Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ein letztes Geschenk

Ich habe eine Rede geschrieben. Für meine Omi. Für ihre Trauerfeier. Ein letztes Geschenk an sie. Ich hoffe, die Rede wird ihr gerecht. Und ich denke, dass sie ihr gefallen hätte. Genauso wie die vielen schönen Blumen, die heute an ihrer Urne lagen.


"Man lebt nicht nur einmal, sondern zweimal, schrieb der französische Schriftsteller Balzac. Das erste Mal in der Wirklichkeit. Das zweite Mal in der Erinnerung der Menschen, die man zurücklässt. Und denen man viel bedeutet.
Der Schmerz des Verlustes ist unendlich groß. Der Tod ist unfassbar, und die Vorstellung, einen geliebten Menschen nie mehr wiederzusehen, ist unerträglich. 
Doch niemand ist wirklich tot, solange er noch geliebt und sich an ihn erinnert wird. Menschen, die wir lieben, bleiben mit uns lebendig. Denn man lebt nicht nur zweimal, wie Balzac schrieb, sondern man liebt auch zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.

Wir möchten uns heute gemeinsam mit Liebe und Dankbarkeit an Ingeborg Wilke erinnern - die eine wunderbare, liebevolle und einzigartige Mama, Omi, Schwester, Tante, Uromi, Schwiegermutter, Freundin und Bekannte war. Und die am 16. November im Alter von 81 Jahren von uns gegangen ist.

Inge wurde am 15. August 1933 in Berlin-Tegel geboren. Dort genoss sie, trotz der Kriegsjahre, zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Lieselotte und ihren Eltern Johanna und Helmut Benke ein sehr glückliche Kindheit.
1955 heiratete Inge den Juristen Fritz Wilke und zog in den Osten von Berlin. Im März 1959 kam ihre Tochter Simone zur Welt, die sie nach ihrer Scheidung 1963 alleine großzog.
Inge hat ihr Leben lang viel gearbeitet, zunächst als Stenotypistin, Sekretärin und Sachbearbeiterin, später dann als Organisator. Zunächst war sie in den „Borsigwerken“ in Tegel angestellt. Drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter führte sie ihr Berufsleben 1962 zur "Deutschen Lufthansa", später dann "Interflug" genannt. Hier absolvierte sie auch ein Studium, das sie 1971 als Ingenieur-Ökonomin abschloss. 1972 wechselte Inge zum "VEB -Kühlautomat", bevor sie 1982 ein weiteres Mal neu anfing, diesmal beim „VEB Medizinische Geräte" - dort blieb sie bis zum Ende ihres Berufslebens.

Im Oktober 1979 wurde Inge zum ersten Mal Oma - ihre Enkeltochter Nadine wurde geboren. Im Juli 1985 folgte Franziska, ihr zweites Enkelkind. Und Inge hatte sogar das große Glück, noch Uroma zu werden, als Tamino im Jahre 2010 zur Welt kam. Ihre Enkel hatten immer einen besonderen Platz in Inges Herzen. Sie nahm großen Anteil an ihrem Leben, erzählte gerne von ihnen und war sehr stolz auf sie.

