kEin bisschen über ein Jahr ist es her, dass meine Omi ins Krankenhaus kam. Mit dem Verdacht auf Lungenentzündung. Doch eine Lungenentzündung war es nicht. Sondern Krebs.
An dem Tag, an dem sie eingeliefert wurde, hatte sich Tamino kitafrei genommen, und wir wollten eigentlich den Tag mit meiner Omi verbringen. Als erstes aber brachten wir meine Omi zu ihrer Hausärztin. Weil es ihr schon eine Weile nicht sehr gut ging. Schon wenn sie nur einige Schritte lief, bekam sie kaum noch Luft. War schlapp und antrieblos. Und hatte keinen Appetit. Sehr ungewöhnlich für meine Omi, denn es ging ihr meistens gut, trotz einiger chronischer Erkrankungen, die sie seit Jahren hatte. "Ne, ich fühl mich pudelwohl", sagte sie oft. "Hohen Blutdruck und Diabetes, davon merke ich nichts!"
In Berlin war zu dieser Zeit wirklich Winter. Die Straßen waren tagelang vereist, und es war ungemütlich kalt. Wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, warum meine Omi nicht selbst schon zum Arzt gegangen war. Tamino und ich warteten im Wartezimmer, während meine Omi bei der Untersuchung war. Es dauerte sehr lange, bis sie wieder rauskam. Ihre Ärztin wollte sie dann sofort mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus bringen lassen. Aber meine Omi wollte erst noch einmal nach Hause. Ihre Tasche packen. Und die Hühnersuppe essen, die meine Mama ihr gekocht hatte und die Tamino und ich ihr mitgebracht hatten. Nachdem sie der Krankentransport zu Hause abgeholt hatte, blieben Tamino und ich erst einmal in ihrer Wohnung. Ich machte den Abwasch, und wir warteten auf Franzi. Dann fuhren wir alle in die Notaufnahme hinterher. Auch meine Mama kam dazu. Es gab noch keine genauen Ergebnisse, aber meine Omi wurde am frühen Abend auf die Onkologie verlegt. Die Richtung war also schon einmal klar. Wie schön wäre es gewesen, wenn es "nur" eine Lungenentzündung gewesen wäre.
Nachdem wir uns von ihr verabschiedet hatten, telefonierten wir am Abend noch mehrfach mit meiner Omi. Eine Ultraschalluntersuchung am späten Abend ergab, dass sie sehr viel Wasser in der Lunge hatte. Zudem gab es einen besorgniserregenden Befund in ihrer Leber, der mittels einer Computertomographie geklärt werden sollte.
Am nächsten Tag gab es erst einmal keine neuen Informationen. Ich besuchte meine Omi im Krankenhaus und fuhr am Abend erst einmal zurück nach Braunschweig.
Am Donnerstag, zwei Tage nach ihrer Einlieferung, gab es dann am späten Nachmittag das niederschmetternde Ergebnis des CTs. Ich weiß noch genau, wie ich es erfahren habe. Ich hatte an diesem Tag mehrfach bei meiner Omi angerufen. Von der Arbeit aus. Aber es gab noch nichts Neues. Um 14Uhr hatte ich eine Sitzung. Gegen 16Uhr konnte ich endlich wieder telefonieren. In dem Moment hatte gerade die Chefärztin das Zimmer meiner Omi verlassen. In der Leber meiner Omi waren mehrere ausgeprägte Metastasen festgestellt worden. Es gab keine Aussicht auf Heilung. Aber es bestand die Möglichkeit, den Krebs durch eine Chemotherapie für einige Zeit aufzuhalten. Natürlich mit Nebenwirkungen. Meine Omi sollte sich überlegen, hatte ihr die Ärztin gesagt, ob sie das auf sich nehmen wolle. Oder ob sie ihr Leben gelebt hätte.
"Aber Du machst doch die Chemo, oder?", fragte ich. "Ich weiß es nicht", antwortete meine Omi. Aber ich glaube, das war der einzige Moment, in dem sie kurz gezweifelt hat. Etwas später telefonierte meine Mama mit ihr, und meine Omi hatte sich da schon für die Behandlung entschieden. Sie berichtete meiner Mama, wie sie zu einem Arzt sagte, "wenn ich daran denke, dass ich ohne Chemo vielleicht nur noch ein Jahr zu leben habe ..." - Der Arzt sagte dann zu ihr: "Oder weniger ..." Im Endeffekt hatte meine Omi auch mit der Chemotherapie nur noch weniger als ein Jahr zu leben. Es waren 9 Monate. Aber die haben wir ihr schön gemacht. Und meine Omi hat sie genossen.
