Freitag, 28. November 2014

Nie wieder

Ich bin froh darüber, dass wir zum letzten Onkologietermin Ende Oktober noch nicht wussten, wie schlimm es wirklich um meine Omi stand. Und warum es ihr seit mehreren Tagen nicht mehr so gut ging. Wir dachten, dass die Chemo ihr mehr zusetzen würde als bisher. Und dass unser Urlaub sie zu sehr angestrengt hatte. Was wir nicht annahmen, das war, dass sich der Krebs, der an einer Stelle ihres Körpers aufgehalten worden war, still und heimlich an eine andere Stelle geschlichen hatte. Und dass ihr in Wahrheit die Metastasen im Hirn zusetzten. Und nicht die Chemo oder die Anstrengungen der letzten Tage.
Ich bin froh, dass wir das alles nicht wussten, denn auch, wenn die Metastasen etwas früher entdeckt worden wären, hätte man vermutlich nicht mehr viel dagegen tun können. Der Ausgang wäre der gleiche gewesen. Und so ist doch ein wenig tröstlich, dass es meiner Omi gut ging, bis rund drei Wochen vor ihrem Tod. Und auch, als ihr die vermehrten Beschwerden zu schaffen machten, war sie zu Hause. In ihren eigenen vier Wänden. Und wir konnten uns um sie kümmern, immer zuversichtlich, dass es bestimmt bald wieder besser werden würde.
Die letzte Woche in ihrem Leben war nicht schön. Sondern eine Qual. Für uns. Aber vor allem natürlich für meine Omi. Sie lag im Krankenhaus und musste einige Untersuchungen und viele, viele Nadelstiche über sich ergehen lassen. Vieles hat sie hoffentlich gar nicht mehr mitbekommen. Nur wünsche ich mir, dass sie gewusst hat, dass wir bei ihr waren. Dass wir bis zur letzten Sekunde an ihrem Bett saßen. Und dass sie nicht alleine war. In ihren letzten Tagen, Stunden und Minuten.
So plötzlich, wie wir sie verloren haben, so war es doch besser für alle, dass wir die furchtbare Aussichtslosigkeit ihrer Situation erst wenige Tage vor ihrem Tod erfahren haben. Und meine Omi hat vermutlich gar nicht mehr mitbekommen, wie schlimm es um sie stand. Das hoffe ich zumindest.

Ich bin so traurig. Darüber, dass meine Omi nicht mehr da ist. Darüber, dass ich sie nie wiedersehen werde. Darüber, dass ich ihr nie wieder etwas erzählen kann. Darüber, dass ich sie nie wieder anrufen kann. Darüber, dass ich sie nie wieder lachen hören werde. Darüber, dass ich nie wieder etwas mit ihr zusammen erleben werde. Darüber, dass ich sie nie wieder etwas fragen kann.

Während mir dies immer und immer wieder durch den Kopf ging, kam mir der Gedanke, wie traurig meine Omi sein würde. Darüber, dass sie nicht mehr auf der Welt ist. Darüber, dass sie uns nie wiedersehen wird. Darüber, dass sie uns nie wieder etwas erzählen kann. Darüber, dass sie nie wieder einen Anruf entgegennehmen kann. Darüber, dass sie nie wieder über irgendetwas lachen kann. Darüber, dass sie nie wieder etwas mit uns zusammen erleben kann. Darüber, dass sie nie wieder eine Frage stellen kann.

Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. An ein Leben im Himmel. Oder an die Seele, die bleibt. Meine Omi hat daran auch nicht geglaubt. Jetzt, da sie tot ist, kann sie also auch nicht mehr traurig sein. Über all das, was sie versäumen wird. Zum Beispiel Weihnachten in vier Wochen. Oder die Geburt ihrer Urenkelin in fünf Wochen (vielleicht). Aber sie hat so gerne gelebt. Und hat immer gehofft, dass sie noch eine ganze Weile auf dieser schönen Erde sein darf, wie sie immer zu sagen pflegte*. Und deswegen ist es so unendlich schade und traurig, dass ihr Leben nun, trotz ihrer schweren Krankheit, doch so schnell und unerwartet vorbei war. So unendlich schade und traurig. Für uns. Aber vor allem auch für sie.

Heute sind die Trauerkarten angekommen. Endlich können wir sie verschicken, nachdem wir eine ganze Woche darauf gewartet haben. Aber ich hätte so viel lieber Weihnachtskarten geschrieben. Adventskalender gebastelt. Oder Weihnachtsgeschenke gekauft. Stattdessen habe ich Trauerkarten adressiert.
Krebs ist ein Arschloch! "Na, na, nicht doch", würde meine Omi jetzt sagen. Schimpfwörter mochte sie nicht. Dem Inhalt hätte sie jedoch zugestimmt.


*("zu sagen pflegte" war eine der liebsten Redewendungen meiner Omi)

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