Durch den Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 war Inge über viele Jahre hinweg von einem Großteil ihrer Familie getrennt, gegenseitige Besuche waren nur unter großen Schwierigkeiten möglich. Umso größer war die Freude, als die Mauer 1989 fiel. Nun konnte man sich wieder regelmäßig hören und sehen. Und vieles nachholen, was jahrelang nicht möglich gewesen war. So auch zum Beispiel einige gemeinsame Familienurlaube in Dänemark oder Reisen nach Österreich oder in den Schwarzwald, die die Schwestern Inge und Lilo zusammen unternahmen.
Am wohlsten fühlte sich Inge immer im Kreise ihrer Familie. Zum Beispiel in Müggelheim, bei Simone, Nadine, Franzi, Norbert, Tamino und Anton. Oder in Tegel, wo ihre Schwester Lilo, ihre Nichte Silke und deren Kinder Maria und Valentin bis heute leben. Die Familie traf sich regelmäßig - an den Feiertagen und Geburtstagen, im Sommer oft im Garten und natürlich auch zwischendurch. Bald ist Weihnachten. Und Inges zweites Urenkelkind wird auf die Welt kommen - zwei Ereignisse, auf die sie sich sehr gefreut hatte, und die sie nun leider nicht mehr miterleben kann.
Nach ihrer Familie war Inge ihr Garten, den sie fast 30 Jahre lang hegte und pflegte, das Allerliebste. Bis zum letzten Jahr fuhr sie, wann immer möglich, mit dem Fahrrad hinaus. Ihr wunderschöner Garten hat Inge jung gehalten. Ihre 81 Jahre sah man ihr nicht an - was vielleicht auch daran lag, dass sie kein einziges graues Haar hatte. Gerne hielt Inge auch ein Pläuschen mit den Gartennachbarn ab. In den letzten Jahren ging ihr die Gartenarbeit nicht mehr so leicht von der Hand. Aber auch, wenn ihre Familie sie zunehmend unterstützte, so hat sie das meiste doch immer noch alleine gemacht. Wenn sie dann mal unzufrieden war, weil sie nicht so gut vorankam, sagte Nadine: "Omi, der Garten sieht so schön aus. Ein bisschen Unkraut ist doch nicht schlimm. Und nur, weil Du den Garten hast, bist Du noch so fit. Andere Leute in Deinem Alter sitzen schon seit Jahren im Schaukelstuhl im Altersheim." Da hat Inge immer gelacht und ihr recht gegeben.

Auch in ihrem letzten Lebensjahr hat Inge viel Kraft und Lebensmut aus ihrem Garten gezogen. Zwar konnte sie nun nicht mehr aufs Fahrrad steigen, aber ihre Familie fuhr regelmäßig mit ihr raus. Oft verrichtete Inge auch selbst noch ein wenig Gartenarbeit. Blätter aufsammeln, das Beet harken - das konnte sie so akkurat wie kein anderer -, Hornspäne verteilen, Erdbeeren ernten, Äpfel einsammeln, Kübel bepflanzen, Bohnen legen oder Schnittlauch ernten zum Beispiel. Oftmals saß sie aber auch in ihrem Gartenstuhl am Beetrand oder unter dem Nußbaum und beobachtete, wie Franzi, Nadine und Simone oder auch mal Lilo gärtnerten. Inge freute sich sehr darüber, dass vor allem ihre Enkelkinder Freude an der Gartenarbeit gefunden haben.
Inge genoss das schöne Wetter und die Sonne. Sie erfreute sich an der Erdbeer-, Apfel- oder Bohnenernte. Am frisch gemähten Rasen. Oder der Amsel, die oft durch den Garten hüpfte. Herrlich ist es heute hier im Garten, sagte sie oft.
Zusammen mit ihrer Familie hatte sie einen wunderbaren Frühling, einen tollen Sommer und einen schönen Herbst in ihrem Garten, den sie mit ganz viel Arbeit und Hingabe zu dem gemacht hat, was er heute ist. Den Garten wird ihre Familie für immer mit Inge verbinden.
Inge hatte aber auch noch andere Interessen. Sie war eine begeisterte Schwimmerin und ging bis zu ihrer schweren Erkrankung regelmäßig zur Wassergymnastik. Oder zum Schwimmen, zusammen mit Günter & Helga Schmidt, ihren Freunden aus Jugendzeiten.
Außerdem war sie sehr interessiert an Politik und dem allgemeinen Weltgeschehen. Darüber tauschte sie sich gerne mit Ulla Patzke aus, ebenfalls eine Freundin aus frühesten Jahren. Inge pflegte aber noch einige andere lange Freundschaften und Bekanntschaften.  

