Sonntag, 23. November 2014

Am Samstag vor zwei Wochen

Am Samstag vor zwei Wochen musste ich arbeiten. Am nächsten Morgen wollte ich nach Berlin fahren, direkt zu meiner Omi, zum Frühstücken. Aus irgendeinem Grund überlegte ich mir das aber anders und beschloss, am Samstag früher Feierabend zu machen. Ich rief meine Omi an und sagte ihr, dass ich schon am Abend bei ihr sein würde. Sie freute sich.

Zum Glück habe ich das so gemacht. Und bin nicht erst am Sonntag nach Berlin gefahren. Sondern schon einen Tag früher. Denn das war das letzte Mal, dass ich meine Omi in ihrer Wohnung besucht habe. Das letzte Mal, dass alles in Ordnung zu sein schien. Das letzte Mal, dass wir uns richtig unterhalten konnten. Das letzte Mal, dass ich sie unbeschwert lachen habe sehen. Das letzte Mal, dass ich ihr beim Auf Wiedersehen gesagt habe, sie soll alles schön langsam machen und immer den Rollator benutzen. Auch wenn sie nur kurz mal ins andere Zimmer geht.

Meiner Omi ging es an diesem Samstag schon zwei Wochen lang nicht mehr so gut wie zuvor. Seit wir Ende Oktober aus unserem letzten Familienurlaub aus Braunschweig/dem Harz zurück gekommen waren, war sie durcheinander. Immer mal wieder. Vor allem örtlich hatte sie Orientierungsprobleme. Aber es fiel ihr auch meist gleich wieder ein, was sie kurz zuvor durcheinander gebracht hatte. Sie lag morgens sehr lange im Bett. Obwohl sie normalerweise immer schon gegen 6Uhr aufstand. Sie aß kaum. Und trank sehr wenig. Und wenn sie etwas aß, musste sie sich manchmal übergeben.

Wir waren besorgt. Hatten wir ihr mit der Reise zuviel zugemutet? Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn ich hatte das Familientreffen organisiert. Rund um meinen Geburtstag herum. Oder war es die Chemo, die sich nun doch stärker auswirkte, als zuvor? Oder war es beides?

Wir waren aber auch ahnungslos. Niemand von uns stellte sich auch nur ansatzweise vor, wie schnell wir sie verlieren würden. Und wie schlimm es um sie stand. Woher sollten wir auch wissen, dass sich trotz verbesserter Leberwerte, einem niedrigen Tumormarker und einer erfreulichen CT-Auswertung einen Monat zuvor wahrscheinlich schon einige Zeit still und heimlich Metastasen in ihrem Kopf bildeten.

Metastasen, die dafür sorgten, dass sie vieles durcheinander brachte und am Ende so sehr verwirrt war, dass sie nicht mehr ordentlich reden konnte. Die dafür sorgten, dass sie morgens nicht aufstehen wollte. Die dafür sorgten, dass sie sich nicht aufraffen konnte, in die Küche zu gehen. Um sich etwas zum Essen und Trinken zu holen. Und die dafür sorgten, dass sie sich übergeben musste.

Als ich an diesem Samstagabend zu meiner Omi kam, begrüßte sie mich freudig an der Tür. Ich machte uns etwas zum Essen. Knäckebrot mit Käse wollte sie haben. Einen Tee. Und eine geriebene Möhre mit Apfel. Ich hatte ihr noch eine neue Thermoskanne mitgebracht. Und trug ihr auf, sich gleich am nächsten Morgen eine Kanne Tee zu machen. Und die den Tag über zu trinken.

Wir schauten zusammen ein bisschen "Wetten Dass ...?". Nicht, weil sie das besonders gerne guckte, sondern weil Herbert Grönemeyer auftreten sollte. Den mochten wir beide. Als erstes kam Andreas Gabalier die Showtreppe hinunter. Den find ich komisch, meinte meine Omi. Aber der füllt ja die Hallen. Die Leute finden den toll.

Dann sprachen wir noch darüber, dass meine Omi in der nächsten Woche vorübergehend zu meinen Eltern ziehen sollte. Meine Mama hatte ihr das am Nachmittag vorgeschlagen. Und meine Omi fand das schließlich gut. Am Montag wollte ich sie nach Müggelheim bringen. Wir wollten dafür sorgen, dass sie wieder ordentlich isst und trinkt. Franzi wollte morgens und mittags nach ihr schauen. Meine Mama dann abends, wenn sie von der Arbeit zu Hause sein würde. Wir dachten, es wäre so einfach. Sie muss nur wieder ordentlich essen und trinken. Dann kommt sie wieder zu Kräften. Dann ist sie nicht mehr so durcheinander. Dann wird das schon wieder. So naiv haben wir gedacht.

Gegen 22Uhr wollte meine Omi schlafen gehen. Ich sagte ihr, ich würde noch warten, bis sie im Bett liegt. Sie ging ins Bad. Als sie wieder raus kam, hatte sie immer noch das gleiche Oberteil an, wie zuvor. Ich fragte sie, ob sie darin schlafen will? Sie antwortete: "Ja, ich schlafe als Kartoffel." Ich starrte sie entgeistert an und fragte: "Als was schläfst Du?" Sie sagte: "Äh quatsch, als Abendbrot." Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Ich wartete, bis sie im Bett lag, wünschte ihr eine gute Nacht und sagte ihr, dass ich morgen früh wieder da wäre. Dann verließ ich ihre Wohnung. Und dachte, als ich im Auto saß, oh nein, wird sie vielleicht dement? Obwohl es dafür bisher keinerlei Anzeichen gegeben hatte. Denn meine Omi war geistig immer auf der Höhe. Interessiert an allen Menschen um sich herum. Und der Welt und ihren Nachrichten im Allgemeinen. So erschrocken, wie ich über das Gesagte war, dachte ich doch gleichzeitig - mal abwarten, das wird morgen schon wieder in Ordnung sein.

Wie falsch ich damit liegen sollte. Am nächsten Morgen um halb acht, als der Pflegedienst anrief, weil etwas mit meiner Omi so gar nicht stimmte, fing der Albtraum an.  

Meine Omi und ich. Im sonnigen Quedlinburg. Am 26. Oktober 2014. Den Rollstuhl hatten wir für sie ausgeliehen, damit sie im Harz alles mitmachen kann. Weil ihr langes Laufen schon seit Jahren schwer fiel.


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