Einen Tag nach der Diagnose bekam meine Omi, in meinem Beisein, die erste Chemotherapie. Über eine Infusion. Der Arzt, der ihr den Zugang legt, sagte zu ihr: "Wir wissen nicht, ob ihnen das helfen wird. Aber wir hoffen es sehr. Und deswegen rate ich ihnen auch zu dieser Therapie."
Meine Omi begann, um ihr Leben zu kämpfen. Und wir kämpften mit ihr. Jeden Tag war einer von uns bei ihr am Krankenbett. Und ich bin überzeugt davon - wenn meine Omi nicht so einen inneren Überlebenswillen gehabt hätte, und wenn wir nicht immer an ihrer Seite gewesen wären, hätte sie es damals nicht geschafft.
Die ersten Tage im Krankenhaus waren für meine Omi noch ganz ok. Sie konnte, dank zusätzlichen Sauerstoffes, wieder gut atmen und spürte kaum Nebenwirkungen der Chemotherapie. Nach und nach wurde ihr Zustand jedoch immer schlechter. Ihr Körper war aufgedunsen. Sie wurde immer schwächer und schlief immer mehr. Ihr war immerzu kalt. Und irgendwann, als ihre Nieren kurz vor dem Versagen standen, lief ihr das Wasser, das durch die Nieren nicht mehr verarbeitet werden konnte, aus den Beinen heraus. In großen Mengen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Ich wusste nicht einmal, dass das überhaupt geht.
Wenn meine Omi überhaupt wach war, war sie jedoch nicht in der Lage dazu, irgendetwas alleine zu machen. Sie konnte nicht mal mehr ihren Arm anheben, geschweige denn sitzen, aufstehen oder gar laufen. Sie konnte sich nicht alleine anziehen. Und sie wollte nichts trinken. Und nichts essen. Auch wenn wir es immer wieder versuchten und ihr nur Sachen ins Krankenhaus mitbrachten, die sie wirklich gerne aß. Als wir dem Arzt erzählten, dass sie im Sommer noch ihren Garten beackert hatte und bis zur Krankenhauseinweisung alleine zu Hause lebte, war dieser sehr überrascht - denn von ihrem Zustand im Krankenhaus ließ sich das kaum ableiten.
Als es die ersten Anzeichen dafür gab, dass sich der Zustand meiner Omi unter der Chemo bessern könnte, riet uns ihr Arzt, dass wir sie ruhig "zwingen" sollten. Zum Hinsetzen. Zum Aufstehen. Zum Laufen. Zum Essen. Und zum Trinken. Das wäre notwendig. Und würde ihr nicht schaden.
Also taten wir, wie der Arzt uns geheißen hatte. Einfach war es nicht. Ich redete teilweise minutenlang auf meine Omi ein, damit sie überhaupt den Versuch unternahm, sich aufzusetzen. Und ich war streng mit ihr. Um sie zum Beispiel dazu zu bringen, ein paar Schritte zu laufen. Es war ganz viel Geduld nötig, um sie immer und immer wieder zu überreden, es doch wenigstens zu versuchen. Und es war immer ein riesiger Erfolg, wenn sie zum Beispiel einen einzigen, kleinen Schritt schaffte.
Mit dem Essen und Trinken war es genauso. Wir redeten und redeten, damit sie wenigstens einmal von der Stulle abbiss. Oder einen Schluck trank.
Einmal, das werde ich nie vergessen, gab es Rollmops zum Abendbrot. Ich fragte meine Omi, ob sie einen haben wollte, weil ich wusste, dass sie so etwas gerne aß. Sie verneinte lustlos. Und wollte dann doch. Den Rollmops vertilgte sie innerhalb weniger Sekunden. Und ich war ganz aus dem Häuschen. Weil auch dies ein riesiger Erfolg war.
