Mittwoch, 8. April 2015

Omi näht mit

Ich habe schon eine ganze Weile lang nicht mehr gebloggt. Was allerdings nicht daran liegt, dass ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Ganz im Gegenteil, ich habe jede Menge Gedanken im Kopf, die ich noch zu Papier bringen möchte. 
Sondern es liegt vielmehr daran, dass ich seit einiger Zeit ein neues Hobby habe. Ich nähe. Und dieses Hobby habe ich meiner Omi zu verdanken. Auch wenn sie nicht mehr lebt, bin ich durch sie zum Nähen gekommen.
Als wir die Wohnung meiner Omi ausräumten, musste auch ihre Nähmaschine irgendwo hin. Ich habe sie kurzerhand mit nach Braunschweig genommen. 
Obwohl ich sie noch nie zuvor benutzt hatte und auch nicht einmal ansatzweiße wusste, wie man sie zu bedienen hat. Nähen kannst Du nicht, dachte ich mir. Aber es wäre doch irgendwie praktisch, wenn es anders wäre. Bei diesem Gedanken blieb es aber erst einmal. Und ich stellte die Nähmaschine meiner Omi in meinen Schrank.
Ein wenig später besuchten uns Britta und Isabell im Garten. Und Britta schenkte mir diesen Eulenloop, den sie selbst genäht hatte. 
Ich war begeistert. Zum einen natürlich, weil Eulen auf dem Schal waren. Außerdem aber auch, weil Britta ihn selbstgemacht hatte und mir versicherte, dass das gar nicht schwer sei. Und so beschloss ich, dass ich das auch lernen will, das mit dem Nähen. Kurze Zeit später hatte Britta einen eintägigen Nähkurs gebucht. Für uns beide, Anfang Mai. Und ich hatte noch einen zweiten hinzugebucht. Für mich alleine, auch eintägig. In Braunschweig, Mitte April.
In den nächsten Tagen recherchierte ich nach Stoffen und wurde mehr als fündig. Außerdem schaute ich mir jede Menge Do it yourself Nähvideos an. So schwer erschien es mir wirklich nicht. Also lud ich mir auch Schnittmuster herunter und träumte eines Nachts sogar von eben jenen. Und dann wollte ich loslegen mit dem Nähen, denn wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann werde ich schnell ungeduldig und kann nicht warten. 
Alle notwendigen Utensilien hatte ich auch schon. Denn ich hatte von meiner Omi nicht nur eine Nähmaschine geerbt, sondern auch noch einen ganzen Kasten voller Nähzubehör.  
Mit jeder Menge Garnrollen. Einer Stoffschere. Stoffkreide. Knöpfen. Reißverschlüssen. Stoffresten. Sicherheitsnadeln. Druckknöpfen. Gummiband. Maßbändern.
Und jeder Menge blauer Nivea-Dosen, teilweise beschriftet, in denen meine Omi Kleinteile aufbewahrt hatte. 
Der braune Nähzubehörkasten stand immer im Schlafzimmer meiner Omi. Auf der Erde. Hinter ihrem Bett. Am Kopfende. Als Kind hat mich diese eine Nivea-Dose daraus fasziniert - die mit den Stecknadeln. 
Und dem Magneten darin. 
                  
