Freitag, 5. Dezember 2014

In fünf Tagen

In fünf Tagen werden wir meine Omi beisetzen. Alles, was von ihrem Körper dann noch übrig ist, wird in eine kleine Urne passen. Wir werden sehen, wie ihre Urne in die Erde gelassen wird. Und ein Stein auf ihr Grab gelegt wird. Und das war es dann. Ich kann mir das kaum vorstellen.
Die Beisetzung wird der schlimmste und schwierigste Tag meines bisherigen Lebens werden. Ich hoffe aber, dass ich diesem Tag auch irgendetwas positives abgewinnen kann. Vielleicht kann die Beerdigung meiner Omi ein erster kleiner Meilenstein im Trauerprozess sein. Ein erster kleiner Meilenstein von ganz vielen, die noch folgen werden.

Am ersten Morgen nach dem Tod meiner Omi saßen meine Mama und ich bei der Bestatterin. Diese war eine recht vergnügte Frau, die zwar ihr Beileid aussprach, aber ansonsten gänzlich unbeteiligt wirkte. Natürlich ist das Bestatten ihr Beruf. Und sie muss nicht traurig sein, zusammen mit den Angehörigen eines Verstorbenen, die vor ihr sitzen. Ein bisschen Mitgefühl und Feingefühl wären allerdings ratsam, wenn man sich entscheidet, Bestatter zu werden. Der Dame, die vor uns saß, fehlte beides. 


Meiner Mama und mir kamen abwechselnd die Tränen. Wir waren geschockt über das, was passiert war. Nicht einmal 24 Stunden zuvor. 
Und dann mussten wir uns entscheiden: für einen Friedhof, für eine Urne, für einen Grabstein, für die Grabsteininnenschrift, für die Blumen, für die Musik. Welche Stücke sollten gespielt werden? Sollten sie von CD kommen oder wünschten wir einen Organisten? Was sollte meine Omi tragen, wenn sie verbrannt wird? Wollten wir einen Trauerredner haben? Sollte es eine Traueranzeige geben? Wie sähe es aus mit den Trauerkarten für Verwandte, Freunde und Bekannte? 
All diese Fragen haben uns überfordert. Die Bestatterin gab uns nicht viel Raum zum Überlegen. Und deswegen haben wir die meisten Entscheidungen auch erst einmal aufgeschoben. Das war gut so, denn erst nach und nach, in den Tagen darauf, wurde uns immer bewusster, wie wir die Trauerfeier und Beisetzung für meine Omi gestalten wollen.
Mir war an jenem Montag, als wir im Bestattungsinstitut saßen, erst einmal alles egal. Warum eine schöne Beisetzung veranstalten? Meine Omi bekäme es sowieso nicht mehr mit? Und wieder lebendig werden würde sie auch nicht, wenn man sich besonders viel Mühe gäbe. 
Als ich aber wieder ein bisschen klarer denken konnte, sah ich das dann anders. Und jetzt hoffe ich, dass meine Omi zufrieden sein würde, wenn sie sehen könnte, wie wir uns von ihr am nächsten Mittwoch verabschieden.

Ich hätte meine Omi gerne in Anziehsachen beigesetzt, die sie gerne getragen hat. Sie sah immer so schick aus, und ich hätte ihr gerne etwas davon mit ins Grab gegeben. Eigene Sachen waren aber nicht möglich, in dem Krematorium, in dem sie verbrannt wird. Die Alternative wäre gewesen, sie nach Meißen zu bringen. Und ihre Asche dann wieder zurück nach Berlin. Aber wir wollten nicht, dass ihr Leichnam noch hin- und hergefahren wird. Also musste die Wahl auf ein weißes Sterbehemd fallen.
Einen Trauerredner wollten wir zunächste nicht haben. Was sollte denn ein fremder Mensch über meine Omi erzählen? Am nächsten Tag haben wir uns aber schon umentschieden. Und ich hoffe, dass sich meine Omi über die Rede freuen würde, die ich für sie geschrieben habe.
Die Urne hat meine Mama ausgesucht. Es ist eine schlichte weiße. Sie würde meiner Omi gefallen. Gänzlich pietätlos erklärte uns die Bestatterin vor der Auswahl den Unterschied zwischen einer Schmuckurne und einer Urnenkapsel. In ihren Erklärungen kam das Wort "Einkaufsnetz" vor.
Blumen haben wir schon bestellt. Und das Bild meiner Omi, dass neben ihrer Urne in der Kapelle stehen wird, hängt schon seit zwei Wochen fertig gerahmt im Wohnzimmer meiner Eltern. Die Musiker für die Beisetzung hat Silke organisiert. Ein Pianist und ein Geiger werden für meine Omi spielen. Das wäre genau nach ihrem Geschmack.
Wir haben einen kleinen, runden Stein für ihr Grab ausgewählt. "In Liebe" wird darauf stehen. Ihr Name. Und ihre Lebensdaten.
Nach der Beisetzung fahren wir zu meinen Eltern nach Hause. Mit den engsten Familienangehörigen. Wir werden essen, was meiner Omi in den letzten Monaten immer am besten geschmeckt hat. Hühnersuppe mit Nudeln als Vorspeise. Rouladen als Hauptspeise. Und Joghurt zum Nachtisch. Das wäre ein Festmahl für meine Omi. 
Vor allem, als sie Anfang des Jahres aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hat meine Mama ihr oft eine frische Hühnersuppe gekocht. Zum Aufpäppeln. Das war so etwas wie die Leibspeise meiner Omi.
Zum Rouladenessen hat meine Omi in der Vorweihnachtszeit immer die ganze Familie zu sich nach Hause eingeladen. Das letzte Mal im November 2013.
Joghurt hat meine Omi erst in diesem Jahr für sich entdeckt, im Krankenhaus. Wieder zu Hause, hat sie täglich mindestens zwei Joghurts verdrückt. Immer von einer bestimmten Marke, am liebsten mit Pfirsichgeschmack. Ich habe ihr unzählige Joghurtbecher in die Wohnung geschleppt, wenn ich ihre Einkäufe erledigte. 
Und dann wollen wir uns Fotos anschauen. Ganz viele Fotos. Aus dem Leben meiner Omi. Ich durchforste gerade meinen Rechner, um eine Slideshow zusammenzustellen. Die Fotos anzusehen, ist schön. Und gleichzeitig so traurig. Weil ich weiß, dass keine neuen mehr dazukommen werden.

In fünf Tagen werden wir meine Omi beisetzen. Ich möchte es einfach nicht glauben.

Meine Omi. Am 10. Juni 2014. In einem ihrer liebsten Oberteile. An Taminos 4. Geburtstag. Unter unserem großen Nußbaum (auch wenn man den hier kaum sieht) im Garten.


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