Ich habe eine Rede geschrieben. Für meine Omi. Für ihre Trauerfeier. Ein letztes Geschenk an sie. Ich hoffe, die Rede wird ihr gerecht. Und ich denke, dass sie ihr gefallen hätte. Genauso wie die vielen schönen Blumen, die heute an ihrer Urne lagen.
"Man lebt nicht nur einmal, sondern zweimal, schrieb der französische Schriftsteller Balzac. Das erste Mal in der Wirklichkeit. Das zweite Mal in der Erinnerung der Menschen, die man zurücklässt. Und denen man viel bedeutet.
"Man lebt nicht nur einmal, sondern zweimal, schrieb der französische Schriftsteller Balzac. Das erste Mal in der Wirklichkeit. Das zweite Mal in der Erinnerung der Menschen, die man zurücklässt. Und denen man viel bedeutet.
Der Schmerz des Verlustes
ist unendlich groß. Der Tod ist unfassbar, und die Vorstellung, einen geliebten
Menschen nie mehr wiederzusehen, ist unerträglich.
Doch niemand ist wirklich
tot, solange er noch geliebt und sich an ihn erinnert wird. Menschen, die wir
lieben, bleiben mit uns lebendig. Denn man lebt nicht nur zweimal, wie Balzac
schrieb, sondern man liebt auch zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das
zweite Mal in der Erinnerung.
Wir möchten uns heute
gemeinsam mit Liebe und Dankbarkeit an Ingeborg Wilke erinnern - die eine
wunderbare, liebevolle und einzigartige Mama, Omi, Schwester, Tante, Uromi,
Schwiegermutter, Freundin und Bekannte war. Und die am 16. November im Alter
von 81 Jahren von uns gegangen ist.
Inge wurde am 15. August
1933 in Berlin-Tegel geboren. Dort genoss sie, trotz der Kriegsjahre, zusammen mit
ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Lieselotte und ihren Eltern Johanna und
Helmut Benke ein sehr glückliche Kindheit.
1955 heiratete Inge den
Juristen Fritz Wilke und zog in den Osten von Berlin. Im März 1959 kam ihre
Tochter Simone zur Welt, die sie nach ihrer Scheidung 1963 alleine großzog.
Inge hat ihr Leben lang
viel gearbeitet, zunächst als Stenotypistin, Sekretärin und Sachbearbeiterin,
später dann als Organisator. Zunächst war sie in den „Borsigwerken“ in Tegel
angestellt. Drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter führte sie ihr Berufsleben
1962 zur "Deutschen Lufthansa", später dann "Interflug"
genannt. Hier absolvierte sie auch ein Studium, das sie 1971 als
Ingenieur-Ökonomin abschloss. 1972 wechselte Inge zum "VEB -Kühlautomat",
bevor sie 1982 ein weiteres Mal neu anfing, diesmal beim „VEB Medizinische
Geräte" - dort blieb sie bis zum Ende ihres Berufslebens.
Im Oktober 1979 wurde
Inge zum ersten Mal Oma - ihre Enkeltochter Nadine wurde geboren. Im Juli 1985
folgte Franziska, ihr zweites Enkelkind. Und Inge hatte sogar das große Glück,
noch Uroma zu werden, als Tamino im Jahre 2010 zur Welt kam. Ihre Enkel hatten
immer einen besonderen Platz in Inges Herzen. Sie nahm großen Anteil an ihrem
Leben, erzählte gerne von ihnen und war sehr stolz auf sie.
Durch den Bau der Berliner
Mauer im Jahre 1961 war Inge über viele Jahre hinweg von einem Großteil ihrer
Familie getrennt, gegenseitige Besuche waren nur unter großen Schwierigkeiten
möglich. Umso größer war die Freude, als die Mauer 1989 fiel. Nun konnte man
sich wieder regelmäßig hören und sehen. Und vieles nachholen, was jahrelang
nicht möglich gewesen war. So auch zum Beispiel einige gemeinsame
Familienurlaube in Dänemark oder Reisen nach Österreich oder in den
Schwarzwald, die die Schwestern Inge und Lilo zusammen unternahmen.
