Wir haben meine Omi beigesetzt. Gestern. An einem grauen und verregneten Berliner Dezembertag. Das hat gepasst. Zu unserer Stimmung. Aber ein schöner winterlicher Sonnentag hätte auch gut gepasst. Zu meiner Omi.
Unsere ganze kleine Familie war da. Einige Freunde meiner Omi. Unser Gartennachbar, der mit seiner Familie schon immer den Garten neben unserem hat. Britta, die meine Omi auch schon 20 Jahre lang kannte. Und zwei Schwimmfreunde meiner Omi. Ich fand es schön, dass sie alle da waren. Ganz am Anfang, als meine Omi gerade gestorben war, wollten wir sie nur im engsten Familienkreis beisetzen. Ich weiß gar nicht mehr warum. Wahrscheinlich war das eine Entscheidung aus dem Schock heraus. Aber gestern, da habe ich mich wirklich gefreut, als sich vor der Trauerfeier der Warteraum neben der kleinen Kapelle mit Menschen füllte, denen meine Omi wichtig war. Und die sie auf ihrem letzten Weg begleiten wollten.
Es war eine sehr schöne und würdevolle Trauerfeier, die meiner Omi bestimmt gefallen hätte. Am Kopfe der Kapelle stand die Urne meiner Omi. Von Kerzen umrandet. Daneben blickte meine Omi von einem wunderschönen Foto von ihr zu uns. Zu den Füßen ihrer weißen Urne lagen tolle Blumensträuße. Meine Omi hätte das schön gefunden. Auch die Musik wäre etwas für sie gewesen. Als wir die Kapelle betraten, wurde Bachs "Air" gespielt, auf einem Klavier und einer Geige.
Im Vorhinein hatte ich versucht, mich innerlich auf den Anblick der Urne meiner Omi vorzubereiten. Aber als ich die Urne dann sah, war es mir trotzdem unbegreiflich, dass darin meine wunderbare Omi sein sollte.
Die Trauerrede kannte ich in- und auswendig. So lange hatte ich an ihr geschrieben und sie immer wieder gelesen. Aber es war schön, sie noch einmal vorgetragen zu hören. Während ich dem Redner zuhörte, musste ich die ganze Zeit die Urne meiner Omi anschauen. Und dann wandte ich meinen Blick auf ihr Foto, direkt daneben. Dann schaute ich wieder zur Urne. Und dann wieder zum Bild ... Aber das mit der Urne und der Asche, dass wollte mir einfach nicht in den Kopf. Zwar weiß ich genau, dass der Körper meiner Omi eingeäschert wurde, aber ich dachte die ganze Zeit, dass es doch nicht wahr sein könne, dass alles, was von ihrem Körper noch übrig sei, nun in diesem kleinen, weißen Gefäß enthalten sein sollte. Meine Omi, die bis vor kurzem noch vor mir stand, mit mir gesprochen und gelacht hat. Das ist einfach unfassbar.
Als wir aus der Kapelle gingen, habe ich die Urne noch einmal angefasst. In die Erde gelassen wurde sie, während der Geiger ein Lied spielte. Wir haben alle Erde auf die Urne geworfen. Bevor wir das Grab verließen, schaute ich noch einmal in das Erdloch hinein. Und ich konnte es einfach nicht glauben, dass meine Omi nun für immer da unten liegen wird.
Ich glaube, ich fände es schön, wenn wir die Urne mit nach Hause hätten nehmen können. Zu meinen Eltern. Da würde meine Omi dann immer bei uns sein. Im Warmen. Weil sie doch in letzter Zeit immer so gefroren hat. Jetzt liegt sie in der kalten, dunklen Erde. Bei Regen. Und Minusgraden. Auch wenn ich weiß, dass dieses Gedankenspiel eigentlich unsinnig ist. Denn es ist nur ihre Asche. Meine Omi ist tot. Und sie friert nicht mehr.
Auch die Vorstellung, dass ich, wenn ich meine Omi besuchen möchte, jetzt nur noch zu ihr auf den Friedhof gehen kann, anstatt einfach an ihrer Wohungstür zu klingeln, ist sehr schwer auszuhalten für mich. Aber daran muss ich mich gewöhnen.
Vielleicht wird ihr Grab ja auch ein schöner Ort für mich, an den ich gerne gehe, um sie zu besuchen. Aber dass muss ich erst einmal sehen.
Unsere Familie war untröstlich, während wir uns von meiner Omi verabschiedeten. Aber auch die anderen Trauergäste waren sichtlich betroffen und traurig. Das fand ich schön. Es hat mich gefreut zu merken, dass auch andere Menschen meine Omi vermissen, weil sie ihnen im Leben etwas bedeutet hat. Und dass diese Menschen sich bestimmt auch gerne an sie erinnern werden.
Wir waren heute wieder auf dem Friedhof. Meine Mama, Franzi und ich. Wir wollten uns das Grab ansehen, nachdem es zugemacht worden war. Und vor allem noch einmal den Stein und die vielen schönen Blumen. Gestern haben wir wahrscheinlich nur die Hälfte von allem, wenn überhaupt, wahrgenommen.
Ich fand es sehr traurig an ihrem Grab. Aber nicht trauriger, als sowieso schon. Wir haben zwei Kerzen für sie angezündet. Und obwohl ich genau weiß, dass meine Omi jetzt hier liegt, unter der Erde, dem Stein und den Blumen, kann ich es einfach nicht verstehen.

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