Ich habe meine Omi oft gefragt, ob ich mir die Stecknadeldose nehmen darf. Was sie natürlich stets bejahte. Nur zur Vorsicht ermahnte sie mich immer. Und dann habe ich mit den Stecknadeln und dem Magneten gespielt. (Ich glaube aber, ansonsten war ich ein ganz normales Kind, das mit normalen Spielsachen gespielt hat ;-) ...) 
Aber obwohl ich alles notwendige hatte, um mit dem Nähen zu starten, so scheiterte ich zunächst daran, dass ich die Fäden nicht so in die Maschine bzw. wieder aus ihr herausbekam, dass die Nähmaschine auch tatsächlich funktionierte. Zwar entnahm ich der Anleitung, dass es einen Unter- und einen Oberfaden gibt. Und das man beide zum Nähen braucht. Aber beim Einfädeln des Unterfadens verließen sie mich dann ... 
Zum Glück konnten meine Mama und meine Großtante Lilo Abhilfe schaffen. Denn meine Omi und ihre Schwester hatten beide die gleiche Nähmaschine geschenkt bekommen, vor vielen Jahrzehnten, von ihrer Mutter/meiner Uroma. Die Nähmaschine, mit der ich jetzt nähe, ist also bestimmt locker 40 oder 50 Jahre alt. Meine Mama hat sich früher damit (als junge Frau) totschicke (wie sie sagt) Oberteile genäht. Und meine Tante benutzt die Nähmaschine auch heute noch. Also schleppte ich sie von Braunschweig wieder mit nach Berlin, und meine Mama und Tante Lilo erklärten mir das mit dem Einfädeln. Und wie man die verschiedenen Stiche einstellt. 
Nachdem ich also die Grundlagen gezeigt bekommen hatte, versuchte ich mich, zurück in Braunschweig, mit Hilfe eines Videos, an meinem allerersten Projekt. Einem Kissenbezug. 
Das Resultat war ein wenig zu groß geraten. Mit krummen und schiefen Nähten. Aber ich war stolz wie Bolle. Auf meinen ersten Versuch.
Am nächsten Abend nähte ich Kissen Nr. 2. Das ging schon etwas besser. Es passte tatsächlich um die Kissenhülle. Und war auch schon weniger krumm und schief.
Also kaufte ich ein paar tolle Kinderstoffe in einem lokalen Geschäft in Braunschweig und versuchte mich dann an meiner ersten Mütze. Dies ging gehörig schief, denn obwohl ich sie auf Taminos Kopfumfang zugeschnitten hatte, war die Mütze am Ende gerade einmal groß genug für einen Puppenkopf. Nachdem ich darauf gekommen war, was ich falsch gemacht hatte, startete ich einen zweiten Versuch.
Diesmal war ich erfolgreich. Also folgten weitere Mützen. Insgesamt zwei für Maxina und zwei für Tamino.
Ich nahm meine vier Werke mit nach Berlin. Und meine Kindermodelle mussten anprobieren.
Franzi war entzückt. Ich auch. Und meine Mama sowieso. Also machte ich mich an neue Projekte. Was gut mit meiner einen Woche Osterurlaub zusammenpasste. Meine Nähmaschiene hatte ich vorweislich gleich mitgenommen, nach Berlin. Eigentlich hatten Franzi und ich zwar vor, in meinem Urlaub jeden Tag im Garten zu sein, um den für den Frühling startklar zu machen, aber da es ja fast jeden Tag in der letzten Woche im Viertelstundentakt abwechselnd schneite, hagelte, regnete und stürmte, baute ich all mein Nähzubehör im Omizimmer im Haus meiner Eltern auf und nähte. Stundenlang. Auf dem Esstisch aus der Wohnung meiner Omi. Auf den Stühlen, auf denen wir immer saßen, wenn wir bei ihr zum Essen eingeladen waren. Eingerahmt von ihrem Vitrinenschrank aus ihrem Schlafzimmer und ihrer Schrankwand aus dem Wohnzimmer. Und meine Omi sah mir zu. Beim Nähen. Von dem Bild aus, dass immer auf dem Tisch im Omizimmer steht.  
Ich hatte so ein bisschen den Eindruck, dass sie mitnäht. Zumal ich ja auch das Zubehör verwende, dass sie irgendwann einmal gekauft und in den Händen gehalten hatte. Zum Beispiel das ganze bunte Nähgarn, dass jetzt die neuen Mützen, Tücher, Loops, Hosen und Pullover von Tamino und Maxina zusammenhält. Und das teilweise so alt ist, dass auf den Rollen noch die DDR-Mark-Preise draufstehen.
Bald versuchte ich mich an der ersten Pumphose für Maxina. 
Und weil das so gut geklappt hatte, nähte ich gleich noch eine hinterher. 
Am  nächsten Tagen musste wieder das kleine Model herhalten. 
Es enstanden weitere Mützen und Spucktücher. Für Maxina. Die neuerdings den ganzen Tag vor sich hinsabbert, weil sie wohl schon ihren ersten Zahn bekommt.
Und da mir das mit dem Nähen so einen Spaß macht und Franzi so begeistert davon ist, was ich für ihre Kinder zusammennähe, gingen wir Mitte der Woche in einen tollen neuen Stoffladen in Köpenick. Und danach entstand dann Maxinas Osteroutfit.
Und diese Affenhose für Tamino. Wo mir dann auch gleich ein großer Anfängerfehler unterlief - die Affen stehen auf dem Kopf. Aber zum Glück nur auf der einen Seite.
So etwas darf natürlich auch nicht fehlen. Für Tamino.
Die Sharkie-Kollektion. Für Nichte und Neffen.
Und wir stellten fest, dass Maxina einfach alles tragen kann. Auch Haie.
Und dann versuchte ich mich an etwas Neuem. Einem Hoodie für Tamino. Kompliziert und etwas aufwendiger war da nur das Zuschneiden des Schnittmusters. Das Nähen an sich ging gut.
Und dieses Foto von Maxina in ihrem neuesten Outfit im Farmer-Look schickte mir Franzi heute morgen. 
Also das mit dem Nähen, das ist etwas für mich. "Wenn das unsere Omi sehen könnte!", sagte meine Mama einmal, nachdem wir Maxina gerade in die neueste Kollektion gesteckt hatten. Oh wie sehr würde ich mir wünschen, dass ich meiner Omi meine Nähwerke zeigen könnte. "Nein, ist das niedlich!", würde sie dann bestimmt sagen. Oder "Nein, hast Du das schön gemacht!" Ich höre regelrecht, mit welcher Betonung und welchen Worten sie reagieren würde, wenn sie noch da wäre. 
Aber so muss ich mich damit begnügen, dass sie in meinen Gedanken mitnäht. Und dass ich ihre alte Nähmaschine benutze, um Maxina und Tamino auszustatten, was ihr bestimmt gefallen würde. Zum Glück läuft die noch wie am Schnürchen. Und ich werde sie gut pflegen. 