Am wohlsten fühlte sich
Inge immer im Kreise ihrer Familie. Zum Beispiel in Müggelheim, bei Simone,
Nadine, Franzi, Norbert, Tamino und Anton. Oder in Tegel, wo ihre Schwester
Lilo, ihre Nichte Silke und deren Kinder Maria und Valentin bis heute leben.
Die Familie traf sich regelmäßig - an den Feiertagen und Geburtstagen, im
Sommer oft im Garten und natürlich auch zwischendurch. Bald ist Weihnachten.
Und Inges zweites Urenkelkind wird auf die Welt kommen - zwei Ereignisse, auf
die sie sich sehr gefreut hatte, und die sie nun leider nicht mehr miterleben
kann.
Nach ihrer Familie war
Inge ihr Garten, den sie fast 30 Jahre lang hegte und pflegte, das
Allerliebste. Bis zum letzten Jahr fuhr sie, wann immer möglich, mit dem
Fahrrad hinaus. Ihr wunderschöner Garten hat Inge jung gehalten. Ihre 81 Jahre
sah man ihr nicht an - was vielleicht auch daran lag, dass sie kein einziges
graues Haar hatte. Gerne hielt Inge auch ein Pläuschen mit den Gartennachbarn
ab. In den letzten Jahren ging ihr die Gartenarbeit nicht mehr so leicht von
der Hand. Aber auch, wenn ihre Familie sie zunehmend unterstützte, so hat sie
das meiste doch immer noch alleine gemacht. Wenn sie dann mal unzufrieden war,
weil sie nicht so gut vorankam, sagte Nadine: "Omi, der Garten sieht so
schön aus. Ein bisschen Unkraut ist doch nicht schlimm. Und nur, weil Du den
Garten hast, bist Du noch so fit. Andere Leute in Deinem Alter sitzen schon
seit Jahren im Schaukelstuhl im Altersheim." Da hat Inge immer gelacht und
ihr recht gegeben.
Auch in ihrem letzten
Lebensjahr hat Inge viel Kraft und Lebensmut aus ihrem Garten gezogen. Zwar
konnte sie nun nicht mehr aufs Fahrrad steigen, aber ihre Familie fuhr
regelmäßig mit ihr raus. Oft verrichtete Inge auch selbst noch ein wenig
Gartenarbeit. Blätter aufsammeln, das Beet harken - das konnte sie so akkurat
wie kein anderer -, Hornspäne verteilen, Erdbeeren ernten, Äpfel einsammeln,
Kübel bepflanzen, Bohnen legen oder Schnittlauch ernten zum Beispiel. Oftmals
saß sie aber auch in ihrem Gartenstuhl am Beetrand oder unter dem Nußbaum und
beobachtete, wie Franzi, Nadine und Simone oder auch mal Lilo gärtnerten. Inge
freute sich sehr darüber, dass vor allem ihre Enkelkinder Freude an der
Gartenarbeit gefunden haben.
Inge genoss das schöne
Wetter und die Sonne. Sie erfreute sich an der Erdbeer-, Apfel- oder Bohnenernte.
Am frisch gemähten Rasen. Oder der Amsel, die oft durch den Garten hüpfte.
Herrlich ist es heute hier im Garten, sagte sie oft.
Zusammen mit ihrer
Familie hatte sie einen wunderbaren Frühling, einen tollen Sommer und einen
schönen Herbst in ihrem Garten, den sie mit ganz viel Arbeit und Hingabe zu dem
gemacht hat, was er heute ist. Den Garten wird ihre Familie für immer mit Inge
verbinden.
Inge hatte aber auch noch
andere Interessen. Sie war eine begeisterte Schwimmerin und ging bis zu ihrer schweren
Erkrankung regelmäßig zur Wassergymnastik. Oder zum Schwimmen, zusammen mit
Günter & Helga Schmidt, ihren Freunden aus Jugendzeiten.
Außerdem war sie sehr
interessiert an Politik und dem allgemeinen Weltgeschehen. Darüber tauschte sie
sich gerne mit Ulla Patzke aus, ebenfalls eine Freundin aus frühesten Jahren. Inge
pflegte aber noch einige andere lange Freundschaften und Bekanntschaften.
