Der Sonntag kam. Ich hatte relativ gut geschlafen. Im Krankenhausbett. Am Vormittag kamen meine Eltern. Meine Mama blieb im Krankenhaus, während ich wieder nach Müggelheim fuhr, um mich zu duschen und umzuziehen. Danach fuhr ich wieder zu meiner Omi. Mit Franzi zusammen.
Der letzte Tag im Leben meiner Omi war ein ruhiger Tag für sie. Glauben wir. Auf jeden Fall schien sie keine Schmerzen zu haben. Schlief ruhig, während wir bei ihr saßen. Wir haben uns leise unterhalten, während wir ihre Hände hielten. Eine schöne Vorstellung, dass sie unsere Stimmen zumindest im Unterbewusstsein noch hören könnte. Und ich glaube, das konnte sie.
Die Ärztin bat uns noch einmal zum Gespräch. Sicherheitshalber nach draußen. Weil wir nicht wissen, was sie noch mitbekommt, sagte sie. Es ging darum, wann wir die künstliche Ernährung einstellen wollen. Und die Antibiotika absetzen. Meine Omi hatte eine Patientenverfügung. Mit meiner Mama als Bevollmächtigter. Sie wollte keinerlei lebensverlängernde Maßnahmen, wenn keine Hoffnung mehr bestand. Wir können das auch morgen entscheiden, sagte uns die Ärztin. Und so planten wir das dann auch. Ich konnte mich nicht überwinden, sofort alles absetzen zu lassen. Denn ich dachte, wir könnten vielleicht noch ein, zwei Tage gewinnen, um meine Omi am Dienstag mit nach Hause nehmen zu können. Dass meine Omi zu dem Zeitpunkt nur noch weniger als zwei Stunden leben würde, das wussten wir natürlich nicht. Obwohl auch die Ärztin noch einmal klar machte, dass es nicht absehbar wäre, wann sie sterben würde. Und das es sehr schnell gehen könne.
Meine Omi starb am frühen Abend. Franzi und ich waren bei ihr. Ich rief unsere Familie an. Meine Mama kam zurück ins Krankenhaus, nachdem sie kaum eine Stunde zuvor gegangen war. Später dann mein Vater und Anton. Und meine Tante Lilo und Silke. Wir alle saßen bei meiner Omi. Wir weinten. Gleichzeitig. Und abwechselnd. Wir streichelten meiner Omi über die Wangen. Die Stirn. Die Arme. Wir hielten ihre Hände. Wir drückten sie. Irgendwann sagte ich, dass es schade sei, dass ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube. Dass ich denke, dass da nichts mehr kommt. Und dass auch die Seele nirgendwo hingeht. Silke aber meinte, sie ist überzeugt davon, dass die Seele nicht stirbt. Sondern bleibt. Und dann schauten wir meine Omi an. Und ich sagte, sie würde sagen, so ein Unsinn. Wenn man tot ist, ist man tot. Und da mussten wir ein wenig lachen. Weil wir uns alle vorstellen konnten, mit welcher Überzeugung sie das gesagt hätte.
Man ließ uns die Zeit, die wir brauchten. So dass wir insgesamt dreieinhalb Stunden bei meiner Omi sitzen und uns verabschieden konnten. Das hat mir ein bisschen Frieden gegeben. Ich war bei ihr, als das Leben sichtbar regelrecht aus ihr gewichen ist. Und ich konnte danach noch lange bei ihr sitzen und mich verabschieden. Ich glaube, so habe ich auch verstanden, dass sie wirklich tot ist. Und nicht mehr wiederkommt. Und das ich nie wieder mit ihr sprechen kann. Auch wenn ich glaube, dass die Realität dessen erst ganz langsam bei mir ankommen wird.
Zum Abschied habe ich sie noch einmal gedrückt. Und konnte mich kaum trennen. Weil ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich sie sehen und anfassen kann. Auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt schon tot war, so war es ja immer noch meine Omi. Die vom Tag meiner Geburt an 35 Jahre lang immer für mich da war.
"Tschüß Omi. Ich hab Dich lieb. Danke für alles." Das waren die letzten Worte, die ich zu ihr gesagt habe. Obwohl sie mich gar nicht mehr hören konnte.
Und dann habe ich noch ein letztes Mal zu ihr geguckt und beim Rausgehen die Tür ihres Zimmers geschlossen. Und wir haben das Krankenhaus verlassen. Mit der Tasche meiner Omi. Mit all ihren Sachen, die sie im Krankenhaus dabei hatte. Aber ohne meine Omi. Ich konnte mich kaum beruhigen.
"Tschüß meine Große. Danke für alles." Das hat meine Omi fast immer zu mir gesagt, wenn ich bei Ihr zu Besuch war und wir uns verabschiedeten. Oder wenn wir unterwegs waren und ich sie wieder nach Hause brachte. Sie war sehr dankbar für alles, was wir vor allem im letzten Jahr für sie getan haben. Ohne Euch hätte ich es nicht so weit gebracht, hat sie in diesem Jahr mal in eine Karte an Franzi geschrieben. Und ich bin sehr dankbar für all das, was sie für uns getan hat.
Alle Familiengeburtstage in diesem Jahr hat meine Omi noch miterleben können. Zuletzt am 30. Oktober in Müggelheim. 2015 müssen wir ohne sie feiern.
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