Meine Omi war ein toller Mensch. Natürlich hatte sie auch ein paar Macken. Wie wir alle. Aber sie war so ein guter Mensch.
Sie wollte immer, dass es anderen gut geht. Sie war bescheiden. Anstand, Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt waren ihr wichtig. Sie hat nie schlecht über andere geredet. Ungerechtigkeit regte sie auf. Ob es jemanden in ihrem nahen Umfeld oder sie selbst betraf. Aber genauso ärgerte sie sich über Ungerechtigkeit auf der Welt. Sie war so tapfer, als sie krank wurde. Sie hat gerne gelacht. Und sie hat sich gerne unterhalten. Sie wollte niemandem zur Last fallen. Sie war immer sehr dankbar für das, was andere für sie gemacht haben. Und für das, was sie erleben durfte. Sie war gutmütig. Und großzügig. Sie hatte ein großes Herz.
Sie hat sich über Kleinigkeiten gefreut. Über die Sonne. Über einen schönen Blumenstrauß. Über den frisch gemähten Rasen im Garten. Über zwitschernde Vögel. Über einen netten Anruf. Über einen schön eingedeckten Tisch. Über den geschmückten Weihnachtsbaum meiner Mama, den sie in diesem Jahr nicht mehr sehen kann.
Sie hat das beste Rührei überhaupt gemacht (wahrscheinlich lag das an der Extra-extra-Portion Butter). Die leckersten Apfelplinsen. Und Kartoffelbrei mit Eierkuchen. Mein Lieblingsessen. Auch wenn das nach einer komischen Zusammenstellung klingt. Schmeckt es unschlagbar.
"Hast Du schon gegessen? Soll ich Dir schnell was machen?" Das hat sie mich fast immer gefragt, wenn ich zu ihr kam. Auch, wenn ich sie eigentlich nur schnell abholen wollte und wir ein anderes Ziel hatten.
Um andere hat sie sich mehr gesorgt, als um sich selbst. Als sie gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, Anfang des Jahres, da ging es ihrer Schwester nicht gut. Sie hatte schlimme Blutdruckprobleme, inklusive Notaufnahmeaufenthalten. Meine Omi hat sich solche Sorgen um ihre Schwester gemacht. Und wollte jeden Tag wissen, wie es ihr geht. Und dabei war sie es doch, die schwer krank war. Sie war es, die die unheilbare Krankheit hatte. Und doch dachte sie jeden Tag an ihre Schwester und war so erleichtert, als es ihr endlich wieder besser ging.Ich hatte bisher ein recht krisenfreies Leben. Aber einmal, 1999, da steckte ich in Island fest. Auf einer Hühnerfarm. Die sich als eine ziemliche Albtraumfarm entpuppte. Ich war ohne im Ausland einsetzbare EC-Karte unterwegs. Und ein Handy hatte ich damals auch noch nicht. Ich wollte weg aus Island. Nach Hause. Meine Omi hat mir Geld geschickt. Und Telefonkarten (gibt es so etwas heute überhaupt noch?). Damit ich telefonieren kann. Und sie hat mich vom Bahnhof in Berlin abgeholt. Zusammen mit Katrin. Nachdem ich mit meinen letzten 50,- DM meinen Flug umgebucht hatte. Während meine Eltern und Franzi ahnungslos im Urlaub weilten. (Natürlich auch ohne Handy.) Was hab ich mich gefreut, als die beiden mich am Bahnsteig empfingen.
Und 2008. Als ich daran zweifelte, ob ich mein Studium schaffen würde. Weil ich mit dem Goethe und seinem lyrischen Ich und Genie-Begriff einfach nicht zurecht kam. Ihn aber brauchte, für die mündliche Prüfung. Damals hatte ich den Eindruck, ich habe für nichts mehr Zeit, außer fürs Lernen. In der Zeit hat mich meine Omi mit fertig gekochtem Essen versorgt. Das sie mir mit der Straßenbahn brachte. Und ich holte es an der Haltestelle ab. Weil ich dachte, ich habe auf keinen Fall Zeit, zu Hause noch Besuch zu empfangen. Im Gegensatz zu mir hat meine Omi keinen Moment daran gezweifelt, dass ich auch die letzte Prüfung bestehe. Und sie hatte natürlich recht.
Sie war die beste Omi, die ich mir hätte wünschen können. Und sie wird mir so fehlen. Das habe ich ihr auch gesagt. Einen Tag, bevor sie starb. Samstag abend. Als ich alleine an ihrem Bett saß. Und ihre Hand hielt. Ich hoffe, sie hat es noch gehört. Sicher bin ich, dass sie fand, dass Franzi und ich die besten Enkelkinder für sie waren. Das haben wir gemerkt. An allem, was sie für uns getan hat.
Meine Omi. In ihrem Stuhl. In ihrem Garten. Anfang September. Wenn sie nicht selber mitmachte, bei der Gartenarbeit, dann saß sie doch meistens am Beetrand. Und beaufsichtigte, wie wir gärtnerten. Und wir konnten fragen, was zu machen ist. Und wie. Leider können wir sie nie wieder etwas fragen.
Meine Omi. In ihrem Stuhl. In ihrem Garten. Anfang September. Wenn sie nicht selber mitmachte, bei der Gartenarbeit, dann saß sie doch meistens am Beetrand. Und beaufsichtigte, wie wir gärtnerten. Und wir konnten fragen, was zu machen ist. Und wie. Leider können wir sie nie wieder etwas fragen.
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