Zwei ca. 70-jährige Frauen, mit denen sich meine Omi auf der Onkologie das Zimmer teilte, warteten auf einen Hospiz-Platz, da für sie nichts mehr getan werden konnte. Beide Frauen sprachen häufig darüber, was sie ins Hospiz mitnehmen wollten. Und über ihren nahen Tod. Am Telefon. Oder wenn sie Besuch hatten. Ich versuchte dann immer, wegzuhören. Was natürlich nicht ging, in so einem kleinen Krankenhauszimmer. Aber wenigstens wollte ich so tun, als würde ich nicht zuhören. Damit diese beiden Patientinnen bei so einem sensiblen Thema wenigstens ein wenig Privatsphäre hatten. Und ich fand es unvorstellbar, wie es sein muss, wenn man weiß, dass man sehr bald sterben wird. Und es nicht mal mehr eine kleine Chance gibt.
Gleichzeitig stand für mich aber auch fest, dass es bei meiner Omi noch nicht so weit sein würde. Dass sie noch nicht sterben würde. Ich wollte mich mit der sehr realen Möglichkeit, dass sie das Krankenhaus vielleicht nicht mehr lebend verlassen würde, nicht beschäftigen. Deswegen habe ich auch mit kaum jemanden außerhalb meiner Familie über meine Omi gesprochen. Eigentlich wussten nur zwei Freunde Bescheid, und das lag daran, dass sie gleichzeitig Arbeitskollegen waren und natürlich mitbekamen, wie oft ich mir freinahm, um mehrmals pro Woche zwischen Braunschweig und Berlin hin- und herzufahren. Erst, als sich der Zustand meiner Omi ganz langsam aber konstant verbesserte und die realistische Hoffnung auf Besserung bestand, erzählte ich meinen Freunden, was los war.
Auch wenn die Lage meiner Omi zunehmend besser wurde, war es immer eine riesige Anspannung, ihr Krankenzimmer zu betreten. Denn ihr Arzt hatte uns klar und deutlich gesagt, dass sich ihr Zustand jederzeit auch wieder verschlechtern könne. Und so bestand von Tag zu Tag die bange Frage, wie es ihr gehen würde. Aber im Endeffekt hat meine Omi es geschafft. Sie ist dem Tod, dem sie im Krankenhaus sehr nahe war, tatsächlich noch einmal von der Schippe gesprungen.
Im Nachhinein hatte sie an die Wochen im Krankenhaus kaum eine Erinnerung. Sie wusste nicht, welche Untersuchungen mit ihr gemacht worden waren. Sie wusste nicht, wie viele Runden Chemotherapie sie erhalten hatte. Sie konnte sich an die Ärzte und Schwestern nicht erinnern. Sie wusste nicht, dass wir ständig auf sie eingeredet hatten, damit sie ein wenig ihrer Selbstständigkeit zurückerlangte. Sie wusste nicht, dass sie zwischenzeitlich in einem anderen Krankenhaus lag, in dem nicht die Behandlung des Krebses im Vordergrund stand, sondern in dem sie physiotherapeutisch behandelt wurde. Und sie wusste auch nicht mehr, dass wir sie, sobald die ersten Sonnenstrahlen herauskamen und sich der Frühling andeutete, in einen Rollstuhl gesetzt, warm eingepackt und nach draußen in den Park geschoben hatten. Damit sie, nach wochenlanger Abstinenz, mal wieder frische Luft einatmen konnte. Auch wenn sie dabei die meiste Zeit die Augen zu hatte. All diese Erinnerungen waren völlig aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Das konnte sie selbst kaum glauben, als wir ihr davon erzählten. "Ich weiß nichts mehr", sagte sie dann immer ungläubig.
Aber es hat sich so gelohnt, dass meine Omi nicht aufgegeben hat. Dass wir sie nicht aufgegeben haben. Und dass die Ärzte sie nicht aufgegeben haben. Heute vor ungefähr einem Jahr. Das hat meiner Omi kostbare Zeit geschenkt. Die sie noch auf dieser schönen Erde verbringen konnte, wie sie immer sagte.
Und wir konnten die letzten Monate mit ihr sehr bewusst erleben. Immer mit dem unausgesprochenen Wissen, dass es vielleicht der letzte Geburtstag oder der letzte Feiertag sei, bei dem wir sie in unserer Mitte haben.
Aber ich bin so traurig, dass sie es nicht noch ein bisschen länger geschafft hat. Ich wünschte mir, sie wäre noch da. Und nicht schon seit 12 Wochen tot. Ich vermisse sie so.
Wir zu Besuch. Im Krankenhaus. Ein oder zwei Tage zuvor hatte meine Omi ihre erste Chemo bekommen. Wir sitzen im Aufenthaltsraum des Krankenhauses. Weil Kinder unter 12 nicht auf die onkologische Station durften.
.jpg)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen