Mittwoch, 29. April 2015

Ostern

Ostern 2014 war ein kleines Wunder. Für uns. Es sah lange Zeit so aus, als würde meine Omi Ostern nicht mehr erleben. Und dann entstand dieses Foto hier. Mit uns allen. Und meiner Omi mittendrin. An Ostern 2014. Wenige Wochen, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Eigentlich war es nicht nur ein kleines Wunder, sondern sogar ein großes. Und wir waren alle so froh. 
Dass es unser letztes gemeinsames Ostern sein würde, wussten wir zu dem Zeitpunk noch nicht. Obwohl wir es natürlich befürchten mussten. Wir waren 12 Familienmitglieder. Ostern 2014. 
In diesem Jahr waren wir an Ostern wieder zu zwölft. Es war unser erstes Ostern ohne meine Omi. Und unser erstes Ostern mit Maxina.
Ostern feiern wir jedes Jahr bei meinen Eltern in Müggelheim. Meiner Omi waren unsere Familientreffen immer sehr wichtig. Ihr wäre im Leben nicht eingefallen, auch nur eines davon zu verpassen. Und sie war immer eine große Bewunderin des Osterbrunches, den meine Mama Jahr für Jahr zaubert. Obwohl für diese Torte hier Franzi verantwortlich war.
Und auch für die Cakepops. Ich sag ja immer, meine Mama kann kochen. Franzi kann backen wie ein Weltmeister. Ich kann weder das eine, noch das andere. Aber dafür kann ich Fotografieren. (Und seit neuestem auch Nähen).
"Nein, Simone, hast Du Dir wieder viel Mühe gemacht!", hat meine Omi gesagt - wann immer meine Mama sie eingeladen hatte. Zum Brunchen, zum Kaffee trinken oder zum Abendessen. 
Und es war meiner Omi auch immer sehr wichtig, Blumen zu schenken, wenn sie bei meinen Eltern zu Besuch war. Jedes Mal, wenn ich sie zu Hause abholte, fragte sie: "Du, Nadinchen, haben wir noch Zeit, beim Blumenladen anzuhalten?" Was aber eigentlich gar keine Frage war, sondern eher eine freundliche Aufforderung. Und meine Omi hat auch immer versucht, mich dazu zu bringen, meiner Mama ab und zu mal Blumen mitzubringen. "Das macht man so, wenn man zu Besuch eingeladen ist. Und Deine Mami feut sich sehr darüber!", hat sie dann immer gesagt. Mich zu erziehen, dass hat sie hin -und wieder bis zum Schluß versucht. In Punkto Blumen ist es ihr aber nicht gelungen, denn das hab ich mir bis heute nicht angewöhnt.
Hier haben wir darauf gewartet, dass das Buffet eröffnet wurde. Ostern 2014.
Mit dem Essen, das war im letzten Jahr bei meiner Omi ja immer so eine Sache. Ich beobachtete immer genau, wieviel sie aß. Und fragte sie auch jeden Tag am Telefon, was tagsüber auf ihrem Speiseplan gestanden hatte. Und war immer erleichtert, wenn sie gut gegessen hatte. 
Ostern 2014 hat es ihr richtig gut geschmeckt. Daran kann ich mich erinnern. Hier eröffneten meine Omi und meine (Groß)tante die Tafel.
Während Valentin und Tamino locker lässig Cake Pops verdrückten.
Diesen Osterhasen haben wir alle zusammen bemalt, an einem Ostersonntag vor ein paar Jahren. Jeder war für eine bestimmte Stelle zuständig. Ein Patchworkosterhase sozusagen. Meine Omi hat auch mitgemacht. Ich weiß aber nicht mehr, welchen Teil sie bemalt hat.
Jedes Jahr suchen wir unsere Ostereier im Garten. 2014 hatte mich meine Omi zuvor beauftragt, ihr aus einer Schokoladenfabrik in der Nähe von Braunschweig Pralinen mitzubringen. Zwei oder drei Jahre zuvor war ich mit ihr in eben jener Fabrik gewesen, und meine Omi hatte "für gut befunden" (auch so eine Redensart von ihr), was es dort zu kaufen gab.
Meine Omi hat auch ein bisschen gesucht. Im letzten Jahr. Aber das ihr das Laufen so schwer fiel, haben wir ihr die restlichen Ostereier zu ihrem Sitzplatz getragen.
Ich habe ihr eine Pflanze geschenkt. Fürs Wohnzimmer. Weil ihre alle eingegangen waren, als sie so lange Zeit im Krankenhaus lag. Heute steht diese Pflanze bei mir. Meine Mama hat ihr einen roten Loop geschenkt. Den meine Omi toll fand und oft und gerne getragen hat. Heute hat meine Mama ihn um den Hals.
Traditionell denkt sich meine Mama zu Ostern immer eine gemeinsame Aktion für uns alle aus. Wie zum Beispiel das Anmalen des Osterhasens vor ein paar Jahren. Ostern 2014 haben wir kleine Staffeleibilder bemalt.