Gestern war ich mit Tamino im Kino. Das nur einige hundert Meter entfernt von der Wohnung  liegt, in der meine Omi gewohnt hat. Und auch ganz in der Nähe des Friedhofes, auf dem sie jetzt liegt. Deswegen haben wir auf dem Weg ins Kino dort noch angehalten. Zuerst wollte Tamino nicht auf den Friedhof. Ich weiß nicht warum. Das hat er mir nicht gesagt. Aber als wir dann da waren, hat er mir geholfen, die Kerzen anzuzünden und hinzustellen. Er hat das Wasser für die Vase geholt und wollte die Blumen alleine hineinstellen. 
Als wir den Friedhof wieder verließen und ich Franzi dieses Foto hier schicken wollte,
öffnete sich beim Anklicken der Galerie auf meinem Handy das vermutlich letzte Video, auf dem meine Omi mit drauf ist. Enstanden an meinem Geburtstag beim Frühstück. Rund drei Wochen vor ihrem Tod. Als mir alle ein Geburtstagsständchen gesungen haben. Ich fand es seltsam, dass sich ausgerechnet dieses Video öffnete. Denn erstens war ich gar nicht in der Videogalerie, und außerdem habe ich jede Menge Videos auf meinem Handy, und das ist bei weitem nicht das aktuellste, dass ich aufgenommen habe. Angesehen habe ich es mir nicht. Das geht immer noch nicht. Obwohl ich so gerne mal wieder die Stimme meiner Omi hören würde. Die seit fast fünf Monaten verstummt ist.

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