Anfang 2014 wurde Inge schwer krank, und ihre Familie hätte sie zu diesem Zeitpunkt fast schon einmal verloren. Der Krebs, der 2012 besiegt schien, war wieder da. Um diese schlimme Krankheit so lange wie möglich aufzuhalten, begann man noch im Krankenhaus die Behandlung mit einer Chemotherapie. Die nächsten zwei Monate waren sehr schwer. Aber Inge hatte einen sehr großen Lebenswillen und rappelte sich wieder auf. Und nachdem es lange Zeit unmöglich schien, dass sie noch einmal selbstständig zu Hause würde leben können, wurde sie Ende März aus dem Krankenhaus entlassen. Die Freude war riesengroß, Inge lebte sich zu Hause wieder sehr gut ein und kam mit der Unterstützung ihrer Familie prima zurecht. 
Im August feierte Inge noch einen wunderbaren 81. Geburtstag in ihrem Garten – nachdem dieser Tag Anfang des Jahres doch in unerreichbarer Ferne gelegen hatte. Die Geburtstagsfeierlichkeiten hatte sich Inge aber auch mehr als verdient. Die Chemotherapie, die sie alle paar Wochen erhielt, brachte einige nicht unerhebliche Nebenwirkungen mit sich. Aber Inge hat über ihre Beschwerden nie viel geklagt. Sie wollte diese Behandlung, damit sie noch ein bisschen auf dieser schönen Erde bleiben kann, wie sie immer sagte. Ihr Arzt fragte sie regelmäßig, ob sie trotz aller Widrigkeiten weitermachen wolle mit der Behandlung, und sie rief immer: "Ja, auf jeden Fall weitermachen!"
Denn Inge lebte so gerne. Und ihr Lebenswille hat sie so weit gebracht. Er hat ihr über neun Monate geschenkt. Nach der schlimmen Diagnose Anfang 2014. Und er hat ihrer Familie über neun Monate mit Inge geschenkt. Und auch, wenn Inge der Wunsch nach weiteren Jahren auf dieser schönen Erde leider nicht erfüllt wurde, so ist ihre Familie sehr dankbar für die Zeit in diesem Jahr, die sie mit Inge noch verbringen durfte.
Sehr dankbar ist ihre Familie auch dafür, dass es Inge, trotz ihrer schweren Erkrankung, gut ging zu Hause. Und oft auch sehr gut, vor allem, wenn sie mit ihrer Familie zusammen war. Sie war zuversichtlich und zufrieden mit dem, was sie hatte.
Zwei Wochen, bevor es Inge am 9. November so unerwartet schlecht ging, obwohl sie an diesem Tag doch bestimmt mit großem Interesse die Feierlichkeiten zum Mauerfall im Fernsehen verfolgt hätte, unternahm sie mit ihrer Familie noch eine kleine Reise. Einige Tage verbrachte sie mit Nadine, Franzi und Tamino in Braunschweig. Bevor sich dann die ganze Familie für ein Wochenende im Harz traf. Dass sie Inge nur knapp drei Wochen später verlieren würden, ist bis heute für alle unfassbar.
Franzi und Nadine saßen am Bett ihrer Omi, als sie am Abend des 16. Novembers einschlief. Sie hielten ihre Hände und streichelten ihr Gesicht, als Inge zu atmen aufhörte. Inge war nicht alleine, als sie starb, und es ist zu hoffen, dass sie dabei auch noch die Stimmen ihrer Enkelkinder hören konnte. Auch Simone, Lilo, Silke, Norbert und Anton konnten noch von ihrer lieben Mama, Omi, Schwester, Tante und Schwiegermutter Abschied nehmen.
Inge hat sehr gerne gelacht. Und sie hat sich gerne unterhalten. Sie war ein bescheidener Mensch. Sie wollte, dass es anderen gut geht. Anstand, Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt waren Werte, die ihr wichtig waren. Über Ungerechtigkeiten ärgerte sie sich. Sie war so tapfer, als sie krank wurde. Sie wollte niemandem zur Last fallen und war immer sehr dankbar für das, was andere für sie getan haben. Und für das, was sie erleben durfte. Sie war gutmütig und großzügig. Und sie hatte ein großes Herz.
Sie freute sich über Kleinigkeiten. Über die Sonne. Über einen schönen Blumenstrauß. Über den frisch gemähten Rasen. Über Vogelgezwitscher. Über einen netten Anruf. Oder über den geschmückten Weihnachtsbaum.
Inge wurde schnell sentimental und vergoss ein paar Tränen, wenn sie etwa die Nationalhymne bei einem Sportereignis im Fernsehen hörte. Oder beim Feuerwerk zum Jahreswechsel. Oder wenn etwas Schlimmes auf der Welt passiert war. Aber nur sehr selten weinte sie wegen ihrer Krankheit. Sie hat mit ihrem Schicksal nicht gehadert, sondern es angenommen. Natürlich hat es ihr zu Schaffen gemacht, dass sie so krank war. Aber nie hat sie sich gefragt: "Warum ich?" Inge war stark und tapfer. Und meist war sie zuversichtlich, auch wenn ihr das an den Tagen, an denen es ihr nicht so gut ging, bestimmt nicht leicht fiel.
Inge war stolz auf ihre Familie. Vor allem natürlich auf ihre Tochter. Und die beiden Enkelkinder. Sie war zufrieden damit, was Simone, Nadine und Franzi aus ihrem Leben gemacht haben. Und zu welchen Menschen sie geworden sind.
Inge war sehr dankbar für alles, was ihre Familie, vor allem in diesem Jahr, für sie getan hat. Ohne Euch wäre ich nicht so weit gekommen, sagte sie einmal. Und ihre Familie ist sehr dankbar für alles, was Inge für sie getan hat. Ihr ganzes Leben lang.