Meine Omi hat nicht mitgemalt. Aber uns ganz fröhlich zugesehen, auch wenn sie hier so kritisch guckt. 
Hier die Ergebnisse.
Das Bild links außen hat meine Omi mit nach Hause genommen. Und es stand all die Monate bis zu ihrem Tod auf ihrem Fensterbrett in der Küche.
Meiner Omi ging es sehr gut. Ostern 2014. Sie genoss die Sonne. Unsere Gesellschaft. Und das leckere Essen.
Silke hatte ein Buch mitgebracht. Ostern 2014. In das wir uns alle eintragen haben, mit ein paar Gedanken zum Osterfest. Ich hatte das ganz vergessen, bis ich mir vor ein paar Tagen die Bilder hier raussuchte. Und zufälligerweise habe ich ein Foto gemacht, als Maria sich gerade eintrug und meine Omi sich schon verewigt hatte. "Der obligate Treff mit der Familie. Inge." hatte sie geschrieben. Obligatorisch war eins ihrer Lieblingsworte, und ich glaube, so oft wie von meiner Omi, habe ich das noch von niemand anderem gehört.
Und dann haben wir das obligatorische Familienbild gemacht. Jährlich zum Geburtstag meiner Omi entstand eins. Und manchmal auch zu Ostern. So wie (glücklicherweise) auch 2014.
Meine Omi und der Hase blieben dann noch ein bisschen sitzen.
Und, auch schon traditionell, noch ein kleines Osterfeuer. Für den Brandschutz hatten wir natürlich Fachpersonal dabei.
Als es dann draußen kühler wurde, haben wir den Ostersonntag im Wohnzimmer ausklingen lassen. Meine Omi, die auf Grund der Chemotherapie ja fast immer fror, saß mit einer Decke im Warmen. Es war ein ganz wunderbares letztes gemeinsames Ostern, das wir mit ihr feiern durften. Und das meine Omi noch erleben durfte. Auch ihr hat es sehr gefallen. Und sie bedankte sich sehr bei meiner Mama, "für den schönen Tag." Das tat sie immer, nach unseren Familientreffen. Und nun kann sie nicht mehr mit uns feiern. "Jammerschade" würde sie das finden, wenn sie noch etwas dazu sagen könnte.
Dieses Ostern war das erste von vielen, dass wir nun ohne sie feiern müssen. Es gab ein leckeres großes Frühstück. Und wir haben Ostereier im Garten gesucht. Wie immer. Aber es war doch so anders als im letzten Jahr. Und in den Jahren davor. 
Am Ostersamstag habe ich meine Omi auf dem Friedhof besucht. Als ich zu ihrem Grab ging, lief mir ein fast zahmes Eichhörnchen über den Weg. Das dann auf den Baum kletterte, um eine Nuss zu knappern. (Wer entdeckt es auf dem Foto?). Das hätte meine Omi erfreut. Sie hatte etwas übrig für niedliche Tiere. Sie guckte am Nachmittag gerne Tierfilme und erzählte mir dann oft davon. Mit unserer Gartenamsel, die immer über unseren Rasen hüpft, wenn wir draußen sind, war sie per Du. Und dieses zahme Eichhörnchen hätte sie auch entzückend gefunden (und dafür auch genau dieses Adjektiv benutzt).
Lila war die Farbe meiner Omi. Und Stiefmütterchen hatte sie im Frühling immer auf dem Balkon. Jetzt stehen sie auf ihrem Grab.
Am Ostersonntag in Müggelheim.
So hätte der Teller meiner Omi aussehen können. Und sie hätte es sich schmecken lassen. Auch wenn nicht viel in ihren "klitzekleinen Magen gepasst" hätte, wie sie vor ihrer Krankheit immer sagte.
Wir haben das Geschirr von meiner Omi benutzt. Sie selbst holte das immer nur "für gut" aus dem Schrank. Sie hatte auch Schuhe "für gut". Und Anziehsachen "für gut". Ich hab sie damit manchmal ein bisschen aufgezogen. Weil sie einige Sachen immer im Schrank hatte, und gar nicht benutzte, weil "für gut" noch nicht gekommen war. Meine Mama hat ihr dieses Service mal geschenkt. Vor vielen, vielen Jahren. Und es hat ihr damals schon selber sehr gut gefallen. "Na das erbst Du dann mal, wenn ich nicht mehr bin," sagte meine Omi dann zu ihr.
Ein paar Werke meiner Schwester.
Und irgendwann war es dann rum. Ostern 2015. Ohne meine Omi. Und ich war ganz froh, denn es ist nicht mehr das gleiche ohne sie. Wir haben jetzt Maxina. Sie macht vieles leichter und ist mein kleines Licht. Aber es war trotzdem schwer, ohne meine Omi. Ich hoffe, nächstes Jahr wird es schon ein bisschen leichter.

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