Dienstag, 9. Dezember 2014

Morgen

Morgen um 14Uhr wird unsere ganze Familie zum ersten Mal zusammenkommen, ohne dass meine Omi dabei sein kann. Um mit uns zusammenzusitzen. Mit uns zu reden. Und zu essen. Denn morgen werden wir sie beerdigen.

Gestern nacht habe ich in einem Thriller gelesen. Eine der Hauptfiguren versteckte sich gerade in einem Kühlfach für Leichen in der Rechtsmedizin. Da musste ich unweigerlich an meine Omi denken. In so einem Fach hat sie auch gelegen, beim Bestatter. Wir wissen nicht, wann sie eingeäschert worden ist. Ich wollte das auch gar nicht wissen. Glaube ich. Aber mittlerweile muss das ja schon passiert sein. Vielleicht ist es gut, wenn ich dann ab morgen weiß, wo sie liegt. Meine Omi. In ihrer Urne. Unter der Erde. Vielleicht ist es gut, wenn ich einen Ort habe, an den ich gehen kann. Aber das muss ich erst mal sehen.

Heute Mittag war ich beim Friseur. Ich unterhalte mich nicht gerne, wenn ich mir die Haare schneiden lasse. Ich finde das sinnlos. Denn warum sollte ich mit einer fremden Person über belanglose Dinge reden. Irgendwann aber fragte mich die Friseurin, ob ich schon Feierabend hätte. Nein, Urlaub, antwortete ich. Oh wie schön, fand sie, da kann man ja schon so einiges erledigen für Weihnachten. Ich sagte nur: "Ja, genau." Was ich ihr nicht sagte, das war, dass ich morgen meine Omi beerdigen werde. Und auch nicht, dass ich überhaupt keine Lust habe, irgendetwas für Weihnachten vorzubereiten. Weil ich in diesem Jahr am liebsten alles vermeiden würde, was mit Weihnachten zu tun hat. 
Eigentlich aber hatte ich es genauso geplant, wie die Friseurin es vermutet hatte. Ich habe mir extra eine Woche Urlaub genommen im Dezember. Um stressfrei alle Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Um ein paar Tage in Berlin zu sein. Um vielleicht mal auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Nicht geplannt hatte ich, in meinem Urlaub meine Omi zu beerdigen.

Ich muss noch die schwarzen Sachen bügeln, die ich morgen anziehen werde.
Das Essen, das es nach der Beisetzung bei meinen Eltern geben wird, ist fast fertig. Die Hühnersuppe. Die Rouladen. Und die Wallnusstorte. Die Torte ist eine Planänderung. Eigentlich sollte es Joghurt zum Nachtisch geben. Weil meine den Omi so gerne gegessen hat, in der letzten Zeit. Wallnusstorte würde ihr aber auch gefallen. Die hat sie immer für uns gemacht, wenn wir bei ihr, in der Vorweihnachtszeit, zum großen Familienessen eingeladen waren. Ich habe Wallnüsse aus unserem Garten für die Torte geknackt. Eigentlich hat das meine Omi immer gemacht.
Die Trauerrede ist fertig.
Die Slideshow für morgen nachmittag auch. Über 200 Bilder von meiner Omi aus diesem Jahr habe ich zusammengestellt. Und die ganze Zeit geweint. Beim ersten Mal, als ich sie mir, mit der Musik unterlegt, angesehen habe. Und beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal.
Morgen früh werden wir die Blumen für meine Omi abholen. Sie hat sich immer so über Blumen gefreut. Über Tulpen und Rosen und Amaryllis ganz besonders. Aber auch über alle anderen. Wir werden ihr Rosen aufs Grab legen. Und Lilien. Und Gerbera. Und sie wird sie nicht mehr sehen können.
Um halb zwei werden wir am Friedhof sein. Damit die Blumen und das gerahmte Bild von meiner Omi noch vor der Trauerfeier neben ihrer Urne platziert werden können. 
Neben ihrer Urne. Ich fasse es nicht. Meine Omi war zwar nicht besonders groß, so um die 1,60m, aber dass diese 1,60m jetzt in eine Urne passen, kann ich irgendwie nicht begreifen. Ein ganzer Mensch in einer Urne.

Irgendwie bin ich aber auch froh, dass es morgen so weit ist. Denn die Beisetzung lässt sich ja nicht ewig hinauszögern. Vor drei Wochen, als wir beim Bestatter saßen, hatten wir noch nicht alle erforderlichen Unterlagen beisammen. Und die Bestatterin meinte, es könne schwierig werden, mit einem Termin noch im alten Jahr. Denn um Weihnachten herum sei immer besonders viel los. Komisch, sterben denn im November und Dezember mehr Menschen als sonst? Aber mir war es eigentlich egal, wann die Beisetzung ist. Es war ja eh alles schon schrecklich. Aber morgen abend werden wir diesen Schritt hinter uns haben. Einen ersten Schritt von vielen. Irgendwie ist das auch gut. Denke ich.

Meine Omi und ich. Im September 2012. Bei einem ihrer Besuche bei mir in Braunschweig. Hier waren wir allerdings gerade in Goslar.

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