Inge wäre sehr traurig darüber, dass sie nicht mehr auf der Welt ist. Darüber, dass sie in Zukunft so viel verpassen wird. Es ist so unendlich schade und traurig, dass Inge, trotz ihrer Krankheit, jetzt doch so plötzlich und unerwartet aus dem Leben gehen musste.
Gleichzeitig ist Inges Familie aber auch unendlich dankbar dafür, dass sie so eine liebe Mama, Omi, Schwester, Tante, Uromi und Schwiegermutter in ihrem Leben haben durfte. 
Es wird ein schwerer Weg werden für alle. Aber irgendwann werden die Tage auch wieder heller, und Inges Familie wird lernen, mit ihrem schmerzlichen Verlust zu leben. Und wieder froh sein. Und nicht immer nur traurig. Sondern nur noch manchmal. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem die Erinnerungen an Inge ihre Familie trösten werden. Sie glücklich machen. Und ihr Kraft geben.
Und das ist auch das, was Inge sich für ihre Lieben wünschen würde. Sie würde nicht wollen, dass sie allzu lange traurig sind über ihren Tod. Sondern sie wäre froh, wenn sich ihre Familie stattdessen über die vielen Jahre freuen würde, die sie mit Inge zusammen verbringen durften. Und wenn sie in fröhlichen Erinnerungen schwelgen, anstatt um Inge zu weinen.

Stehe nicht an meinem Grab und weine.
Ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.
Ich bin die tausend Winde, die wehen.
Ich bin der Diamantglanz auf dem Schnee.
Ich bin das Sonnenlicht auf dem reifen Korn.
Ich bin der warme Herbstregen.
Wenn du aufwachst in der Morgenstille,
bin ich der Flügelschlag der stummen Vögel.
Ich bin die sanften Sterne, die nachts leuchten.
Stehe nicht an meinem Grab und weine.
Ich bin nicht dort,
ich bin nicht tot."


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