Samstag, 29. November 2014

Ohne bestimmte Reihenfolge

Ich habe mir Anziehsachen im Internet bestellt. Für die Beerdigung meiner Omi am 10. Dezember. Ich habe alles mögliche bestellt. Verschiedene Hosen. Schuhe. Und Blusen. Alles in schwarz. Und ein farbiges Tuch. Mit kleinen Herzen. Die Herzen sind für meine Omi.
Ich kann nicht einkaufen gehen. Ich möchte nicht in ein weihnachtlich geschmücktes Einkaufszentrum gehen. In dem Weihnachtsmusik dudelt. Und scheinbar fröhliche Menschen Weihnachtsgeschenke einkaufen. Deswegen hoffe ich, dass mir irgendetwas passt. Von den Sachen, die ich bestellt habe. Meiner Omi wird es gefallen. Egal, was ich anhabe. Sie fand immer, dass mir alles gut stand. Das stimmte natürlich nicht, denn vor allem in jugendlichen Zeiten gab es so einige modische Fehlgriffe. Aber meine Omi fand mich immer toll. Das muss der positiv getrübte Omablick gewesen sein.

Wir müssen noch Blumen aussuchen. Für die Beerdigung. Die zur Trauerschleife passen. Die ich vor einigen Tagen entworfen habe. Und auf die Musik müssen wir uns noch endgültig festlegen. Die Trauerkarten sind verschickt. Einen ganzen Stapel habe ich adressiert und zur Post gebracht. Unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass wir das alles noch machen müssen. So kurz vor Weihnachten. Wenn mir das einer vor einem Monat gesagt hätte ...
Am nächsten Freitag kommt ein Trauerredner zu uns. Um mit uns zu besprechen, was er erzählen wird, über meine Omi. Am liebsten wollen wir die Rede vorher schon fertig haben, damit dieser fremde Mensch, der meine Omi überhaupt nicht kannte, auch ja das richtige sagt über sie. Ein paar Dinge habe ich schon im Kopf, die unbedingt in die Rede müssen.
Auch Fotos von meiner Omi möchte ich noch zusammenstellen. Mit Musik. Die wir uns dann ansehen können, wenn wir nach Hause kommen, mit der Familie, nach der Beerdigung. Aber auch das konnte ich noch nicht anfangen.

Ich habe in den letzten zwei Wochen unglaublich lange geschlafen. Meistens bis 12Uhr mittags. Ich bin zwar auch immer spät ins Bett gegangen, aber trotzdem waren das noch rund 10 Stunden Schlaf. Pro Nacht. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal so lange geschlafen habe. Aber wenn ich schlafe, dann muss ich nicht an den Tod meiner Omi denken. Und wenn ich daran nicht denken muss, dann muss ich nicht weinen.
Als wir am Tag ihres Todes abends aus dem Krankenhaus nach Hause kamen, hatte ich solche Angst vorm Einschlafen. Ich dachte, das würde nicht gehen. Und bevor ich überhaupt im Bett war, hatte ich schon wieder Angst vorm Aufwachen am nächsten Morgen. Weil mir dann wieder alles einfallen würde.
Das mit dem Einschlafen, das geht aber eigentlich ganz gut. Meine Omi konnte immer gut schlafen. Egal in welcher Situation. Egal wo sie war. Sie meinte dann immer, im Schlafen wäre sie richtig gut. Sie lege sich hin, wäre innerhalb von Minuten weg und würde dann wie ein Stein schlafen. Ein Glück, sagte sie dann auch manchmal: "Ich kenne so viele Leute, die die halbe Nacht wachliegen und überhaupt nicht einschlafen können."
Ich wünsche meiner Omi jeden Abend eine Gute Nacht. Und dann handhabe ich es wie sie. Ich mache die Augen zu, schiebe alle Gedanken beiseite und schlafe meistens dann auch recht schnell ein. Ich denke, dass wäre in ihrem Sinne. Ich denke schon den ganzen Tag an sie. Da habe ich mir ein bisschen guten Schlaf verdient.

Wo ist meine Omi gerade? Also ihr Körper. Liegt der noch im Sarg? Beim Bestatter. Im Kühlhaus. Oder wurde er schon verbrannt? Und befindet sich bereits in der weißen Urne? In der wir sie beisetzen werden? Ich finde die Gedanken daran ganz schrecklich und verdränge sie immer wieder schnell. Aber sie kommen immer mal wieder. Neulich zum Beispiel, als ich unbeabsichtigterweise an dem Krematorium vorbeigefahren bin, in dem ihr Körper verbrannt werden wird. Oder schon wurde. Das war furchtbar. Ich konnte mich nur schwer zusammenreißen. Am Steuer meines Autos.
Gut ist nur, dass wir wissen, dass meine Omi in einer Urne beigesetzt werden wollte, anstatt in einem Sarg. Denn sie wollte nicht von Würmern aufgefressen werden. Das hat sie öfter mal gesagt, mehr so im Spaß, immer, wenn wir mal kurz auf das Thema zu sprechen kamen. Und ich hab ein paar Pimperlinge gespart, wenn ihr mich mal unter die Erde bringen müsst. Das waren auch ihre Worte. Ansonsten haben wir uns nie über den Tod unterhalten. Oder wie sie sich ihre Beerdigung wünschen würde. Aber ich glaube, da war sie auch ganz pragmatisch - wahrscheinlich hätte sie gesagt, macht es, wie ihr es für richtig haltet. Ich bekomme es ja eh nicht mehr mit. Aber trotzdem hoffe ich, dass ihr die Beisetzung, die wir planen, gefallen würde.

Meine Omi. Im Garten. Eine Woche nach ihrem Geburtstag. Im August.


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