Anfang 2014 wurde Inge
schwer krank, und ihre Familie hätte sie zu diesem Zeitpunkt fast schon einmal
verloren. Der Krebs, der 2012 besiegt schien, war wieder da. Um diese schlimme
Krankheit so lange wie möglich aufzuhalten, begann man noch im Krankenhaus die Behandlung
mit einer Chemotherapie. Die nächsten zwei Monate waren sehr schwer. Aber Inge
hatte einen sehr großen Lebenswillen und rappelte sich wieder auf. Und nachdem
es lange Zeit unmöglich schien, dass sie noch einmal selbstständig zu Hause
würde leben können, wurde sie Ende März aus dem Krankenhaus entlassen. Die
Freude war riesengroß, Inge lebte sich zu Hause wieder sehr gut ein und kam mit
der Unterstützung ihrer Familie prima zurecht.
Im August feierte Inge
noch einen wunderbaren 81. Geburtstag in ihrem Garten – nachdem dieser Tag Anfang
des Jahres doch in unerreichbarer Ferne gelegen hatte. Die Geburtstagsfeierlichkeiten
hatte sich Inge aber auch mehr als verdient. Die Chemotherapie, die sie
alle paar Wochen erhielt, brachte einige nicht unerhebliche Nebenwirkungen mit
sich. Aber Inge hat über ihre Beschwerden nie viel geklagt. Sie wollte diese
Behandlung, damit sie noch ein bisschen auf dieser schönen Erde bleiben kann,
wie sie immer sagte. Ihr Arzt fragte sie regelmäßig, ob sie trotz aller
Widrigkeiten weitermachen wolle mit der Behandlung, und sie rief immer: "Ja,
auf jeden Fall weitermachen!"
Denn Inge lebte so gerne.
Und ihr Lebenswille hat sie so weit gebracht. Er hat ihr über neun Monate
geschenkt. Nach der schlimmen Diagnose Anfang 2014. Und er hat ihrer Familie
über neun Monate mit Inge geschenkt. Und auch, wenn Inge der Wunsch nach
weiteren Jahren auf dieser schönen Erde leider nicht erfüllt wurde, so ist ihre
Familie sehr dankbar für die Zeit in diesem Jahr, die sie mit Inge noch verbringen
durfte.
Sehr dankbar ist ihre Familie
auch dafür, dass es Inge, trotz ihrer schweren Erkrankung, gut ging zu Hause.
Und oft auch sehr gut, vor allem, wenn sie mit ihrer Familie zusammen war. Sie
war zuversichtlich und zufrieden mit dem, was sie hatte.
Zwei Wochen, bevor es
Inge am 9. November so unerwartet schlecht ging, obwohl sie an diesem Tag doch
bestimmt mit großem Interesse die Feierlichkeiten zum Mauerfall im Fernsehen
verfolgt hätte, unternahm sie mit ihrer Familie noch eine kleine Reise. Einige
Tage verbrachte sie mit Nadine, Franzi und Tamino in Braunschweig. Bevor sich dann
die ganze Familie für ein Wochenende im Harz traf. Dass sie Inge nur knapp drei
Wochen später verlieren würden, ist bis heute für alle unfassbar.
Franzi und Nadine saßen
am Bett ihrer Omi, als sie am Abend des 16. Novembers einschlief. Sie hielten
ihre Hände und streichelten ihr Gesicht, als Inge zu atmen aufhörte. Inge war
nicht alleine, als sie starb, und es ist zu hoffen, dass sie dabei auch noch
die Stimmen ihrer Enkelkinder hören konnte. Auch Simone, Lilo, Silke, Norbert
und Anton konnten noch von ihrer lieben Mama, Omi, Schwester, Tante und
Schwiegermutter Abschied nehmen.
Inge hat sehr gerne
gelacht. Und sie hat sich gerne unterhalten. Sie war ein bescheidener Mensch.
