Sonntag, 7. Dezember 2014

Langsamer Abschied

Seit ein paar Tagen blättere ich durch Fotos. Wir haben die Fotoalben aus der Wohnung meiner Omi geholt. Mit Fotos von ganz früher. Die Alben riechen nach ihrer Wohnung. Und damit nach ihr. Manchmal stecke ich meine Nase in ein Album und atme tief ein.
Die meisten Fotos aber sind digital. Und liegen auf meinem Rechner. Ich suche die schönsten Bilder raus. Die wir uns dann nach ihrer Beisetzung anschauen wollen.

Ich habe schon immer viel fotografiert. Alles um mich herum. Die Natur halte ich gerne fest. Vor allem aber Menschen. Bei jedem Familientreffen. An jedem Feiertag. Und auch bei allen anderen Anlässen. Jetzt ist mir aufgefallen, dass einige der schönsten Bilder von meiner Omi in diesem Jahr entstanden sind. Ich habe 2014 besonders viele Bilder von ihr gemacht.

2014 war eines der anstrengendsten Jahre meines Lebens. Eines der schönsten aber auch. Sowie das schlimmste, seit dem 16. November, als meine Omi starb. Ich war mir immer bewusst darüber, dass es meiner Omi, nachdem die Chemotherapie angeschlagen hatte und sie wieder nach Hause durfte, jederzeit wieder schlechter gehen könnte. Nichts war garantiert. Niemand konnte voraussagen, wie lange ihr die Chemotherapie helfen würde. Und ob der Krebs nicht trotzdem weiterwachsen würde. Und niemand konnte sagen, wie lange meine Omi noch leben würde. Im besten Fall einige Jahre, hatte ihr Onkologe einmal gesagt. Im schlimmsten Fall aber könnte es sehr schnell gehen.

Meine Omi hatte noch neun Monate. Nach der Diagnose. Und das Ende ihres Lebens kam sehr schnell. Und sehr unerwartet. Trotz allem.

Ich habe mir in diesem Jahr viele Sorgen um meine Omi gemacht. Bei jedem Kontrolltermin beim Onkologen war ich extrem aufgeregt. Vor den CT-Auswertungen war ich sehr nervös. Und immer, wenn ich sie anrief, befürchtete ich ein wenig, dass heute vielleicht der Tag wäre, an dem die Situation umschlagen würde. Der Tag, an dem es ihr wieder schlechter geht. Meistens aber hörte ich schon an ihrer Stimme, die mich freudig begrüßte, dass es ihr gut ging. 

Ich war in diesem Jahr an fast jedem freien Tag in Berlin. Am Sonntag sowieso, und meistens auch noch am Montag. Jeden Feiertag habe ich mit meiner Familie gefeiert. An jedem Familiengeburtstag war ich dabei. Meinen Urlaub habe ich hauptsächlich in Berlin verbracht. Genauso wie jeden anderen freien Tag zwischendurch. Und ich war so oft im Garten, mit meiner Omi und dem Rest der Familie, wie schon jahrelang nicht mehr.
Wäre meine Omi Anfang des Jahres nicht so krank geworden, hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Natürlich wäre ich an jedem Geburtstag und vielen Feiertagen zu Hause gewesen. Aber meinen Urlaub hätte ich bestimmt auch mal anders verbracht. Und den einen oder anderen Sonntag hätte ich auch in Braunschweig etwas zu tun gehabt. Aber ich bin, wann immer möglich, nach Berlin gefahren. Weil ich nicht wusste, wie lange ich meine Omi noch haben würde. Vielleicht war es auch ein langsames, bewusstes Abschied nehmen, im Nachhinein betrachtet. Denn ich habe mir auch immer wieder gedacht, vielleicht ist es das letzte Ostern oder Pfingsten, das wir mit ihr feiern können. Oder der letzte Geburtstag. Aber ich wusste natürlich nicht, wann der Abschied tatsächlich kommen würde. Und ich hatte mir so sehr gewünscht, dass das erst in ein paar Jahren wäre.

Ich bin sehr froh, dass ich das genau so gemacht hab. Und wäre meine Omi nicht so krank geworden, Anfang des Jahres, sondern jetzt plötzlich verstorben, dann würde ich nun vielleicht sagen, ich hätte gerne so viel mehr von ihr gehabt, in 2014. 

Ich bin unendlich traurig über ihren Tod. Und ich bin unendlich froh über die viele schöne Zeit, die ich mit ihr zusammen in diesem Jahr verbracht habe. 

Umso älter meine Omi wurde, umso schicker kleidete sie sich. Aber es gab auch einmal Zeiten, in denen sie Kittelschürze trug. Aber das ist locker 30 Jahre her. Wie hier, vor Ewigkeiten, in unserem Garten. (Aber schon damals hatten wir viele tolle Erdbeeren.)

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