Sonntag, 1. März 2015

Station 34

Anfang letzten Jahres lag meine Omi fast 2 Monate lang im Krankenhaus. Die meiste Zeit davon auf der Station 34 in Neukölln.
In diesen 8 Wochen habe ich viele, viele Stunden dort verbracht, auf der Onkologie. Immer, wenn ich in Berlin war. Zur Besuchszeit. Von 15-20Uhr. Denn ich war sicher, dass meine Omi, auch wenn sie viel schlief, meine Anwesenheit irgendwie mitbekommen würde. Und so saß ich da. An ihrem Bett. Las Zeitung. Guckte aus dem Fenster. Tat gar nichts. Brachte meiner Omi das Abendbrot und versuchte, sie dazu zu überreden, wenigstens ein bisschen zu essen.
Oft lief ich aber auch über den Flur der Station. Und dabei beobachtete ich die Schwestern und Ärzte, die aus den Krankenzimmern herauskamen. Oder hineineilten. Und ich habe gehört und gesehen, wie sie mit den Patienten umgingen. 

Und dabei ist mir aufgefallen, wie unglaublich nett, geduldig, freundlich, lieb, professionell und kompetent all die Schwestern und Ärzte auf der Station 34 waren. Das gesamte Personal war im Stress und eilte von Patient zu Patient. Ärzte wie Schwestern. Am Nachmittag zum Beispiel schoben die Schwestern zuerst den Wagen mit Kaffee und Kuchen über den Gang. Anschließend gaben sie in jedem Zimmer die Medikamente aus. Zwischendurch mussten sie immer wieder in die einzelnen Zimmer, weil Patienten nach ihnen geklingelt hatten. Herumstehen oder gar sitzen gesehen habe ich nie eine der Schwestern.
Mit den Ärzten war es nicht anders. Auch die eilten von Zimmer zu Zimmer. Wenn der Arzt meiner Omi bei ihr war und versprach, später noch einmal wiederzukommen, konnte es Stunden dauern, bis dies tatsächlich geschah. Aber nicht etwa, weil er meine Omi vergessen hatte, sondern weil er es früher einfach nicht geschafft hatte. 
Und trotz dieses hohen Arbeitsaufkommens und den wahrscheinlich viel zu vielen Patienten für viel zu wenig Personal waren Schwestern und Ärzte immer freundlich, immer geduldig, immer nett und immer professionell. 

Der Arzt, der im Speziellen für meine Omi zuständig war, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Er musste uns ja einige sehr unangenehme Nachrichten überbringen. Und auch einige gute. Und immer erklärte er uns sachlich und verständlich die Lage. Zeigte Mitgefühl und Verständnis. Beantwortete unsere Fragen und war dabei sehr verbindlich und gesprächig. Machte uns bewusst, wie ernst die Situation war und gab uns gleichzeitig Hoffnung. War freundlich und kompetent. Und entschuldigte sich sogar jedes Mal, wenn wir oder meine Omi wieder einmal länger auf ihn warten mussten.

Am Anfang ihrer Zeit im Krankenhaus, als sie es noch konnte, schrieb meine Omi eine Karte an das Personal, mit einem kleinen Obolus (wie sie immer sagte), für die Kaffeekasse der Station. Darin bedankte sie sich genau dafür, dass sie sich so gut aufgehoben fühlte und alle so lieb waren zu ihr. Und sie erwähnte anfangs uns gegenüber auch immer wieder, wie reizend alle auf der Station seien. So nett und freundlich. Das waren ihre Worte. 
Später, als sie es alleine nicht mehr konnte, schrieb ich noch einmal eine Karte. Im Namen meiner Omi. Aber ich wusste genau, was auch sie damit hätte ausdrücken wollen.

Ganz am Anfang habe ich ein einziges Mal erlebt, wie eine der Schwestern einer Patientin gegenüber ungehalten wurde. Eine Frau im Nachbarzimmer meiner Omi bewschwerte sich an einem Abend mehrfach über das Essen. Dies wollte sie nicht, und jenes wollte sie nicht. Wie ich später erfuhr, beschimpfte diese Patienten des Öfteren die Schwestern und fiel auch ansonsten unangenehm auf. Als die Schwester den zweiten oder dritten Teller, den die Patientin nicht haben wollte, wieder aus dem Zimmer trug, sagte sie gut hörbar: "Wir sind hier schließlich nicht im Hotel. Aber wenn es ihnen nicht passt, dann beschweren Sie sich doch bei der BILD, Frau Müller!" 
Als ich das hörte, dachte ich kurz, ob man denn so mit einer Krebspatientin umgehen dürfte. Die ja vielleicht erst auf Grund ihrer Krankheit und der Medikamente so eklig geworden war. Dann aber wiederum fand ich, dass auch ein schwer kranker Mensch respektvoll mit den Menschen umgehen sollte, die sich um ihn kümmern. 