Sie wollte, dass es anderen gut geht. Anstand, Höflichkeit, Freundlichkeit und
Respekt waren Werte, die ihr wichtig waren. Über Ungerechtigkeiten ärgerte sie sich.
Sie war so tapfer, als sie krank wurde. Sie wollte niemandem zur Last fallen
und war immer sehr dankbar für das, was andere für sie getan haben. Und für
das, was sie erleben durfte. Sie war gutmütig und großzügig. Und sie hatte ein
großes Herz.
Sie freute sich über
Kleinigkeiten. Über die Sonne. Über einen schönen Blumenstrauß. Über den
frisch gemähten Rasen. Über Vogelgezwitscher. Über einen netten Anruf. Oder
über den geschmückten Weihnachtsbaum.
Inge wurde schnell
sentimental und vergoss ein paar Tränen, wenn sie etwa die Nationalhymne bei
einem Sportereignis im Fernsehen hörte. Oder beim Feuerwerk zum Jahreswechsel.
Oder wenn etwas Schlimmes auf der Welt passiert war. Aber nur sehr
selten weinte sie wegen ihrer Krankheit. Sie hat mit ihrem Schicksal nicht
gehadert, sondern es angenommen. Natürlich hat es ihr zu Schaffen gemacht, dass
sie so krank war. Aber nie hat sie sich gefragt: "Warum ich?" Inge
war stark und tapfer. Und meist war sie zuversichtlich, auch wenn ihr das an
den Tagen, an denen es ihr nicht so gut ging, bestimmt nicht leicht fiel.
Inge war stolz auf ihre
Familie. Vor allem natürlich auf ihre Tochter. Und die beiden Enkelkinder. Sie
war zufrieden damit, was Simone, Nadine und Franzi aus ihrem Leben gemacht
haben. Und zu welchen Menschen sie geworden sind.
Inge war sehr dankbar für
alles, was ihre Familie, vor allem in diesem Jahr, für sie getan hat. Ohne Euch
wäre ich nicht so weit gekommen, sagte sie einmal. Und ihre Familie ist sehr
dankbar für alles, was Inge für sie getan hat. Ihr ganzes Leben lang.
Inge wäre sehr traurig
darüber, dass sie nicht mehr auf der Welt ist. Darüber, dass sie in Zukunft so
viel verpassen wird. Es ist so unendlich schade und traurig, dass Inge,
trotz ihrer Krankheit, jetzt doch so plötzlich und unerwartet aus dem
Leben gehen musste.
Gleichzeitig ist Inges
Familie aber auch unendlich dankbar dafür, dass sie so eine liebe Mama, Omi,
Schwester, Tante, Uromi und Schwiegermutter in ihrem Leben haben durfte.
Es wird ein schwerer Weg
werden für alle. Aber irgendwann werden die Tage auch wieder heller, und Inges Familie
wird lernen, mit ihrem schmerzlichen Verlust zu leben. Und wieder froh sein.
Und nicht immer nur traurig. Sondern nur noch manchmal. Irgendwann wird der Tag
kommen, an dem die Erinnerungen an Inge ihre Familie trösten werden. Sie
glücklich machen. Und ihr Kraft geben.
Und das ist auch das, was
Inge sich für ihre Lieben wünschen würde. Sie würde nicht wollen, dass sie
allzu lange traurig sind über ihren Tod. Sondern sie wäre froh, wenn sich ihre
Familie stattdessen über die vielen Jahre freuen würde, die sie mit Inge
zusammen verbringen durften. Und wenn sie in fröhlichen Erinnerungen schwelgen,
anstatt um Inge zu weinen.
Stehe nicht an meinem
Grab und weine.
Ich bin nicht dort. Ich
schlafe nicht.
Ich bin die tausend
Winde, die wehen.
Ich bin der Diamantglanz
auf dem Schnee.
Ich bin das Sonnenlicht
auf dem reifen Korn.
Ich bin der warme
Herbstregen.
Wenn du aufwachst in der
Morgenstille,
bin ich der Flügelschlag
der stummen Vögel.
Ich bin die sanften
Sterne, die nachts leuchten.
Stehe nicht an meinem
Grab und weine.
ich bin nicht tot."
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