Samstag, 13. Dezember 2014

Omi Inge

Gestern war ich mit Tamino im Kino. Das Kino ist 5 Gehminuten von der Wohnung meiner Omi entfernt. Vor ein paar Wochen noch, da hätten wir sie bestimmt besucht. Entweder vor dem Kino. Zum Mittag vielleicht. Oder danach. Zum Kaffee trinken dann. Wenn wir sie gestern hätten besuchen wollen, hätten wir zum Friedhof gehen müssen.

In Berlin-Köpenick, dem Bezirk, in dem meine Familie lebt, sind vor kurzem zwei junge Menschen ums Leben gekommen. Sie stürzten mit ihrem Auto durch eine Brückenabsperrung in die Dahme hinein, ihr Auto sank, und sie konnten sich alleine nicht mehr befreien. Die Unglücksstelle ist mittlerweile mit Blumen und Kerzen übersät. Als ich mit Tamino gestern daran vorbeifuhr, sagte er: "Das ist wie bei Omi Inge. Da stehen auch Kerzen. Und wir können sie immer besuchen."
Kurz zuvor waren wir an einem Behindertenparkplatz mit einem großen, aufgedruckten Rollstuhlsymbol vorbeigelaufen. Tamino zeigte auf den Rollstuhl und meinte: "Wenn Omi Inge noch da wäre, dann könnte sie hier parken. Aber Omi Inge kann ja jetzt nicht mehr Auto fahren."
Ich finde es rührend, dass Tamino mal hier, mal da, den Bezug zu Omi Inge herstellt, wenn er etwas sieht, was ihn an sie erinnert. Meistens kommt das aber so plötzlich und unvermittelt aus dem kleinen Mann heraus, dass mir immer die Tränen kommen. Schade, dass er sich eines Tages wahrscheinlich gar nicht mehr an Omi Inge erinnern wird. Zumindest nehme ich das an, denn ich glaube, von meiner Kindheit als Vierjährige weiß ich nichts mehr.

"Nie wieder" - diese zwei Worte haben eine Tragweite, die ich nicht fassen kann. Ich werde meine Omi nie wieder sehen. Nie wieder mit ihr sprechen. Ihr nie wieder etwas erzählen können. Sie nie wieder nach ihrer Meinung fragen. Immer mal wieder, wenn mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, dann beginnt mein Herz an zu rasen und ich bekomme Panik. Ich schiebe diese Gedanken dann erst einmal wieder weg. Ich muss das in kleinen Schritten verstehen lernen. Und nach und nach akzeptieren. Auf einmal geht das nicht. Das ist zu viel. Die Bedeutung von "nie wieder" ist einfach zu groß.

Tamino und Omi Inge vor dem Haus meiner Omi. Im April 2014. Sie waren gerade aus dem Garten zurück. Denn meine Omi hat frischen Schnittlauch in der Hand.


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