Dass es auch anders geht, und dass man im Krankenhaus nicht immer solch positive Erfahrungen macht, wie wir auf der Onkologischen Station in Neukölln, mussten wir erfahren, als meine Omi eine Woche vor ihrem Tod in die Notaufnahme des Neuköllner Krankenhauses eingeliefert wurde. Ich werde immer noch wütend, wenn ich an den Arzt denke, der so beiläufig und ohne jegliches Einfühlungsvermögen seine Diagnose in den Raum warf. Und sagte, dass man bei meiner Omi sowieso nichts mehr machen könne, aber dass jetzt eben doch mal ein paar Untersuchungen gemacht werden. All dies sagte er in der Anwesenheit meiner Omi. Zwar war sie in einem verwirrten Zustand, aber wer weiß, ob sie nicht doch alles verstanden hat. 

Während ich bei meinen Besuchen bei meiner Omi auf der Onkologie über den Flur wandelte, habe ich auch viele andere Krebspatienten gesehen. Die Türen der Zimmer standen meist offen. Und ich sah Menschen, die bewegungslos im Bett lagen. Und ich sah Menschen, die sich über den Flur der Station schleppten. Einige davon waren in meinem Alter. Manche noch jünger.  
Ich habe mitgehört, wie eine Patientin, die gerade ein Gespräch mit dem Arzt meiner Omi führte, zu ihm sagte: "Aber dann habe ich ja gar keine Chance mehr!?"
Und dann waren da noch die zwei Frauen, beide um die 70 Jahre alt, die auf einen Platz im Hospiz warteten.
Ich hab mich schon öfter mal gefragt, ob die jungen Leute, die Anfang letzten Jahres auf der Onkologie lagen, es geschafft haben. Oder ob sie auch tot sind. Und ich habe mich auch manchmal gefragt, wie lange die beiden Frauen noch gelebt haben, die ins Hospiz wollten. Und ob die eine von ihnen, deren Wunschhospiz belegt war, überhaupt noch einen Platz bekommen hat oder vorher schon verstorben ist.
Ich dachte auch oft, dass ein paar Tage auf der Onkologie ein guter Ausgangspunkt wären, wenn man vorhat, sich das Rauchen abzugewöhnen. So viele schwer kranke Menschen gab es dort. Natürlich erkrankt nicht jeder Raucher an Krebs. Und nicht jeder Nichtraucher bleibt verschont vor dieser schlimmen Krankheit. Meine Omi zum Beispiel hat nie geraucht oder getrunken, und trotzdem hat ihr der Krebs das Leben genommen. Aber dennoch erhöht man seine Chancen auf eine Krebserkranung durch das Rauchen ja erheblich. Und ich denke, ein paar Tage zwischen Krebspatienten sollten einen zumindest zum Nachdenken bringen.

Ich bin den Schwestern und Ärzten auf der Station 34 im Neuköllner Krankenhaus für immer dankbar. Natürlich, weil sie einen großen Anteil daran hatten, dass meiner Omi noch neun kostbare Monate geschenkt wurden, nach der schlimmen Diagnose Anfang 2014. Sie haben die richtigen Entscheidungen getroffen und die richtige Therapie angesetzt, so dass meine Omi, deren Organe kurz vor dem Versagen standen, noch einmal ins Leben zurück konnte. Und noch neun Monate mit uns verbringen konnte. Und wir mit ihr.
Aber ich bin ihnen auch deshalb so dankbar, weil sie meine Omi so gut behandelt haben. Weil sie menschlich und freundlich waren, immer ein Lächeln für sie übrig hatten und sich so lieb um sie gekümmert haben.
Und auch uns haben sie gut behandelt. Als Angehöriger ist man in einer Situation wie dieser ja mitunter überfordert, verwirrt und hilflos. Und auch da hilft es, wenn man ein paar zuversichtliche Worte hört, einen freundlichen Blick bekommt und vor allem erlebt, wie gut für die Patienten gesorgt wird.

Damals, vor rund einem Jahr, als ich zwei Monate lang mehrmals pro Woche ins Krankenhaus fuhr, um am Bett meiner Omi zu sitzen, dachte ich oft, warum denn nicht einfach alles in Ordnung sein kann. Und wie schön es wäre, wenn meine Omi gesund wäre und ich sie zu Hause besuchen könnte. Anstatt im Krankenhaus.
Heute denke ich, wie schön wäre es, wenn ich sie im Krankenhaus besuchen könnte. Wenn es noch eine Chance gäbe und sie noch leben würde. Und wenn ich sie nicht nur auf dem Friedhof besuchen könnte.

Franzi. Anton. Tamino und ich. Bei meiner Omi im Krankenhaus. Am 2. März 2014. Wir haben mit ihr mitgebrachte Eierkuchen gegessen. In der Sonne. Und sie dann, warm eingepackt, durch den Krankenhauspark geschoben. 



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