Montag, 8. Dezember 2014

Der schlimmste Moment

Komischerweise war nicht der Moment, als meine Omi starb, der bisher schlimmste für mich. Der schlimmste Moment war der, als wir nach ihrem Tod das Krankenzimmer verlassen haben und meine Omi zurücklassen mussten. Das war so unglaublich schwer. Ich konnte mich nicht trennen, weil ich wusste, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich meine Omi sehen und anfassen könnte. Jemals. Ich konnte an nichts anderes denken, als ich einen letzten Blick auf sie warf und die Zimmertür hinter ihr schloss.
In den Tagen davor, als ich wusste, dass sie bald sterben würde, hatte ich erwartet, dass der schlimmste Moment der sein würde, in dem sie für immer zu atmen aufhört. Aber das war nicht so. 
Der Moment, in dem sie starb, war friedlich. Wir waren an ihrer Seite. Und meine Omi schien keine Schmerzen zu haben. Das Leben wich ganz ruhig aus ihr. Während ich ihr Wesen und ihre Liebe für uns für immer in meinem Herzen haben werde. 
Nachdem sie gestorben war, wurde ihr Gesicht ganz weiß. Und ihre Lippen. Weil das Blut nicht mehr zirkulierte und ihr Oberkörper leicht erhöht lag. Ihre Hände, ihre Arme und ihr Gesicht waren noch einige Zeit lang warm. Bevor sie dann immer kälter wurden.  
Aber ich fand das nicht so schlimm, wie ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Denn meine Omi war ja immer noch da. Auch wenn ihr Herz nicht mehr schlug. Aber wir konnten immer noch mit ihr sprechen. Sie anfassen. Sie sehen. Und uns vielleicht auch unbewusst der Illusion hingeben, dass sie nur kurz eingeschlafen sei. Da war es noch nicht ganz so endgültig, wie in dem Moment, als wir sie im Krankenhaus zurückließen. 

Ich weiß nicht, wo sich der Tag der Beerdigung einreihen wird. Und der Augenblick, an dem ich die Urne sehen werde, die ihre Asche enthält. Und der Moment, in dem ihre Urne in die Erde gelassen wird. 

Für mich wird dies die erste Beerdigung eines mir sehr nahestenden Menschen sein. Und ich denke, dass es ein sehr schwerer Gang werden wird. Obwohl sich durch die Beisetzung ja faktisch nichts ändert. Denn alles hat sich schon geändert. Am 16. November. Als meine Omi starb. Seit dem fehlt sie mir. Dass wir sie in weniger als 48 Stunden beisetzen werden, wird die Situation nicht noch trauriger machen, als sie es schon ist. Und trotzdem denke ich, dass es furchtbar werden wird.

Wahrscheinlich findet jeder Mensch Beerdigungen schrecklich. Meine Omi tat sich besonders schwer damit. Sie war in Westberlin geboren und aufgewachsen. Als junge Frau zog sie dann in den Osten der Stadt. Nach dem Bau der Mauer durfte sie nur in Ausnahmefällen nach Westberlin reisen, um ihre Familie zu besuchen. Und als ihre Mutter 1981 starb, bekam sie keine Ausreisegenehmigung. Sie konnte bei ihrer Beerdigung nicht dabei sein. Das hatte meine Omi bis zuletzt nicht verarbeitet. Und wenn sie darüber sprach, kamen ihr immer die Tränen.

Bis heute konnte ich den Pullover, den ich trug, als meine Omi starb, nicht in die Waschmaschine stecken. Genausowenig wie das Tuch, das ich umhatte. In diesen Sachen habe ich meine Omi das letzte Mal umarmt. Und ich kann sie noch nicht waschen. Sie liegen in meinem Zimmer auf dem Tisch. Obwohl ich doch eigentlich so viele andere Sachen habe, die mich an sie erinnern.

Die Rede, die ich für die Trauerfeier meiner Omi geschrieben habe, ist fertig. Wir haben sie an den Trauerredner geschickt, der sie für uns vortragen wird. Er rief bei uns und sagte, dass er wirklich schon sehr viele Reden gehalten hat. Die entweder von den Angehörigen selber oder aber von ihm nach den Angaben von nahen Verwandten der Verstorbenen geschrieben worden waren. Aber selten habe er so eine schöne und persönliche Rede wie die unsrige gelesen. Da habe ich mich gefreut. Und dann musste ich weinen. Denn da wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst, dass er von der Trauerrede für meine Omi sprach.

Ein Foto von meiner Omi. In sehr jungen Jahren. Das habe ich in ihren alten Fotoalben entdeckt. Ich wüsste gern, wie alt sie da war. Aber fragen kann ich sie nicht mehr.

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