Montag, 1. Dezember 2014

Weihnachten

Von mir aus könnte Weihnachten ausfallen. Ich hab da keine Lust drauf. In diesem Jahr. Aber das können wir nicht machen. Denn Tamino freut sich auf Weihnachten.
Er ist vier Jahre alt. Als ich ihn einen Tag, nachdem meine Omi gestorben war, aus dem Kindergarten abholte, sagte er: "Ich weiß, dass Omi Inge gestorben ist. Und ich hab das Philipp erzählt (sein Freund). Und ich hab das Kathrin erzählt (seine Erzieherin)." Aber er weiß natürlich nicht, was tot sein tatsächlich bedeutet.
Neulich fragte er mich, ob ich traurig sei. Ich nickte. Er wollte wissen warum. Ich sagte, wegen Omi Inge. Da hat er mich angelächelt und seinen Kopf auf meinen Schoß gelegt.
Er sieht, dass wir traurig sind, aber er fände es wohl nicht in Ordnung, wenn Weihnachten deswegen ausfallen würde.

Franzi erwartet in vier Wochen ihr zweites Kind. Meine Nichte. Jetzt schon meine Lieblingsnichte. Passend zum Lieblingsneffen. Bisher hatte ich gehofft, das Baby kommt erst nach Weihnachten, vielleicht mit ein bisschen Verspätung irgendwann im Januar. Weil es ja eigentlich doof wäre, fürs Baby, wenn es direkt um Weihnachten herum zur Welt kommt. Und weil es im Januar noch keine Geburtstage in unserer Familie gibt.
Mittlerweile wünsche ich mir, ganz egoistisch, dass es vor Weihnachten geboren wird. Ich tippe auf den 18. Dezember. Dann wären Heiligabend und die Feiertage vielleicht ein klein wenig erträglicher. Und da ich mit meinen Gedanken ja keinerlei Einfluss auf das tatsächliche Geburtsdatum habe, kann ich mir den 18. Dezember ja weiterhin wünschen. Ganz egoistisch.

Unsere Omi hat Franzi oft gefragt, was das Baby macht. Ob Franzi irgendwelche Beschwerden hat. Ob alles gut läuft. Sie hat sich sehr gefreut auf das Baby. Und hat, wie wir, ganz fest angenommen, dass sie es noch kennenlernen wird.
Als ich das letzte Mal bei meiner Omi zu Hause war, am Abend bevor sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, da bat sie mich, mal auf ihrem Papierstapel auf dem Tisch nach einem Briefumschlag zu suchen. Auf die Rückseite hatte sie einen Namen für das Baby raufgeschrieben, den sie kurz zuvor irgendwo gehört hatte. Leider hab ich den Umschlag nicht mehr gefunden. Und meiner Omi fiel der Name nicht mehr ein.
Wie schade, meinte Franzi. Vielleicht wäre das DER Name gewesen. Für das zweite Urenkelkind meiner Omi, das sie nicht mehr kennenlernen wird.

Wir. Weihnachten 2013. 




Gestern abend im Bett ließ ich für ein paar Sekunden den Gedanken zu, dass ich morgens aufwachen und feststellen würde, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen ist. Aber so sehr ich mir das wünsche - meine Omi ist seit zwei Wochen tot. Und ihr Platz wird an Weihnachten leer bleiben. Und an allen Tagen davor. Und danach.

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