Sekunden. Mittlerweile war eine Ärztin ins Zimmer gekommen, die sagte: "Jetzt hat sie es geschafft."
Unsere Omi war eingeschlafen. Man ließ uns alleine. Franzi und ich weinten. Und hielten ihre Hände. Und streichelten ihr Gesicht.
Ich bin so froh, dass wir bei ihr waren, als sie gestorben ist. Dass sie nicht alleine war. Ich weiß zwar nicht, ob sie uns gespürt hat. Ob sie wusste, dass wir neben ihr saßen. Und ihre Hände hielten. Aber ich hoffe es sehr.
Meine Omi. Anfang September. Zum Glück haben wir so viele Fotos von ihr. Zur Zeit kann ich mir die aber kaum ansehen.
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