Donnerstag, 20. November 2014

Ein letzter Funken Hoffnung

Heute vor einer Woche, am Mittwoch, da hatte ich noch einen letzten Funken Hoffnung. Dass meine Omi vier Tage später sterben würde, das war jenseits meiner Vorstellungskraft. 

Meine Omi war einige Tage zuvor, am Sonntag, dem Tag des Mauerfalls, überraschend ins Krankenhaus eingeliefert worden. Anstatt die Feierlichkeiten des Tages vorm Fernseher zu verfolgen - eine Sache, die sie unglaublich interessiert hätte. 
Morgens um halb acht hatte ich einen Anruf vom Pflegedienst erhalten, der ihr täglich ihre Medikamente gab. Die Schwester am Telefon klang sehr betroffen. Meine Omi würde kaum auf Ansprache reagieren. Sie hätte sich ihre Schuhe verkehrt herum angezogen. Und könne überhaupt keine sinnvollen Worte oder Sätze bilden. 
Der Notarzt wurde gerufen. Und ich machte mich auf den Weg ins Krankenhaus. Als ich zu meiner Omi in den Behandlungsraum gelassen wurde, guckte sie mich an. Aber ich war nicht sicher, ob sie mich erkannte. Sie sprach mit mir. Aber es kamen nur sinnlose Silben und Worte aus ihrem Mund. Ich war völlig schockiert. Am Abend zuvor, als ich zum Abendbrot bei ihr war, war noch alles in Ordnung gewesen.

Irgendwann kam ein Arzt. Er sagte: "Das kommt von der Leber. Da sind ja massive Metastasen drin. Da kann man ja nichts mehr machen. Sie ist ja austherapiert. Wir röntgen jetzt die Leber. Und nehmen Blut ab. Wenn das nichts ergibt, dann machen wir noch ein CT vom Kopf. Dann kommt es wahrscheinlich vom Kopf. Aber sonst sparen wir uns das mit dem Kopf." Dann ging er raus und scherzte mit den Schwestern. Ich weiß nicht, ob meine Omi mitbekommen hat, was er gesagt hat. Und wie. Ich hoffe nicht.

Die Leber wurde geröngt. Das Blut untersucht. Ewigkeiten später kam der Arzt wieder: "Also die Leberwerte sind gar nicht so schlecht. Dann machen wir jetzt ein CT vom Kopf." 
Zwei Stunden später. Der gleiche Arzt: "Das CT vom Kopf hat auch nichts Schlimmes ergeben. Sie kommt jetzt auf die gastrologische Station. Weil sie ja was mit der Leber hat. Die gucken dann morgen weiter." 
Ich fragte, ob auf Grund der Krebserkrankung meiner Omi nicht eine Verlegung auf die Onkologie sinnvoll wäre, was er verneinte. Aber einen Neurologen, den wolle er noch hinzuziehen, wenn dieser gerade Zeit hätte. Dies geschah dann auch. Es war mittlerweile nachmittags, und zum ersten Mal an diesem Tag trafen wir auf einen netten Arzt. Der schließlich einen Schlaganfall oder eine Entzündung im Gehirn vermutete und meine Omi auf die Stroke Unit verlegen ließ. Alles in allem dauerte es noch bis 19Uhr, bis sie ein Bett auf der Neurologie hatte. Ich verabschiedete mich von ihr. Nach über 10 Stunden im Krankenhaus. In denen ich abwechselnd ungläubig und schockiert war, geweint und meinen Handyakku geleert habe, in dem ich die ganze Familie auf dem Laufenden hielt. 

Mehrfach an diesem Tag war von Ärzten und Schwestern angenommen worden, dass meine Omi im Pflegeheim leben würde. Das schlossen sie aus der Verfassung, in der sie sich befand. Und immer wieder habe ich das verneint. Bis gestern noch hat sie gut alleine zu Hause gelebt.  

Als ich am nächsten Vormittag im Krankenhaus ankam, begrüßte mich meine Omi freudig mit "Hallo Nadinchen!" Sie konnte wieder sprechen. An den Tag zuvor hatte sie keine Erinnerungen. Ich fragte sie, ob sie wüsste, wer ich bin. Und wo sie sei. Und noch einiges anderes. Und sie antwortete immer korrekt und begann mit "ja natürlich weiß ich das". Untersuchungsergebnisse gab es noch keine. Auch nicht am Nachmittag. Aber wir waren hoffnungsvoll. Meine Omi war zwar durcheinander und hatte Orientierungsprobleme. Aber trotzdem schien sich ihr Zustand zu bessern. 
Am Dienstag Vormittag glaubte ich das noch immer. Bei unseren Besuchen am Nachmittag sah es aber leider schon wieder anders aus. Meine Omi wirkte zunehmend verwirrter. Und das, was sie sagte, war mitunter gar nicht mehr zu verstehen. Ergebnisse gab es immer noch keine. Ich verabschiedete mich von meiner Omi. Und das sollte das letzte Mal sein, dass sie mir Tschüß sagte. Ob ich das geahnt habe? Auf jeden Fall drehte ich mich noch einmal zu ihr um, als ich schon aus dem Zimmer raus war. Weil ich mich nicht trennen konnte. Und sie schaute zu mir.

Ich fuhr zurück nach Braunschweig, denn am nächsten Tag wollte ich an einem zweitägigen Ikea-Seminar im Harz teilnehmen. Am Mittwoch Mittag machte ich mich vom Seminar aus aber schon wieder auf den Weg nach Berlin. Das Krankenhaus hatte angerufen. Und darum gebeten, dass wir zum Gespräch kommen. Ich wollte am Telefon wissen, was los sei. Erst nach mehrmaligem Nachfragen war die Ärztin bereit, mir etwas zu sagen. Bei einer Lumbalpunktion waren im Hirnwasser meiner Omi Krebszellen gefunden worden. Als ich im Krankenhaus ankam, waren meine Mama und Tante bereits einige Zeit lang da. Meine Omi schlief. Und hatte nur zweimal in den Stunden zuvor die Augen geöffnet. Und meine Mama und Tante angelächelt. Wir waren verzweifelt. Meine Omi war sehr unruhig. Aber wurde die ganze Zeit nicht einmal wach. Eine mögliche Therapie hatte die Ärztin noch in Aussicht gestellt hatte. Das Spritzen eines bestimmten Medikamentes ins Rückenmark. Aber was das bringen würde. Und ob es etwas bringen würde, das wusste die Neurologin nicht. Das sollten wir am nächsten Tag mit dem Onkologen besprechen.

Es war furchtbar, meine Omi so daliegen zu sehen. Aber einen kleinen Funken Hoffnung hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch. Am Mittwoch vor einer Woche. Könnten wir diese Therapie nicht durchführen lassen? Würde das nicht helfen? Und gleichzeitig konnte ich nicht aufhören zu weinen. Weil die Lage, realistisch betrachtet, doch so aussichtslos war. 

Ostersonntag 2014. Meine Omi mit dem Familienhasen. Unser letztes gemeinsames Osterfest.


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