Donnerstag, 18. Dezember 2014

Was ich Dir gerne erzählen würde

Liebe Omi,

seit fast fünf Wochen bist Du schon nicht mehr bei uns. Das ist so schwer zu verstehen. Ich denke die ganze Zeit an Dich. Den ganzen Tag lang. Ich sehe Dich immer vor mir. Wie Du sprichst. Und wie Du lachst. Und manchmal mache ich mir gedanklich eine Notiz, die lautet: "dass muss ich Omi erzählen, wenn ich sie nachher anrufe." Dass passiert mir immer dann, wenn ich mal für eine Millisekunde vergesse, dass Du tot bist. Wenn ich vergesse, dass ich Dich nicht mehr anrufen kann.

Und es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Nicht Besonderes. Nur so alltägliche Dinge. Aber sie würden Dich interessieren. Denn Du hast Dich immer dafür interessiert, was wir so machen. Auch wenn es nur Alltägliches war. Und mein Bedürfnis, mit Dir zu sprechen, wird immer größer, umso mehr Zeit vergeht.

Seit Montag gehe ich wieder arbeiten. Es ist ganz ok. Es ist immer so lange ok, bis mir jemand sein Beileid bekundet. Und mich fragt, wie es mir geht. Dann muss ich meistens weinen. Es ist sehr viel zu tun, weil ich ja über vier Wochen gefehlt habe. Und meine ganze Arbeit liegen geblieben ist. Die Ablenkung ist ganz angenehm. Und bei der Arbeit ist es mir auch zwischendurch passiert, dass ich mal nicht an Dich gedacht habe. Aber immer nur für wenige Sekunden. Und wenn mir dann wieder eingefallen ist, was am 16. November passiert ist, dann dachte ich immer, dass es doch einfach nicht wahr sein kann, dass Du nicht mehr da bist.

Gestern abend wollte ich mit Anke und Johanna ins alljährliche Wintertheater in Braunschweig gehen. Ein Weihnachtsstück stand auf dem Programm. Die Aufführungen sind immer sehr schnell ausverkauft, so dass wir letztes Jahr keine Karten mehr bekommen haben. Dieses Jahr hatten wir Glück. Aber die beiden sind ohne mich gegangen. Ich wollte nicht mit. Denn ich will mit Weihnachten nichts am Hut haben. Dieses Weihnachten ist das erste für mich ohne Dich. 34 Jahre lang habe ich Weihnachten immer mit Dir gefeiert. Dieses Jahr ist alles anders. Und Dein Platz am Tisch wird leer bleiben. Wir werden die Leberpastete, die Klöße und die Gans ohne Dich essen müssen. Und Du wirst auch keine Gemüseplatte zum Essen vorbereiten, so wie all die anderen Jahre zuvor. An Weihnachten werde ich Dich nicht mit dem Auto von zu Hause abholen, um die Kaffeezeit herum. Sondern ich werde Dich auf dem Friedhof besuchen. Der ganz in der Nähe Deiner Wohnung ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das sein wird. Von mir aus könnte Weihnachten ausfallen. Oder schon vorbei sein. Vielleicht wird es nächstes nächstes Jahr schon anders sein, aber dieses Jahr hasse ich Weihnachten.

Heute hatte ich meinen freien Tag. Ich war das erste Mal seit langem den ganzen Tag alleine zu Hause. Mit viel Zeit, um mir Gedanken zu machen. Aber ich habe es ganz gut überstanden. 
Am Nachmittag war ich kurz in der Stadt, um ein paar Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Das hat mir keinen Spaß gemacht. Obwohl ich sehr gerne schenke. Ich habe mich sehr beeilt, denn ich wollte keine Kaufhausweihnachtsmusik hören. Und keine Weihnachtsdekoration sehen. Auf dem Rückweg bin ich in die falsche Straße abgebogen und musste dann gezwungenermaßen am Braunschweiger Weihnachtsmarkt vorbei. Der sehr schön ist. Aber den ich heute ganz schrecklich fand. So schrecklich, dass mir die Tränen kamen.
Ich hoffe aber, ich kann den anderen eine Freude machen mit dem, was sie unterm Weihnachtsbaum auspacken werden. Für Dich hatte ich auch schon ein paar Geschenkideen. Aber diese Geschenke kann ich Dir leider nicht mehr machen.
Das einzige, was ich heute für Dich gekauft habe, sind Bilderrahmen. Für Bilder von Dir. Erinnerungen an Dich und Fotos von Dir sind das einzige, was mir bleibt. Jetzt, nachdem Du gestorben bist. Und zum Glück habe ich so viele Erinnerungen. Und so viele Fotos. Glückliche. Und schöne.

Normalerweise freue ich mich auch immer sehr, wenn ich beschenkt werde. Aber dieses Weihnachten ist alles anders. Und ich habe nur einen Wunsch, den mir niemand erfüllen kann. Ich wünschte, der 16. November wäre nie geschehen. Und Du wärst noch bei uns.

Jeden Tag frage ich Franzi, ob sich schon etwas tut beim Baby. Wir alle warten sehr auf das kleine Mädchen, das noch keinen Namen hat. Denn dann wird es bestimmt wieder ein bisschen heller in unserem Leben. Du hättest mich jetzt, so kurz vor der Geburt, wahrscheinlich auch jeden Tag am Telefon gefragt, ob es etwas Neues von Fränzi gibt. Ich glaube übrigens, Du bist die einzige, die sie immer Fränzi nannte. Du wärst auch ganz gespannt, wann wir endlich unser neues Familienmitglied begrüßen können. Nun aber kannst Du das Baby nicht einmal mehr kennenlernen. Das ist so traurig.

Du fehlst mir so. Du fehlst uns so. Und ich wünschte, alles wäre anders.

Deine Nadine


Letztes Weihachten. Kurz nach der Ankuft des Weihnachtsmannes.



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